Kultur

Urkundenband samt Schlüssel und Holzspan - letzterer ist auf diesem Ausschnitt nicht zu sehen. Für eine Gesamtansicht der Archvalie klicken Sie bitte die Bildergalerie am Ende des Beitrags an. Bei dem Dokument handelt es sich um den „Lehenheimfall“ eines Hauses der Nürnberger Patrizierfamilie Muffel an das Hochstift Bamberg. (Foto Staatsarchiv Bamberg)

06.10.2017

Vielsagende Akten

Eine große Ausstellung im Münchner Hauptstaatsarchiv fördert Ungewöhnliches aus den Staatlichen Archiven Bayerns zutage

Es geht hier nicht nur um vermeintlich unleserliche, wenngleich prachtvoll verzierte Urkunden mit Siegeln in Gold, Blei oder Wachs. Archive haben sehr viel mehr zu bieten, darunter Dinge, die man dort nicht vermuten würde. Die Staatlichen Archive Bayerns sind wahre Schatztruhen – was sie alles hüten, davon zeugt eine Ausstellung, die seit 11. Oktober im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München zu sehen ist. Original! Pracht und Vielfalt aus den Staatlichen Archiven Bayerns heißt die Schau mit vielen bislang noch nie präsentierten Stücken.

Archive verwahren die schriftliche Überlieferung eines Landes, einer Kommune, einer Institution oder einer Familie. Archivalien wurden seit jeher als wertvolles Gut geschätzt und lagerten deshalb einst wohl verwahrt in Burgen, Schlössern, Klöstern sowie in kommunalen oder anderen möglichst feuersicheren Bauten.

Vielfältige Archivtypen

Akten und Urkunden dienten der Legitimation von Herrschaft und der Rechtssicherung. Waren es zunächst ausschließlich Rechtsgeschäfte, die vertraglich fixiert wurden, traten im Laufe der Zeit Nachrichten über Geschäfts- und Verwaltungsprozesse hinzu. Im 19. Jahrhundert öffneten sich die Archive mehr und mehr der Wissenschaft und Forschung. „Heute verstehen sich Archive als Kompetenzzentren für alle Fragen des Archivwesens und als Dienstleister für ihre Träger, für die Forscher, für Bürgerinnen und Bürger“, so die Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns, Margit Ksoll-Marcon.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Archivalien in ihren unterschiedlichen Formen und Gattungen: Urkunden, Amtsbücher, Akten, Pläne und Karten, Plakate und Flugblätter, Fotografien und audiovisuelle Medien – von Karl dem Großen bis zum Jahr 2015.

Einbezogen wurden erstmals in einer Archivausstellung auch Medien des ausgehenden 20. Jahrhunderts einschließlich des digitalen Schriftguts – ein noch recht neuer Archivalientyp. Seit 2009 kommunizieren alle Staatlichen Archive Bayerns ausschließlich per Computer. Der handschriftliche Briefbogen hat ausgedient, es gibt so gut wie keine papierenen Akten mehr, nur noch Digitalisate. Das gilt in gleicher Weise für Ministerien und andere offizielle Stellen, sodass aus den unterschiedlichsten Verwaltungen die Aktenabgaben online erfolgen, wozu es diverser Export-Schnittstellen bedarf.

Wie aktuell das Thema ist, kann man daran erkennen, dass erst ab 2019/20 die digitalen Archivalien in den Lesesälen der Archive angemessen betrachtet werden können. Bis dahin werden entsprechende Lesegeräte installiert sein.

Neben den digitalen Akten sind an Medienstationen in der Ausstellung auch analoge Filme, Tonbänder, Kassetten sowie DVDs zu sehen beziehungsweise zu hören und alte Karten per Zoom näher zu betrachten. Gerade in der heute von Digitalisierung geprägten Welt stellt sich besonders die Frage: Was sind Originale? In der Ausstellung sieht man sie jedenfalls zuhauf.

