Kultur

Elektra im feldgrauen Kampfanzug und mit ihren Erinnerungen an den Vatermord im Kopf. (Foto: Theater Regensburg)

17.02.2012

Realistischer Atriden-Thriller

Kay Metzgers „Elektra“-Inszenierung am Theater Regensburg

 Das Nachkriegs-Mykene im Nachkriegs-Wien gespiegelt, das ist die Grundidee von Kay Metzgers Elektra-Inszenierung am Theater Regensburg. Die Tragödie der Atriden-Familie, der Mord am siegreichen Feldherrn Agamemnon, die Rache an der Gattenmörderin Klytämnestra und ihrem Geliebten: Die ganze Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal spielt bei ihm in einem düster-imperialen Ringstraßenpalais (Bühne: Michael Heinrich).
In dessen Vestibül unterhalb der steil geschwungenen Schautreppe brütet Elektra über ihren Mordgelüsten und ihren Erinnerungen. Um sie herum wuselt die Dienerschaft unter der Knute der „Aufseherin“. In der Beletage sitzt die „von den Motten zerfressene“ Königin, eine marode Mutter im Rollstuhl, die am Ende wie in einem Triumph den eigenen Sohn und Mörder hinaufführt – wo das Beil auf sie herniederfahren wird.
Wenn alle Gelüste und Obsessionen befriedigt sind, holt Orest seinen Brummkreisel aus Kindertagen, Chrysothemis ihre Puppe als Kindersatz aus dem alten Kinderzimmer, Elektra setzt sich in den Rollstuhl der Mutter, in dem sie einen wütenden Tanz aufführt. Um sie herum schleppt das Personal die Silberleuchter und Pelze davon: Revolution, Zusammenbruch der Monarchie – es fehlt nur noch, dass das Bild Agamemnons von der Wand gerissen wird. Das war den ganzen Einakter über der Mittelpunkt von Elektras Adoration: Aus einer roten Schachtel holt sie die Devotionalien und Erinnerungsstücke an den Vater, für den sie einen kleinen Hausaltar baut.
Die Geschichte dieser mythischen Herrscherfamilie, die psychologische Versuchsanordnung Hofmannsthals und des Fin-de-siècle gerät Metzger zu einem sehr realistischen Atriden-Thriller, spannend, packend – nur leider an einigen Stellen überbebildert, wenn immer wieder Rückblenden an glücklichere Tage das Publikum verwirren. Elektra, ihre Geschwister als Kinder, das Königspaar, sie treten unvermittelt aus den vielen Türen und Gängen des Palasts. Zum Hofmannsthal-Text, zu den Übertiteln, gibt es noch eine Erklärungsebene, die der Zuschauer nicht braucht und die ihn besonders am Ende verwirrt zurücklässt.
Kaum Einschränkungen – außer dem stimmlich fehlbesetzten Junky Orest – muss man hinsichtlich der musikalischen Realisierung machen. Sie geht deckungsgleich mit der wuchtigen Szene den Weg einer auftrumpfend dramatischen wie lyrischen Umsetzung durch das Philharmonische Orchester unter Tetsuro Ban. Der japanische Generalmusikdirektor hat von Anfang seiner Regensburger Zeit an keine Angst vor den ganz großen Brocken der Opernliteratur gezeigt und liefert auch hier eine überzeugende Umsetzung der epochemachenden Partitur.
Für die drei Hauptrollen hat er mit der dramatisch-durchschlagskräftigen Sabine Hogrefe (Elektra), der strahlenden Lyrik von Allison Oakes (Chrysothemis) und der psychologisch wie stimmlich vielschichtigen Studie „Klytämnestra“ von Manuela Bress großartige Interpretinnen. Die haben mit den wuchtigen Wogen des Orchesters keine Probleme und liefern ein eindringliches Spiel.
Das kommt Metzgers Regieansatz vom Ende des Habsburgerreichs perfekt entgegen. Der wirkt konzentriert und glaubhaft in seiner Mischung von Mythos und Realismus mit Zügen einer Zeit, die beide Autoren selbst durchleben mussten, Hofmannsthal besonders leidvoll. (Uwe Mitsching)

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