Kultur

Die werktreue Inszenierung faszinierte das Premierenpublikum. (Foto: Bayerische Staatsoper)

21.11.2014

Volltreffer auch ohne Netrebko

Giacomo Puccinis „Manon Lescaut“ an der Bayerischen Staatsoper

Auch eine Absage kann ein Glücksfall sein. Dass Star-Sopranistin Anna Netrebko zwei Wochen vor der Premiere von Giacomo Puccinis Oper Manon Lescaut am Münchner Nationaltheater das Handtuch geworfen hat, ist durchaus ein solcher Glücksfall. Für sie hat Kristine Opolais kurzfristig die Titelpartie übernommen, und eine bessere Besetzung lässt sich für diese Produktion nicht denken. Das zeigte die umjubelte Premiere.
Sowohl stimmlich als auch darstellerisch passt Opolais bestens mit dem Tenor Jonas Kaufmann zusammen. Er gestaltet die Rolle von Manons Geliebten Renato Des Grieux. Schon im Sommer waren beide in London mit dieser Oper von Puccini zu erleben. Kaufmann und Opolais geben auf der Bühne alles. Darüber hinaus hinterfragen sie das Klischee eines Puccini-Gesangs, der „Italianità“ mit Stimmgewalt verwechselt.
Gemeinsam kreieren sie eine Art vokale Kammermusik, die wiederum zur farbenreichen Differenzierung des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Alain Altinoglu passt. Zudem profitiert davon die Inszenierung von Hans Neuenfels, der in seinem Puccini-Debüt mit konsequenter Reduktion arbeitet. Neuenfels erzählt die Manon-Oper sehr musikalisch sowie dramaturgisch und textlich höchst präzise.
Eine ausgeprägte Werktreue wird geboten, die ohne verstaubten Historismus auskommt. Selbst die teilweise ironisch gebrochenen Texteinblendungen lassen sich mit Puccinis Intentionen begründen, denn: Die Partitur ist ihrerseits mit programmatischen Erläuterungen aus der Erzählvorlage von Antoine-François Prévost angereichert. Als Fremdkörper kann nur der Chor erscheinen, der in grauen Kostümen mit breiten Hüften und roten Köpfen über die Bühne wuselt.

Altersmilder Neuenfels

Hier zitiert Neuenfels die Laborratten aus seinem Bayreuther Lohengrin. Auch in Manon entlarvt Neuenfels damit die uniforme Masse Mensch. Aus dieser subjektlosen Menge treten Manon und Renato als wahrhaftig Liebende umso deutlicher heraus. Dabei profitiert Neuenfels von einem Ensemble, das bis in die kleinste Rolle glänzend besetzt ist – allen voran Markus Eiche als Manons Bruder Lescaut.
So kann die Staatsopern-Intendanz aufatmen, weil die kurzfristige Absage Netrebkos leicht ein Fiasko hätte werden können. Endlich sollte Netrebko nun auch in München in einer Neuproduktion zu erleben sein, noch dazu an der Seite von Star-Tenor Kaufmann. Auf diesen Starreigen war die ganze Produktion geeicht, umso größer war der Unmut über die Absage. Einige Premierengäste wollten die bereits gekauften Karten zurückgeben. Die Karten wurden jedoch weder erstattet noch umgetauscht. Ein guter Stil ist das nicht, zumal die Paarkombi Netrebko und Kaufmann PR-wirksam im Fokus stand. Warum Netrebko abgesagt hat, darüber schweigt sie sich bislang aus. In einem Interview verriet Kaufmann, dass zwischen Netrebko und Neuenfels „die Chemie nicht gestimmt“ habe.
Das ist glaubwürdiger als die offizielle Sicht, wonach Netrebko ein Problem mit der Regie gehabt habe. Auch Neuenfels hat das in Interviews verbreitet, aber: In der Vergangenheit hatte Netrebko in weitaus gewagteren Inszenierungen mitgewirkt als in der jetzigen Manon. Auch im Vergleich zu seinem Bayreuther Lohengrin gibt sich die Münchner Manon von Neuenfels altersmilde. (Marco Frei)

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