Kultur

Designer sind nicht Gehilfen des Marketing, sagt Forian Hufnagl, und „ein Design-Museum muss sich mit der geistigen Idee eines Produkts auseinandersetzen.“ (Foto: Roman Thomas)

24.01.2014

"Wir müssen das Prinzip Museum völlig neu denken"

Nach über drei Jahrzehnten verlässt Florian Hufnagl die Neue Sammlung – in Gedanken hat er bereits eine kleine Revolution vorbereitet

"Ich bin wie ein Stabläufer. Ich hab das Holz genommen, bin damit gelaufen, und jetzt gebe ich es an den nächsten weiter.“ Punkt. Florian Hufnagl fügt doch noch schnell hinzu: „Ich werde nicht das ultimative Design-Buch schreiben.“
Lakonisch gibt sich der Chef der Neuen Sammlung in München – was Wunder, wird er dieser Tage doch ständig gelöchert: Was wird er machen, wenn er zum 1. Februar in den altersbedingten Ruhestand geht? Dass er sich langweilen wird, glaubt wohl niemand. Und so zielen die Fragen vielleicht weniger auf ihn persönlich ab – vielmehr meinen sie: Wie kann man sich die Design-Szene ohne Florian Hufnagl vorstellen?
Seit fast 24 Jahren ist er Direktor der Neuen Sammlung, zuvor war er schon zehn Jahre als Kurator dort. Über drei Jahrzehnte im selben Haus: In anderen Institutionen, in manchem Unternehmen mag gelten, dass es da höchste Zeit für einen Wechsel, für Verjüngung und frischen Wind wäre. Nicht so bei Florian Hufnagl. Man hat eher den Eindruck: Je länger er im Geschäft ist, desto dynamischer, geistig jünger, ideenreicher und Neues, ja Umwälzendes fordernder ist er geworden. Und wenn er gestenreich und mit geradezu feuereifrigem Augenblitzen sagt „die Welt im Design-Museum ist im gigantischen Umbruch. Man muss das Prinzip des Museums in Frage stellen, es völlig neu denken“, dann meint man doch einen Hauch Bedauern zu hören, dass er selbst nicht mehr der „Revolutionsführer“ sein wird.

Trennung in Backoffice und mobiler Truppe

Denn die Ideen, die Florian Hufnagl da umtreiben, und die es seiner Meinung nach dringend umzusetzen gilt, fordern einen gstandnen, „politischen“ Museumsexperten – immerhin geht es um die Grundfeste des gängigen staatlichen Museumsbetriebs. Hufnagl ist übrigens nicht „nur“ Chef der Neuen Sammlung, sondern auch langjähriger (seit 1998) Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Staatlichen Museen und Sammlungen in Bayern.
Florian Hufnagl sieht die Zukunft der Neuen Sammlung so: „Ich brauche ein Backoffice und eine mobile Truppe.“ Backoffice – das ist der harte Kern um den Museumschef herum, der die klassische Museumsarbeit erledigt. Und dafür auch den Rücken frei hat – denn die mobile Truppe soll für einzelne Projekte eingesetzt werden. Die „Schaustelle“ im vergangen Jahr hat ihn bestätigt: Von seiner „Mannschaft“ hat er kaum mehr jemanden zu Gesicht bekommen – die Arbeit „draußen“ im Pavillon verschlang sie.
Die einen Mitarbeiter sollen Staatsbedienstete sein, ist sich Hufnagl sicher, weil sie „unabhängig wie Richter sind“. Die anderen dagegen „müssen nicht lebenslänglich hier arbeiten. Ich brauche projektbezogene Experten“. Und „mobile Truppe“ meint einerseits, sie inhaltsbezogen flexibel einsetzen zu können, andererseits aber tatsächlich Mitarbeiter rund um den Globus schicken zu können: Südkorea, Japan, Hongkong, Brasilien ... Als Nummer 1 unter den Designmuseen kann man sich nicht zuhause einigeln. Für Florian Hufnagl ist es selbstverständlich, dass ein Designmuseum in Fragen des aktuellen Designs immer die Nase vorn haben muss, den Puls der Zeit fast als erster spüren muss (wenn nicht sogar beeinflusst). Er selbst ist vielgefragtes Jurymitglied: „Da sehe ich Gestaltungsideen, noch lange bevor sie in Unternehmen und in der Produktion ankommen.“

