Landtag

13.07.2012

Tagung der Grünen zum Thema Flächenversiegelung

Die Komfortgeneration pfeift auf den Naturschutz

Gerhard Polt hat das Dilemma einmal so zusammengefasst: „Was man liebt, das betoniert man nicht.“ Vermutlich würden die meisten Bayern nicht bestreiten, ihre Heimat zu lieben – sie tun es trotzdem. Und das mit erschreckender Effizienz. „Jedes Jahr die Fläche des Chiemsees“, klagt der Grüne Christian Magerl, Vorsitzender des Umweltausschusses im bayerischen Landtag. Er ist an diesem Vormittag Gastgeber der diesjährigen kommunalpolitischen Fachtagung seiner Fraktion im Maximilianeum unter dem Motto „Flächensparen und Siedlungsentwicklung – was können Kommunen tun?“ Das hängt auch davon ab, wer in den Kommunen regiert – und das sind bisher eher noch nicht die Grünen.

Die Leute wollen immer mehr Platz zum Wohnen


Darunter leidet Magerl und spricht von einem „einsamen Kampf“, den seine Partei im Landtag wie in den Landkreisen und Gemeinden führe – und zwar nicht nur gegen die Christsozialen. „Teilweise wollen SPD und Freie Wähler hier die CSU noch überholen, statt zu bremsen.“ Seine Kollegin Christine Kamm, die kommunalpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, ergänzt: „Wir diskutieren seit Jahren über dieses Thema – aber es ändert sich nichts.“ Die Folgen in der Natur seien bereits deutlich zu spüren: Die Menge an Insekten etwa geht deutlich zurück, und seit 1980 ist die Hälfte aller Singvögelarten verschwunden.
Es sind aber, das stellt Christian Magerl klar, nicht böser Wille und fehlendes ökologisches Bewusstsein daran schuld, dass die Flächenversiegelung wächst. Inzwischen sind gut fünf Prozent der Fläche des Freistaats unter dem ewigen Grau verschwunden – und das hat viele Gründe: Vor allem fordern die Menschen einen höheren Lebensstandard – und wollen einfach mehr Platz zum Leben. Der Umweltschützer Tom Konopka vom Bund Naturschutz illustriert das am Beispiel seines Heimatortes Stadtsteinach (Landkreis Kulmbach): „In den letzten 40 Jahren hat sich die Ortsfläche fast verdoppelt – und das bei gleichbleibender Einwohnerzahl.“ Die Folgen sind dramatisch – nicht nur für die Natur. Verkehrslärm und Schadstoffe nehmen zu. Und es steht weniger Agrarfläche zur Verfügung.

Eigenheim mit Garten - alles andere gilt als sozialer Wohnungsbau


Vor allem in den strukturschwächeren Regionen Bayerns forcieren die Bürgermeister den Flächenfraß. Während in den prosperierenden Regionen Oberbayerns inzwischen bewusster verdichtet wird, agiert man andernorts noch relativ unbekümmert. „Gerade in Niederbayern“, erläutert mit bissigem Unterton Christina von Seckendorf, Referatsleiterin für Bodenschutz im bayerischen Umweltministerium, „gilt die Devise: Wenn ich nicht um mein Haus herumlaufen kann, dann lebe ich im sozialen Wohnungsbau.“
Jedenfalls nimmt der Freistaat den vierten Platz unter den deutschen Bundesländern beim Flächenverbrauch ein. Fünf Quadratmeter pro Jahr und Einwohner sind es inzwischen. Von diesen Quoten sollen die Bayern und alle anderen Deutschen herunter.
Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung aus dem Jahr 2009 sieht vor, den Flächenverbrauch von 129 Hektar pro Tag auf 47 Hektar im Jahr 2030 zu senken. Der Grüne Magerl nennt das „ein sehr ehrgeiziges, aber doch machbares Ziel“. In der Tat: 2011 waren es immerhin noch 125 Hektar, die bundesweit täglich versiegelt wurden. (André Paul)

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