Kultur

Aus Ärger über die Kritik an seinem "Akt eine Treppe herabsteigend" verließ Marcel Duchamp Paris und zog für drei Monate nach München. Das einst umstrittene Gemälde gastiert derzeit als Leihgabe aus Amerika im Münchner Kunstbau. (Foto: Succession Marcel Duchamp / VG Bild-Kunst)

01.06.2012

Völlig befreit an der Isar

Marcel Duchamp im Münchner Kunstbau

In München wurde alles erfunden: Der Jugendstil in der Zeitschrift Jugend, die abstrakte Malerei von Kandinsky und die russische Revolution von Lenin, der damals hier im Exil lebte. Dass in München außerdem der Dadaismus erfunden wurde, von Karl Valentin, gilt in München längst als offizielle Lehrmeinung. Und jetzt warten Forscher mit einer weiteren Sensation auf: In München wurde auch das Rad neu erfunden – von Marcel Duchamp. Der große Franzose, der die Kunst so radikal erneuerte wie kein Zweiter, weilte nämlich 1912 für drei Monate in der Stadt, nachdem er Paris verärgert verlassen hatte, weil sein heute weltberühmtes Bild Akt eine Treppe herabsteigend bei den Künstlerkollegen nicht so ankam.
In München wohnte er in der Barer Straße, malte dort seine beiden letzten Bilder und entwickelte einen völlig neuen Kunstbegriff jenseits von Öl und Leinwand, so dass er schließlich ein Fahrrad-Rad umgekehrt auf einen Hocker montierte und damit das erste „Ready-Made“ schuf. Letzteres geschah zwar erst 1913 in Paris, aber die Ideen dafür waren Duchamp in München gekommen. Warum sonst datierte er das Rad auf 1912 zurück? Und hatte er nicht selbst bekannt: „Mein Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung.“
Um so erstaunlicher, dass erst jetzt, zum hundertjährigen Jubiläum, dieses denkwürdigen Aufenthalts mit einer Ausstellung gedacht wird – der ersten Duchamp-Schau in München überhaupt. Die Kuratoren haben im Kunstbau des Lenbachhauses eine sehr übersichtliche Präsentation inszeniert, die in ihrer augenzwinkernden Mischung aus Lokal-Größenwahn, Wissenschafts-Huberei und seriöser Dokumentation selbst eine wunderbar dadaeske Absurdität und Komik ausstrahlt.
Um die Münchner Atmosphäre von 1912 zu vergegenwärtigen, ist etwa ein historischer Film aus jenem Jahr zu sehen, eine flimmernde Schwarzweiß-Inkunabel des bewegten Bildes, die Münchner Leben „abbildet“: Da werden ständig Maßkrüge gestemmt, Fässer angezapft – und gearbeitet haben damals sowieso nur Frauen. Im Film sieht man jedenfalls die legendären Trambahnritzenreinigerinnen mit Kompotthütchen auf dem Kopf herumwuseln und ihr Reinigungswerk verrichten.

Inspirierende Maschine

Weil es aber schließlich um Kunst geht, werden auch – als sensationelle Leihgaben aus Amerika – der Akt eine Treppe herabsteigend sowie die in München entstandenen Gemälde Braut und Der Übergang von der Jungfrau zur Braut gezeigt. Auf den beiden letzteren ist jeweils ein Zwischending aus Gewächs und Maschine dargestellt, weswegen sie gemeinsam mit einem aufgeschnittenen Motor aus dem Deutschen Museum präsentiert sind, das den Franzosen bei seinen Besuchen stark inspiriert haben soll.
Und weil Duchamp in München vielleicht auch einen Auftritt von Karl Valentin erlebte, läuft in der Ausstellung dessen früher Stummfilm Die Hochzeit – was ja irgendwie in Beziehung zu den Titeln von Duchamps Braut-Gemälden steht. Wem das an den Haaren herbeigezogen scheint, der vergisst, dass in München das Motto gilt: „Passt scho’!“ – eine Maxime, die Duchamps gesamtes weiteres Werk entscheidend prägen sollte. (Alexander Altmann)

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