Schaufenster für die Pinakothek der Moderne

Hufnagls Vorstellung von einer Umstrukturierung des Museumsbetriebs klingt sinnvoll – ist aber kaum durchführbar, jedenfalls nach den geltenden Rahmenbedingungen, wie ihm bewusst ist: Würde das Museum einen Teil seiner Planstellen preisgeben und sie in zeitlich befristete Stellen umwandeln, wäre es, als würde das Kalb selbst zum Schlachthof gehen: Haushaltspolitiker würden diese Stellen als „ihre“ Variablen betrachten: Je nach Haushaltslage hebt oder senkt sich der Daumen. Irgendeine Art von „Sicherheit“ müsste also ausgearbeitet werden.
Florian Hufnagl stand schon einmal an der Spitze einer Umwälzung: 2002 zog er mit der Neuen Sammlung aus einer besseren Hausmeisterwohnung in der Münchner Prinzregentenstraße (Nationalmuseum) in die Pinakothek der Moderne. Auch das war nicht nur ein physischer Ortswechsel nach einem Dreivierteljahrhundert Sammlungsgeschichte – das war vor allem ein geistiger Wechsel: Design als gerne „unkünstlerisches“ Nischenmetier stiefmütterlich behandelt, bekam im weltberühmten Kunstareal seinen Platz ebenbürtig zu den „freien“ Künsten. Ja, gewiefter Designer des Designs wie er ist, verschaffte Florian Hufnagel der Sammlung in der Pinakothek der Moderne sogar einen prominenten Auftritt in allererster Reihe, sicherte ihr das Schaufenster: Schon im Vorbeigehen wecken all die „schönen Dinge“ Neugier und werben für das gesamte Haus.

Der Staat könnte mehr Stolz auf seine Designer zeigen

So gehört sich das: Die Neue Sammlung mit ihren gut 100 000 Objekten ist das weltgrößte und bedeutendste Designmuseum, definiert Florian Hufnagl das Ranking. Darauf ausruhen ist nicht drin, denn die Masse allein macht den Status nicht aus, nicht nur jedenfalls: „Design ist eine geistige Disziplin“, sagt der Sammlungsdirektor, und die Pinakothek der Moderne sei dafür der „Meeting Point“, wo die Auseinandersetzung, die Reflektion über Trends am Puls der Zeit und die Zukunft ihren realen Ort habe. Einen jedoch nur, wenn auch einen besonders repräsentativen.
Denn Design ist global, kennt keine Ländergrenzen: So wie die Unternehmen weltweit agieren, tun dies in Symbiose auch die Designer. „Sie geben den Unternehmen und ihren Produkten erst das Gesicht. Sie sind Recht eigentlich Kulturbotschafter ihres Landes.“
Umso mehr wünscht sich Florian Hufnagl mehr politische Anerkennung – seine Kritik verpackt er diplomatisch diskret: „Holland hat zum Beispiel wenige Unternehmen, aber viel Design, und das wird von der Politik groß herausgestellt. Dort ist man regelrecht stolz darauf. Das gilt auch für Frankreich und Italien.“ Hierzulande vermisst er diesen Stolz – der sich ruhig auch tatkräftig äußern dürfte: Die selbstverständliche Integration in Cluster – und warum werden zu einer Delegation, die den Ministerpräsidenten oder einen Minister ins Ausland begleitet, neben Unternehmern nicht auch die Entwerfer von Produkten eingeladen? Und wenn der Designexperte gar noch an die Möglichkeiten denkt, die sich in Auslandsvertretungen als Bühnen für heimische Designer anböten, quasi mit staatlicher Visitenkarte gerüstet ....
„Aber“, beeilt sich Florian Hufnagl zu ergänzen, „Designer sind keinesfalls Erfüllungsgehilfen des Marketing, sie sind nicht Teil einer Verführung!“ Die Rolle des Designmuseums will da auch abgesteckt sein – eine knappe Lehreinheit folgt (Hufnagl ist ein profunder Lehrer, zuerst mit Lehrauftrag an der LMU, seit 1997 Honorarprofessur an der Akademie der Bildenden Künste): „Design ist zunächst eine Idee. Dann wird daraus eine Gestaltungs- und eine Herstellungsfrage. Das ergibt dann eine Aussage. Und an die gehen Unternehmen und ein Designmuseum ganz unterschiedlich heran. Erstere sehen das Produkt nur noch als Gegenstand von Marketing. Das Museum dagegen kümmert sich um die geistige Idee des Produkts, den Kern der Gestaltungsfrage.“

Wie müssen Rollatoren für Männer aussehen?

Der Museumsdirektor erklärt beispielhaft: „Mir ist egal, wie heute ein Auto aussieht. Mich interessiert vor allem die Frage, welche Mobilität wir künftig brauchen. Da ist ein schickes Auto nebensächlich. Es geht ums Prinzipielle: Ich brauche einen beweglichen Raum, der mich von A nach B bringt.“ Design rührt an Fragen der Gesellschaft, ist politisch: „Nehmen Sie auch das Thema alternde Gesellschaft. Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir damit formal umgehen. Wie müssen zum Beispiel Rollatoren aussehen, dass auch mehr Männer sie benutzen?“
Freilich gebe es kein deutsches, oder gar bayerisches Design, erklärt er. „Es gibt kein nationales Design, aber ein kulturell gebundenes.“ Und an dessen Beständigkeit glaubt er fest – es schaudert ihn regelrecht, wenn er an derart „globalisiertes Design“ denkt, wie es ihm in den „chinesischen Lollipop-Farben“ begegnet, die in Windeseile die Alltagsgegenstände weltweit überziehen. „So ein globales Design lassen sich die Leute auf Dauer nicht gefallen.“
An den Rebellengeist der Menschen glaubt Florian Hufnagl auch, wenn er darüber nachdenkt, wie sich gegenwärtig ein wichtiges Parameter des Designs wandelt: „Wir erleben eine gigantische Verödung. Das Dreidimensionale verschwindet. Alles IT ist flat. Wir schauen nur noch auf Screens, und die sind zweidimensional. Das verändert die Auseinandersetzung mit dem Objekt.“ Droht Gefahr, dass das Interesse an der real gestalteten Welt schrumpft, letztlich die Fähigkeit, die Dinge zu „begreifen“ verloren geht? „Alles ruft doch eine Gegenreaktion hervor“, hält Hufnagl dagegen, eines bleibe nämlich: „Der Mensch definiert sich über Objekte.“

