Landtag

Ministerpräsident Horst Seehofer grinste die meiste Zeit – trotz einiger Spitzen. (Fotos: loh)

19.06.2015

Jung, politisch, muslimisch

Menschen islamischen Glaubens zu Gast im Landtag – das Ziel: „Nicht übereinander, sondern miteinander reden“

Worte können verletzend sein: „Meine Eltern wurden zuerst als Gastarbeiter, dann als Türken, Ausländer und jetzt als Muslime bezeichnet“, erzählte einer der Gäste bei der Veranstaltung „Begegnung mit Muslimen im Bayerischen Landtag“. Selbst der Ausdruck „Menschen mit Migrationshintergrund“ grenzt Personen ein: „Das ist nur ein Teil unserer Identität“, erklärte eine andere Teilnehmerin. „Ich habe lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich genauso viel wert bin wie meine Mitschüler“, ergänzte eine junge Deutsch-Türkin. Gibt es also keine wertfreie Bezeichnung? Die inzwischen eingebürgerte Münchner Filmstudentin Suli Kurban gab zu bedenken: „Wir sind doch keine Spezies, sondern ganz normale Menschen.“

Obwohl diese Aussagen noch auf einen weiten Weg bis zur vollständigen Integration der 570 000 Muslime in Bayern hinweisen, waren die Vorsitzenden der im Landtag vertretenen Fraktionen zufrieden. „Wir wollen wissen, was wir besser machen können“, erläuterte Thomas Kreuzer (CSU) das Ziel des Abends. Schließlich gebe es beispielsweise in Augsburg mehr Migranten als in Berlin. Um die Erschließung neuer Wählerschichten gehe es ihm dabei mitnichten. Hubert Aiwanger (Freie Wähler) warb für ein „unverkrampftes Zusammenleben“: „Nicht alles kann von oben verordnet werden.“ Muslime nerve die ständige Diskussion um Integration oder Assimilation. Und in Richtung von Ministerpräsident Horst Seehofer mahnte er zu besonneren Worten: „Manche Parolen schaden mehr, als dass sie nutzen.“

Der CSU-Chef ließ die Spitze kommentarlos über sich ergehen. „Er ist nur zum Zuhören da, das hat er ausdrücklich versprochen“, sagte Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) amüsiert. Sie hatte auf Anregung von Markus Rinderspacher die Muslime ins Maximilianeum geladen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende wollte mit dem Treffen kurz vor dem Fastenmonat Ramadan einen ersten Schritt in Richtung eines institutionalisierten Dialogforums gehen, wie es bereits in anderen Bundesländern geschaffen wurde. Dieses sei dringend notwendig: „Denn Muslime sind in der Gesellschaft mittendrin statt nur dabei“, betonte er in Anlehnung an den Slogan eines Sportfernsehsenders. „Wir haben noch was zu leisten, damit alle Religionsgemeinschaften gleiche Rechte haben“, unterstrich auch Margarete Bause (Grüne) und nannte als Beispiel ein muslimisches Bestattungsgesetz.

Für die Anerkennung des Islams als Körperschaft des öffentlichen Rechts setzte sich im Anschluss der ehemalige Erlanger CSU-Stadtrat Mehmet Sapmaz ein: „Was Hessen kann, muss auch Bayern können.“ Dort ist die islamische Religionsgemeinschaft wie die großen christlichen Kirchen eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Der gläubige Moslem kritisierte außerdem die Medien, welche im Zusammenhang mit Terrorismus immer vom Wort „Islamismus“ statt von „Fundamentalismus“ sprächen. „Wenn im Namen des Islams Anschläge verübt werden, sind das unsere gemeinsamen Feinde“, konkretisierte er. Sein größter Wunsch nach der nächsten Landtagswahl: ein türkischer Abgeordnete in den Reihen der CSU. Seehofer ließ das wieder kommentarlos so stehen. Und schwieg wie versprochen.

Von den Abgeordneten aus ihrem Heimatkreis eingeladen war auch die Konrektorin der Grund- und Mittelschule Augsburg-Bärenkeller Gül Solgun-Kaps. Sie setzt sich für interkulturelle Früherziehung ein. Wieder waren Worte wie Gastarbeiterkind, Zuwanderungskind, Einwanderungskind oder Mensch mit Migrationshintergrund der Auslöser dafür: „Diese Ausdrücke berühren mich inzwischen nicht mehr, und genau das möchte ich den Schülern vermitteln“, erläuterte sie. Kinder sollen früh Ängste und Schubladendenken abbauen. Von der Staatsregierung forderte sie ein weniger selektives Schulsystem und mehr Personal für den Islamunterricht.

Von Serdar Duran lernten die anwesenden Minister viel über Vorurteile. „Ich werde häufig als Türke und Moslem abgestempelt“, klagte der erste türkischstämmige Junge Unions-Ortsvorsitzende Bayerns aus dem Münchner Stadtteil Allach-Untermenzing. Dabei sei er deutscher Staatsbürger, liebe die bayerische Heimat und wolle in einem Leben der Vielfalt politisch mit anpacken. Nur auf Schweinshaxen müsse er aufgrund seiner Religion bei politischen Veranstaltungen auf Volksfesten verzichten. „Beim Bier habe ich das aber auch schon mal anders interpretiert“, sagte der 28-Jährige und grinste. Schweinefleisch und Alkohol sind im Islam eigentlich verboten.

Eingefleischter CSUler und gläubiger Moslem

Apothekerin Meryem Celik veranstaltet im Münchner Verein IDIZEM interkulturelle Dialoge, um das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Deutschen und Muslimen zu erhöhen. In den letzten Jahren sei die Gesellschaft offener und sensibler geworden, lobte die junge Frau. „Aber es ist immer noch schwer, sich mit Kopftuch Gehör zu verschaffen“, klagt sie. Das Studium zähle dann plötzlich nichts mehr, und nicht selten gebe es verächtliche Blicke. Die Frage, warum sie ein Kopftuch trage, sei für sie allerdings interessanterweise „total willkommen“. Das bestätigten im Laufe des Abends auch andere Gäste. Viele empfinden die immer wieder gestellte Frage nach ihrer Herkunft oder Religion nicht als diskriminierend, sondern als Chance, Deutschen etwas über ihre Heimat und Kultur zu erzählen. „Die Leute“, ergänzt Filmstudentin Kurban aus ihrer Erfahrung, „müssen dann aber auch zuhören.“ (David Lohmann)

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