Die Präsentation ist weder thematisch noch regional noch chronologisch gegliedert, sondern nach Archivalientypen, die gewissermaßen kaleidoskopartig ausgebreitet werden. Derzeit verwahren die Staatlichen Archive Bayerns gut 46 Millionen Archivalien vom Jahr 777 bis heute. Da fiel die Auswahl der 126 Exponate aus den neun Staatlichen Archiven Bayerns nicht leicht. Das Bayerische Hauptstaatsarchiv ebenso wie die Staatsarchive Amberg, Augsburg, Bamberg, Coburg, Landshut, München, Nürnberg und Würzburg steuerten aussagekräftige Beispiele aus ihren Depots bei. Somit sind alle Regionen exemplarisch vertreten.

Die Ausstellung stellt das Archivgut jedoch nicht nur in archivkundlicher Hinsicht vor. Sie will darüber hinaus zeigen, dass Archivalien für vielfältige Fragestellungen ausgewertet werden können. In ihnen findet nicht nur der Historiker und Heimatforscher seine Quellen. Auch Kunst- und Architekturwissenschaftler, Ortsnamenforscher, Kulturgeschichtler, Trachtenforscher, ja sogar Biologen können Entdeckungen machen. Vermeintlich trockene Amtsbücher liefern nämlich nicht nur statistische und rechtliche Informationen. Vielfach gehen sie weit über das eigentliche Thema hinaus.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist das zweibändige Fischerbuch des Fürststifts Kempten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine Fülle von Tuschzeichnungen veranschaulicht nicht nur die Arbeit der Fischer und heute längst verlorene Gebäude, sondern auch die dort heimischen Fischarten sowie über 70 „Wasser-, Moos- und Raub-Vögel“, die einst im Kemptener Gebiet zu finden waren – eine einzigartige Quelle für Ornithologen.

Narrenköpfe im Amtsbuch

Der Verfasser eines anderen Amtsbuches, des Urbars der Zisterzienser in Schlüsselau (Landkreis Bamberg), war besonders einfalls- und kunstreich, indem er die Besitzaufzeichnungen mit Narrenköpfen, Chimären, allerlei Figuren und Tieren verzierte. Und das Kuchlbuch der Benediktinerabtei Seeon von 1531 verrät nicht nur, was die Mönche wann gegessen haben.

Es darf vermutet werden, dass in früheren Schreibstuben nicht immer nur streng und sachlich Texte geschrieben wurden. Manchmal scheint es sogar heiter zugegangen zu sein. Mancher Schreiber entwickelte durchaus künstlerische Fähigkeiten, sogar bei der Ausfertigung von politisch bedeutenden Urkunden. Liebevoll verzierten sie Ränder und Initialen mit Blumen- und Rankenwerk, auch mit Wappen und hochpolitischen Anspielungen. So zum Beispiel auf einer Urkunde Kaiser Ludwigs des Bayern, bei der in der „L“-Initiale der Reichsadler den Löwen schlägt, das Wappentier seines Widersachers König Robert von Neapel aus dem Hause Anjou: Das Kaisertum bezwingt gewissermaßen bildlich das Böse.

Neben Urkunden, die durch ihre Ausgestaltung faszinieren, liegen ein paar eher unscheinbare, vielfach sogar maschinengeschriebene Papierbögen in den Vitrinen des Ausstellungsgebäudes in der Münchner Ludwigstraße. Auch sie haben es in sich. Meist sind es bedeutende Verträge, wie die erste demokratische Verfassung Bayerns vom 14. August 1919, die nach ihrem Entstehungsort die „Bamberger Verfassungsurkunde“ genannt wurde, oder der Staatsvertrag zwischen dem Freistaat Bayern und Coburg, mit dem 1920 der Anschluss Coburgs an Bayern besiegelt wurde.