Schuh mit integriertem Deo

Dem Designmuseum wird also das klassische Produktdesign (neben Grafik- und Kommunikationsdesign) erhalten bleiben – und zwar nicht nur im „Verwalten“ der bestehenden Sammlung. Dieser „klassischen Museumsarbeit“ hat Florian Hufnagl in den vergangenen Jahren ein zusätzliches, singuläres Profil verpasst: Er hat es zu einer der ersten Adressen („wir sind weltweit führend“) geformt, wenn es um die Konservierung von Designobjekten aus Kunststoff geht. Die Restaurierungsabteilung ist eine der ersten im Museumsbereich, die sich dem Thema derart intensiv widmet.
Die Probleme mit den „schönen Dingen“ werden nämlich immer drängender: Da ein Tischventilator, dessen Flügel ohne Zutun absplittern. Dort Gaetano Pesces Möbelobjekt Il Piede, dessen Kunststoffoberfläche allmählich zu einer krankhaft anmutenden Krateroberfläche mutiert. „Die Besucher bekommen das natürlich nicht mit. Diese Probleme werden alle im Hintergrund diskutiert.“ In der Neuen Sammlung sind gut 80 Prozent der Objekte nach 1945 aus Kunststoff. Weichmacher diffundieren, unter Licht zerfallen Strukturen, unvorhergesehene Reaktionen mit anderen Materialien treten auf ... Da könnte mancher Ausstellungsbesucher vermuten, dass das experimentelle Schuhdesign der Stararchitektin Zaha Hadid unter Glas steht, weil es besonders wertvoll ist und halt als Ikone präsentiert werden soll. Nichts da! Florian Hufnagl hat das in Brasilien produzierte Schmuckstück in einem Labor untersuchen lassen, und beim Blick aufs Analyseergebnis stand für ihn gleich fest: nur unter Glas! In dem Kunststoff ist nämlich sozusagen ein Vanille-Deo integriert, das seinen Duft verströmt.
„Wir leisten hier Forschungsarbeit. Und davon profitieren wiederum die Unternehmen. Das wird gerade in Zeiten des rapid prototyping immer wichtiger, wenn CAD-generierte Produkte unmittelbar in die Produktion gehen“, betont Hufnagl. Die Pinakothek der Moderne ist auch in dieser Hinsicht ein „Meeting Point“: Im vergangenen Herbst wurde dort zum dritten Mal der internationale Kongress „Future Talks“ übers Restaurieren von modernen Designobjekten durchgeführt. Über 300 Teilnehmer aus aller Welt kamen.
Florian Hufnagl hat Die Neue Sammlung zu einer Top-Adresse von internationalem Renommee gemacht – und doch wurmt es ihn, bei einem scheinbar banalen Thema nicht weitergekommen zu sein: „Das Museum braucht ein verkehrsnahes Depot, das unsere Arbeit nach modernen logistischen Gesichtspunkten erlaubt.“ Derzeit sind die Schätze auf sieben Depots übers Land verstreut. Wegen der bedeutenden Sammlung ist man in einen weltweiten Austausch eingebunden – „aber die Transportkosten fressen viel von unserem Budget.“ Die Lösung dieses Themas muss Florian Hufnagl dem nächsten „Stabläufer“ hinterlassen.
Auch wenn er nicht mehr „technisch ausgerüstet“ ist, womit er vor allem sein Team meint, und wenn er auch kein „öffentliches Mandat“ mehr hat: So ganz aus der „Szene“ wird er bestimmt nicht verschwinden – „ich kann mein Fachwissen doch nicht einfach an den Nagel hängen.“ Seine optimistische Gelassenheit lautet: „Ich habe einmal mein Hobby zum Beruf gemacht. Nun mache ich meinen Beruf wieder zum Hobby.“ (Karin Dütsch)

Abbildung (Foto: Viertlböck)
Ein Schaukasten, der Besucher aus aller Welt auf den Geschmack bringt: Seit 2002 ist die Neue Sammlung, das älteste und größte Design-Museum der Welt, in der Pinakothek der Moderne beheimatet.

Bis über die Nachfolge Florian Hufnagls als Direktor der Neuen Sammlung entschieden ist, wird seine bisherige Stellvertreterin, Landeskonservatorin Corinna Rösner, das Museum leiten.

 

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