Kultur

Nicht die Politik, sondern das Erlebnis des gemeinsamen Spiels stand für die Jugendlichen der beiden Orchester aus Deutschland und aus Venezuela im Vordergrund des Austauschprojektes. (Foto: Frei)

26.08.2011

Vom Latinofieber infiziert

Das Bundesjugendorchester gastierte in Venezuela

Deutscher Orchesternachwuchs lernt südamerikanische Spielfreude kennen: Das Bundesjugendorchester ist nach Caracas gereist, um mit einem Jugendorchester von „El Sistema“ zu kooperieren. Auch Musikerinnen aus Bayern waren dabei.

Wie ein Krebsgeschwür hat sich Caracas in das Tal des Ávila-Massivs gefressen. Die Hauptstadt Venezuelas ist ein lärmender, smogverseuchter Moloch. Nicht nur die Kessellage drückt auf Caracas, sondern auch die krassen sozialen Gegensätze und die infernalische Kriminalität. Mittlerweile gilt die südamerikanische Metropole als Welthauptstadt für Tötungsdelikte. Raubmord, Entführungen, Erpressungen, Drogen, korrupte Beamte: Die Reisehinweise des Auswärtigen Amts lesen sich wie ein Horrorroman. In dieser Stadt ein kulturelles Austauschprojekt mit Jugendlichen zu stemmen, darf man gut und gerne als gewagt bezeichnen. Und als notwendig.
Das Bundesjugendorchester (BJO) hat mit dem Jugendorchester Teresa Carreño (TC) aus Caracas ein solches Projekt ausgetüftelt. Dafür reiste das BJO, das zu den besten Nachwuchsensembles der Welt zählt, vergangene Woche nach Caracas. Auch bayerische Musiker waren dabei, darunter Magdalena Lautenbacher aus Starnberg und Elisabeth Heuberger aus Bad Tölz. Beide sind 19 Jahre alt und streichen die Geige. „Mein erster Eindruck von der Stadt Caracas war ziemlich schockierend, muss ich sagen“, sagt Magdalena Lautenbacher. „Es ist halt komplett anders als bei uns. Aber dann fand ich es schön – auch wenn alles ziemlich verdreckt ist.“ Bei Elisabeth Heuberger war es genau umgekehrt: „Zuerst war ich ziemlich beeindruckt von Caracas.“ Zunächst habe sie sich an Tokio erinnert gefühlt – „meine Mutter kommt aus Japan“. In einem Punkt treffen sich beide: „Die Menschen sind unheimlich nett, freundlich und herzlich. Das macht alles wieder wett. Sie leben sehr einfach und sind trotzdem so froh.“
Von dieser venezolanischen Offenheit profitierte gerade auch das Austauschprojekt zwischen den beiden Nachwuchsorchestern. Das Jugendorchester Teresa Carreño (TC) wurde 2007 gegründet. Beim Beethovenfest in Bonn hatte das Ensemble 2010 sein Europa-Debüt gegeben. Verbunden ist der Name des Orchesters mit „El Sistema“: Diese staatliche Stiftung, die vor 36 Jahren von José Antonio Abreu gegründet wurde, vereint Musikschulen und Sinfonieorchester in ganz Venezuela. Auch das Simón Bolívar Jugendorchester, das unter Gustavo Dudamel internationale Berühmtheit erlangte, ist Teil von „El Sistema“. Weil nicht zuletzt Kindern und Jugendlichen aus den Armenvierteln durch Musik eine Perspektive geschenkt wird, hat sich „El Sistema“ weltweit zu einem Vorbild für Musikvermittlung entwickelt.
Schon 2006 hatte das Bundesjugendorchester mit „El Sistema“ zusammengearbeitet. Bei der jetzigen Kooperation drehte sich alles um das 200-jährige Jubiläum der ersten Unabhängigkeitsbestrebungen in Südamerika. Höhepunkt war das gemeinsame Musizieren des deutschen und venezolanischen Nachwuchses.

