Landtag

Aromen über Aromen – die Flüssigkeiten für E-Zigaretten, sogenannte Liquids, gibt es sogar mit Cola- und Kaugummigeschmack. (Foto: dpa)

09.05.2014

Glimmstengel mit Bonbongeschmack

Gesundheitsausschuss - Experte informiert: E-Zigaretten können bei der Tabakentwöhnung helfen, doch sie bergen auch ein großes Gefahrenpotenzial

Immer mehr Raucher steigen auf elektrische Zigaretten um. Denn sie gelten als harmlos. Doch der Münchner Suchtforscher Tobias Rüther warnt, dass Studien über das Gefahrenpotenzial von E-Zigaretten noch rar seien. Er sorgt sich vor allem um Kinder und Jugendliche, die die Tabakindustrie mit E-Produkten ins Visier zu nehmen scheint. Die Abgeordneten aller Fraktionen sind alarmiert.

„Raucher sind ganz arme Menschen“, sagt Psychiater Tobias Rüther, Leiter der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der LMU München. „50 Prozent aller regelmäßigen Raucher sterben an den Folgen des Rauchens. Die Hälfte von ihnen noch vor dem 70. Lebensjahr“, erklärt der Experte den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses und fügt provokant an: „Wenn Sie rauchen, schließen Sie besser keine private Rente ab. Das lohnt sich nicht.“
Rüther kennt sich aus mit der Tabaksucht und vor allem, wie man sie loswerden kann – nämlich schwer. „Tabakrauch verursacht die stärkste psychische Abhängigkeit im Vergleich mit allen Suchtmitteln“, so Rüther. Der eigentliche Suchtstoff ist das Nikotin, das an sich „gar nicht so giftig ist“, wie der Experte erklärt. Umso giftiger aber sind Teer und  Kohlenmonoxid, die beim Verbrennen des Tabaks entstehen. Immer mehr Raucher steigen deshalb auf elektrische Zigaretten um. Hier wird Flüssigkeit, meist versetzt mit Nikotin, verdampft. „Das ist deutlich weniger gefährlich als eine normale Zigarette“, sagt Rüther. „Und der Suchtdruck des Rauchers geht genauso runter wie nach dem Konsum einer normalen Zigarette.“ Dazu kommt: Da das Nikotin sehr langsam in viel geringeren Mengen abgegeben wird, wird man nicht so schnell und stark abhängig. Therapeutisch eingesetzt, haben E-Zigaretten also durchaus einen Nutzen: „Die Idee ist, dass man die Abhängigkeit nach und nach verlernt“, erklärt Rüther.

Inhaltsstoffe sind oft fehlerhaft deklariert

Doch der Suchtforscher ist keineswegs in den Landtag gekommen, um eine Lobeshymne auf E-Zigaretten zu singen. Im Gegenteil: Er will die Abgeordneten aufrütteln, welches Gefahrenpotenzial die elektrischen Glimmstengel bergen. Nicht nur, dass es bislang noch keine Studien über potenzielle Giftstoffe im geruchslosen Dampf gibt – die Flüssigkeit ist ein Gemisch aus Chemikalien, Grundsubstanz ist Propandiol, das als Disconebel eingesetzt wird. Noch gravierender ist aus Sicht des Experten, dass die Inhaltsstoffe fehlerhaft oder völlig unzureichend deklariert sind. Dazu kommt: Die Flüssigkeiten, sogenannte Liquids, sind meist mit Aromen versetzt. Die Palette reicht von Menthol- über Vanille- bis hin zu Kaugummi- und Bonbongeschmack. Und hier wird Rüther richtig grantig: „Ist doch klar, dass die Industrie Kinder im Visier hat, warum sonst Bonbongeschmack?“
Der Suchtexperte prophezeit: „Da rollt was auf uns zu.“ 30 bis 40 Prozent ihres Umsatzes wolle die Tabakindustrie künftig mit E-Zigaretten erzielen. Der neueste Schrei: E-Shishas ohne Nikotinzusatz und bereits auf bayerischen Schulhöfen gesichtet. Die Befürchtung Rüthers ist, dass Rauchen über den Umweg E-Droge wieder salonfähig werde und bei Kindern und Jugendlichen als cool gelte.
Die Abgeordneten im Ausschuss sind angesichts dieser Schilderungen ebenfalls alarmiert. Sie unterstützen unisono Rüthers Forderung, den Verkauf von E-Zigaretten und Zubehör an unter 18-Jährige zu verbieten, die Zahl der Aromen zu beschränken und E-Rauchen unter das Nichtraucherschutzgesetz zu subsumieren.
„Wir müssen dringend Grenzen erarbeiten“, sagt Ausschuss-Vize Bernhard Seidenath (CSU). Ein großes Problem dabei ist allerdings, dass die bestehenden Gesetze sowohl zum Nichtraucherschutz (hier geht es explizit nur um Tabak und Tabakprodukte) und Jugendschutz völlig neu gefasst werden müssten. „Und das dauert, so lange können wir nicht warten“, erläutert Wolfgang Ellegast, Referatsleiter im Bildungsministerium im Ausschuss. Fraktionsübergreifend ist man sich   einig, dass das schnellstmöglich angegangen werden muss. „Bayerns Beamte haben jetzt den Auftrag, einen geeigneten Weg zu finden“, resümiert Harald Schwartz (CSU).
Unisono begrüßen die Abgeordneten auch den Vorschlag der Vorsitzenden Kathrin Sonnenholzner (SPD), „dem riesigen Werbeetat der Tabakindustrie eine produktive Aufklärungskampagne entgegenzusetzen. Sonnenholzner: „Präventionsschwerpunkt 2015 im Gesundheitsministerium – das könnte doch was sein.“ (Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Rudi am 09.05.2014
    Ist schon interessant zu lesen, dass immer Experten befragt werden die eigentlich nichts über die E-Zigarette wissen. Es entsteht bald schon der Eindruck, dass die Leute lieber weiter rauchen sollen.
    Wer wirklich etwas wissentschaftlich haltbares über die E-Zigarette erfahren möchte sollte sich besser im Internet informieren (z.B. hier: http://blog.rursus.de/).
    Da kann man sich auch einmal die Berichte von etlichen Rauchern durchlesen, welche es nach jahrelangem Tabakkonsum geschafft haben endlich mit Hilfe der E-Zigarette rauchfrei zu werden.
    Die Inhalte der Liquids sind in der Regel genau deklariert. Bis auf Nikotin sind es durchweg zugelassene Lebensmittelzusätze wie Propylenglykol, pflanzliches Glyzerin, Wasser und Lebensmittelaromen.
    Weltweit führende Tabakforscher raten Rauchern zu Nutzung der E-Zigarette, diese befriedigt die Bedürfnisse der Raucher ohne die schädlichen Giftstoffe der Zigarette.
    Nur die Tabak- und Pharmaindustrie ist von der E-Zigarette nicht so begeistert. Wer hat schon gerne Konkurrenz? Das die Politik ebenfalls mit auf das Pferd springt zeigt doch deutlich, dass es hier nicht um die Gesundheit der Konsumenten geht. Eher um deren Geld in Form der Tabaksteuer.
    Ein Passivdampfen findet nachgewiesenerweise nicht statt. Und Schuldirektoren haben immer noch ein Hausrecht.

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