Auch dem Entwurf der bayerischen Verfassung von 1946, deren Original verschollen ist und seit 1947 mit wechselnder Intensität gesucht wird, kommt Bedeutung zu. Das Fehlen des Originals wurde aktenkundig, als ein Mitarbeiter in der Staatskanzlei aufgrund von Fehlern in der gedruckten Fassung das Original einsehen wollte. Als Ersatz wird nun der auf schlechtem Papier vervielfältigte Entwurf der „Verfassung des Volksstaates Bayern“ in Ehren gehalten.

Alltag in Karten

Besonders viele unerwartete Funde lassen sich in der Abteilung Pläne und Karten machen: Sie sind mit all den topografischen Details geradezu ein Dorado für Ortschronisten. Doch auch zahlreiche kleine Zeichnungen zum Alltagsleben sind darauf zu entdecken, wie Frauen beim Wäschewaschen oder Adelige beim Picknick. Teilweise entdeckt man anekdotische Details darin, etwa auf einer Zeichnung zum Bau der Pegnitz-Brücke in Nürnberg, auf der nicht nur Handwerker ihren schweißtreibenden Tätigkeiten nachgehen, sondern auch ein Flaneur neugierig über den Bauzaun lugt.

Architektonische Zeichnungen sind in diesem Bestand ebenso enthalten wie technische. Wer möchte einmal die Konstruktion einer bayerischen Guillotine von 1854 studieren? In der Ausstellung hat er dazu Gelegenheit. Selbst das Architekturmodell des Olympiageländes von 1972 wird im Staatsarchiv München verwahrt und jetzt ausgestellt.

Das Originalmodell des Münchner Olympiageländes befindet sich in der Außenstelle des Staatsarchivs München auf der Willibaldsburg in Eichstätt. Lesen Sie dazu den Beitrag Großes im Kleinen in der
BSZ-Beilage Unser Bayern 
Ausgabe März/April vom 23. März 2017. 

Auch andere Überraschungen halten die Archive bereit: Wer hätte etwa gedacht, dass man dort touristische Werbeplakate findet? Naheliegend sind freilich politische Plakate: sei es zu Wahlen oder zum AntiWAAhnsinns-Festival 1986 gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Doch das Plakat, mit dem man anno 1930 die Skifahrer „mit der Wank-Bahn zum Skigelände in der Höhensonne“ bei Garmisch-Partenkirchen lockte? Oder alte Theaterzettel? Ein Fotoalbum, das anlässlich einer Fürstenhochzeit in Coburg angelegt wurde, wäre eine Fundgrube für die Klatschspalten, war unter den Gästen doch viel Hochadel, einschließlich der englischen Königin Victoria. Deren von ihr persönlich und Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha 1840 in Windsor Castle unterschriebener Ehevertrag wird übrigens auch im Staatsarchiv Coburg verwahrt.

Überraschungen in Privatem

Ein ganz spezieller Bestand sind private Nachlässe und Sammlungen: Da sie nicht zwingend der verwaltungsmäßigen Ordnung entsprechen, entpuppen sie sich nicht selten als richtige Wundertüten.
Die Ausstellung Original! Pracht und Vielfalt aus den Staatlichen Archiven Bayerns liegt Margit Ksoll-Marcon besonders am Herzen, was nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck kommt, dass erstmals in der Geschichte der Archivausstellungen professionelle Hilfe von außen geholt wurde, um die Exponate in den Räumen, aber auch im Katalog und auf dem Plakat ins rechte Licht zu rücken. „Es geht uns darum, deutlich zu machen, wie sich im Laufe der Zeit das Verwaltungshandeln verändert hat“, so die Generaldirektorin. (Cornelia Oelwein)

Information: Original! Pracht und Vielfalt aus den Staatlichen Archiven Bayerns, 11. Oktober bis 5. Dezember. Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Ludwigstraße 14, 80539 München. So. bis Fr. 10-18 Uhr

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