Laut und doll

Das ging nicht ohne Schwierigkeiten ab: Gerade das gemeinsame Proben und Musizieren zeigte eher, wie unterschiedlich die musikalischen Mentalitäten sind. Lauter und doller, das war die Devise bei den Venezolanern. Südamerikanisches Latinofieber, wie man es auch von dem Bolívar-Orchester und Dudamel bestens kennt. Emotionalität bedeutet hier alles zwischen Mezzoforte und Fortefortissimo. Einer differenzierten Ausgestaltung von Klang, Dynamik und Ausdruck, wie dies gerade auch beim BJO gepflegt wird, lauschte man vergeblich.
Elisabeth Heuberger hatte damit jedoch keine Probleme: „Ich glaube, es ging mehr um die Kooperation und Kommunikation zwischen uns als um ein musikalisch tolles Ergebnis.“ Das Zwischenmenschliche habe auch tatsächlich „super geklappt“. „Zwar konnte man sich oft sprachlich nicht verständigen, weil nur wenige unserer venezolanischen Mitstreiter Englisch konnten. Aber umso mehr haben wir unsere Gefühle durch die Musik gezeigt. Das hat mir sehr gefallen.“
Das BJO hatte ursprünglich vorgeschlagen, auch Bruckners Sinfonie Nr. 8 gemeinsam einzustudieren, letztlich war dieses interkulturelle Projekt programmatisch doch eher südamerikanisch gefärbt: lateinamerikanische Cross-Over-Werke von Alberto Ginastera, Arturo Márquez und Gonzalo Grau. „Uns haben die Stücke gut gefallen“, betont Magdalena Lautenbacher, „es ist halt etwas ganz anderes, als das, was wir sonst spielen.“
Ein Kuriosum bei der Zugabe: Die deutschen Nachwuchsmusiker zogen sich Jacken im Design der Flagge von Venezuela an. „Ein Land wie Venezuela darf so etwas machen“, meint Elisabeth Heuberger, „weil es ein armes Land ist, das trotzdem stolz ist. Deutschland dürfte das nicht so machen, wegen unserer Geschichte. Das passt einfach nicht.“ Auch Magdalena Lautenbacher fand die „Flaggenaktion“ gut. „Ich habe mich sehr integriert gefühlt. Beim Spielen wurde ich sehr gut aufgenommen von dem Orchester. Mit den Jacken gewann das noch. Die Jacken waren schon ein großes Geschenk, und wir haben das gar nicht nationalistisch aufgefasst.“
Trotzdem ist diese Aktion nicht ganz unproblematisch. Die Präsidentschaft von Hugo Chávez (seit 1998) ist geprägt von Verstaatlichung und autoritärer Macht. Auch das Projekt „El Sistema“ ist davon betroffen: Seit Anfang 2011 ist die Stiftung direkt dem Büro des Präsidenten unterstellt; ursprünglich war sie beim Ministerium für Gesundheit und Sozialwesen ansässig, denn Gründer José Antonio Abreu hatte stets die soziale Zielsetzung dieses Projekts betont. Auch wenn sich „El Sistema“ politisch neutral gibt, ist die Nähe zum Präsidentenbüro brisant. Und wenn nun also junge deutsche Musiker bei einem gemeinsamen Konzert venezolanische Nationalfarben tragen, liefert dies dem umstrittenen Präsidenten auch willkommene Propaganda-Bilder.

Mehr Spaß zeigen

Aber solche Gedanken machten sich die beiden Bayerinnen im Bundesjugendorchester erst einmal nicht. Magdalena Lautenbacher war primär begeistert von der überschäumenden Spielfreude der Venezolaner. Selbstkritisch zieht sie Bilanz: „Ich finde, dass das wirklich bei uns fehlt. Wir sind sehr konzentriert und sehr gut vorbereitet. Wir haben auch unseren Spaß, allerdings finde ich, dass man uns das nicht ansieht – vor allem nicht in den Konzerten. Ich fände es schön, wenn wir das aus Venezuela mitnehmen könnten. Dass man eben nicht mit so einem Gesicht da drin sitzt und spielt. Seelisch bringt man die Musik so nicht ans Publikum.“ Dass es in einem Profiorchester mit Erwachsenen ernster zugeht, ist für die junge Geigerin „okay“. „Aber wir sind ein Jugendorchester, und da müssen wir den Leuten auch zeigen, dass wir einen unglaublichen Spaß an der Musik haben.“
So war die Reise nach Venezuela und die Kooperation mit „El Sistema“ für die jungen Musiker ein besonderes, prägendes Erlebnis. Die bittere Pille: Das deutsche Auswärtige Amt hat zu den vom BJO beantragten 200 000 Euro nur 50 000 Euro beigesteuert. Das ist Sparen auf Kosten der doch auch bei uns immer stärker geforderten Förderung von kulturellen Initiativen, in denen Jugendliche sich aktiv engagieren. (Marco Frei)

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