Landtag

Egal ob Bus, Tram, U-Bahn, Fahrrad, Taxi, Mietwagen oder Car-Sharing – eine Handy-App reicht, um von A nach B zu kommen. (Foto: BSZ)

10.10.2014

Wenn die Fahrkarte zum Datenspion wird

Fachgespräch der Grünen: Durch Smartphones wird Mobilität in Ballungsräumen immer einfacher – doch Datenschützer warnen vor Missbrauch von Bewegungsprofilen

Das Auto ist nach wie vor das liebste Fortbewegungsmittel der Deutschen. Für fast 80 Prozent der zurückgelegten Kilometer wird der eigene Wagen genutzt. Lediglich 16 Prozent nutzen öffentliche Verkehrsmittel, und nur sechs Prozent nehmen das Fahrrad oder gehen zu Fuß. Der grüne Mobilitätsexperte Markus Ganserer meint den Grund zu kennen: „Viele Umsteigewilligen verirren sich im Tarifdschungel und kehren dann wieder zum Auto zurück“, erklärt er beim Fachgespräch „Vernetzte Mobilität“ im Landtag. Der Abgeordnete wünscht sich daher eine Art Flatrate für den gesamten öffentlichen Verkehr, wie es sie bereits in den Niederlanden und der Schweiz gibt. Doch die von Ganserer geladenen Fachmänner sind skeptisch.

„Die Niederlande sind ein verstädtertes Land und nicht mit dem Flächenland Bayern vergleichbar“, erläutert Gunnar Heipp von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). In der Schweiz hingegen habe die Zusammenarbeit der Anbieter eine lange Tradition. Sein Arbeitgeber sei allerdings mit der Deutschen Bahn und Verkehrsverbünden im Gespräch, als ersten Schritt für eine Gesamtfahrkarte eine Fahrplanauskunft für ganz Deutschland zu entwickeln. Außerdem hat die MVG laut Heipp in den letzten Jahren einiges getan, um mehr Menschen zum Umsteigen zu bewegen. Dazu zählen Echtzeitinformationen an den Haltestellen, der Fahrtkartenverkauf über das Smartphone und vor allem die Kooperationen mit Taxi-, Mietwagen und Car-Sharing-Anbietern. Zusätzlich sollen zukünftig zur besseren Vernetzung Mietfahrräder an den Haltestellen bereitstehen. Eine erste dieser Mobilitätsstationen inklusive Ladestation für E-Car-Sharing ist ab November an der Münchner Freiheit geplant. Selbst die Automobilindustrie zeigt sich geläutert.

„Das Auto ist kein Status-Symbol mehr“, versichert der Leiter der Abteilung Verkehrsmanagement bei BMW, Martin Hauschild. Auch weil sich beim Fahren nicht der Facebook-Status checken ließe. Vor drei Jahren ist der Autohersteller daher mit dem Car-Sharing-Angebot „Drive Now“ gestartet. „Wir betreiben das nicht nur aus Marketing-Zwecken, sondern wollen damit auch Geld verdienen“, betont er. Gerade in Ballungsgebieten gebe es wenig Platz und viel Emissionen, weshalb eine Kombination aus Elektrofahrzeugen und Car-Sharing die richtige Antwort sei. Außerdem hätten Studien ergeben, dass der öffentliche Personennahverkehr dadurch sogar gestärkt werde. Darüber hinaus ist laut Hauschild der durchschnittliche Car-Sharing-Nutzer 24 Jahre alt, der durchschnittliche Neuwagenkäufer 50 Jahre. „Wir sehen das Angebot daher als frühen Zugang zum Kunden“, erklärt er die jetzt doch nicht mehr ganz so umweltfreundliche Intention seiner Firma.

Frank Rosengart vom Chaos Computer Club sieht die zunehmende Vernetzung der Anbieter jedoch kritisch. So speichert die Deutsche Bahn beispielsweise beim Handyticket nicht nur Start und Ziel der Reise, sondern „zur Plausibilitätsprüfung“ die ganze Fahrtstrecke. Durch die Erfassung der Daten ließen sich Bewegungsprofile und dadurch soziale Profile erstellen, ist der Datenschutzexperte sicher. „Zu befürchten ist auch, dass Anbieter über Zusatzangebote wie standortbezogene Werbung versuchen, den Dienst zu refinanzieren.“ Ebenso negativ fällt sein Urteil für Car-Sharing aus. Erstens lasse sich bei häufiger Nutzung anhand des Parkplatzes der Wohnort herausfinden, und zweitens seien die Systeme nicht sicher vor Missbrauch. „Funkkarten können noch aus 20 Zentimeter Abstand durch die Tasche ausgelesen werden, mahnt er. Damit der Funkchip nicht mehr ständig sendet, plädiert Rosengart dafür, auf jeder Karte einen Aktivierungsknopf anzubringen. Eine Lösung sei dies allerdings auch nicht: „E-Ticketing und Car-Sharing hinterlassen nicht zuletzt wegen der Blackbox (siehe Info) immer Spuren.“ (David Lohmann)

INFO: Blackbox im Auto

Was von Autoversicherern als „Revolution“ gefeiert wird, nennen Datenschützer schlicht „Big Brother“: die neue Blackbox oder auch Telematik-Box im Auto.

Vorteile: Aktuell nutzen Car-Sharing-Anbieter und zwei Versicherer die zigarettenschachtelgroße Blackbox. Damit wird das Fahrverhalten per Funk und GPS alle 20 Sekunden aufgezeichnet. Erfasst werden beispielsweise Beschleunigung, Geschwindigkeit, Bremshäufigkeit oder das Fahrgebiet. Mit dem monatlich ermittelten „Score“-Wert kann der Anbieter oder Versicherer einschätzen, ob es sich um einen umsichtigen oder eher riskanten Fahrer handelt und ihn dementsprechend klassifizieren. Noch ist die Nutzung zumindest bei Versicherern freiwillig – vor allem Fahranfänger können dadurch laut Werbeversprechen Geld sparen.

Nachteile: Bei einigen Firmen werden die Daten auf Servern in England gesammelt und unterliegen damit nicht mehr dem deutschen Datenschutz. Bei anderen Unternehmen werden die Daten zwar auf der Blackbox selber gespeichert. Bei einem Unfall kann die Polizei das Gerät allerdings beschlagnahmen und als Beweis sicherstellen – wie bereits mehrfach geschehen. Das Aussageverweigerungsrecht greift in diesem Fall nicht mehr, da die Blackbox für einen spricht.

Lösung: Experten sprechen sich dafür aus, dass nur der Autonutzer mittels eines Schlüssels den Datenspeicher auslesen kann. Bei einem Unfall könnte sich der Verursacher auf einen verlorenen Schlüssel berufen und käme dadurch wieder zu seinem Aussageverweigerungsrecht. (LOH)

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