Leben in Bayern

Jetzt im Frühjahr ist besonders viel zu tun. Hilfe – auch von Menschen ohne gärtnerische Vorkenntnisse – ist immer willkommen. (Foto: Stumberger)

19.05.2017

Ein Stück Wildnis mitten in der Stadt

Urban Gardening in München: Im Gemeinschaftsgarten „O’pflanzt is!“ begreift man das Garteln auch als politisches Statement

Dank der 23 Gemeinschaftsgärten in München können auch Stadtbewohner in der Erde wühlen. Einer davon ist „O’pflanzt is!“. Jeden Samstag ist der Garten offen für alle Gartel-Freunde. Dabei geht es nicht nur um den Spaß am Ziehen von Radi oder Ernten von Zucchini. Man will auch ein Zeichen setzen gegen die Machtkonzentration von Agrarkonzernen mit ihrem Einheitssaatgut.

Es grünt überall, in einer Ecke des Beetes sprießen die Tulpen, am Obstbaum haben sich die Knospen in Blüten verwandelt und eifrig summen die Bienen. Es ist Frühling im Schrebergarten von Norbert Modl, und der pensionierte Lehrer ist gerade dabei, nach dem langen Winter die Gartenstühle zu säubern. Er ist einer von den 48 000 bayerischen Kleingärtnern und wie viele seiner Kollegen meint er: „Der Garten ist für mich eine Oase der Erholung.“ Seit 30 Jahren gartelt er in der Kleingartenanlage „Bahnlandwirtschaft Milbertshofen“ im Münchner Norden. Immer mehr junge Familien bewerben sich um eine grüne Parzelle inmitten der Stadt. „Die Nachfrage ist sehr groß“, sagt der Vereinsvize.

Das Gelände haben sie vom Freistaat Bayern gepachtet

Auch Almut Schenk werkelt gerade im Garten. Sie pflanzt neue Radieschen in ein Hochbeet ein. Und auch sie ist Lehrerin, arbeitet an einer Realschule außerhalb Münchens. Vor Jahren hatte sie sich um einen Schrebergarten beworben. Und noch heute denkt sie manchmal, „so ein Schrebergarten wäre schon gemütlich“ –, meist dann, wenn die ganze „Orga-Arbeit“ überhand nimmt. Denn Schenk verfolgt einen ganz anderen Ansatz als ihr pensionierter Kollege – auch wenn sie gerade dasselbe macht: rechen, Unkraut jäten, gießen. „O’pflanzt is!“ heißt das grüne Projekt auf einem Stück Land an der Schwere-Reiter-Straße in Neuhausen mit Sicht auf den Olympiaturm, auf dem sie werkelt. Gemeinsam mit rund 50 Vereinsmitgliedern und vielen Helfern bewirtschaftet sie eine Fläche mitten in der Stadt, die zuvor brach lag. Sie gehört dem Freistaat Bayern, der das Gelände dem Verein verpachtet.

Urban Gardening ist ein Trend, der aus den USA kommt. Dort will man mit dem Anbau von Gemüse und Blumen auch den drohenden Niedergang von Stadtvierteln aufhalten und dem Fastfood etwas Frisches entgegensetzen, in der ehemaligen Autohauptstadt Detroit etwa. In München geht es eher darum, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. „Und den Kindern zu zeigen, woher die Lebensmittel stammen“, meint Vereinsvorstand Almut Schenk.

Gegründet wurde der gemeinnützige Verein 2011, als die Urban-Gardening-Idee nach München kam. Und schnell nahm der Gemeinschaftsgarten auf der brach liegenden Fläche von 3300 Quadratmetern Gestalt an: als ein Ort „der Begegnung und des Lernens, ein Stück Natur in der Stadt, eine kreative Wildnis“, wie es der Verein selbst formuliert. „Ein VIP-Garten für Vögel, Insekten, Pflanzen.“ Finanziell unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Bürgerstiftung München aus dem Agendatopf des Referats für Gesundheit und Umwelt.

Und nicht nur Mitglieder dürfen in der Erde wühlen. Jeden Samstag ist der Garten offen für alle, die mitmachen wollen. Almut Schenk ist 2012 dazu gekommen, sie war damals eigentlich vor allem an der Outdoor-Küche interessiert. Die besteht noch heute aus einer kleinen Holzhütte: Doch gekocht wird dort höchstens Kaffee. Der Aufwand ist einfach viel zu groß. „Wir haben keine Wasser- oder Stromleitung, richtig kochen ist deshalb eher nicht drin“, erklärt die Lehrerin.

Die Kinder der benachbarten Kitas lieben den Garten

Aber: Nur ein paar Schritte entfernt gibt es einen richtigen Pizzaofen. Und eine Feuerstelle. Auch ein Bauwagen und Kinderhütten finden sich auf dem Gelände. Denn der Garten hat sich inzwischen zu einem richtigen Kinderparadies entwickelt. Jeden Sonntag gibt es ein Extraprogramm für die Kleinen. Sie haben auch eigene Beete. Auch Kindergärten aus der Umgebung machen immer wieder Ausflüge zum Gemeinschaftsgarten.

Gerade sind Almut Schenk und ihre Vereinskollegen dabei, die neuen kleinen Pflanzen aus dem Gewächshaus hinaus auf die Hochbeete zu bringen. Hochbeete auch deshalb, weil der Boden auf dem Gelände zum Gemüseanbau nicht wirklich taugt. Und die Beete sind zusätzlich mit einem kleinen Drahtzaun versehen – wegen der vielen Wildkaninchen, die dort herumhoppeln.

Der Spaß am Ziehen von Radi und Ernten von Zucchini mitten in München ist das eine. Das Garteln aber wird von den „O’pflanzt is!“-Mitgliedern auch politisch gesehen. Denn Gärtnern bedeutet in ihren Augen „Autonomie“. Außerdem setze man mit der aktiven Teilnahme an der Lebensmittelerzeugung Gegenpunkte zur ungebremsten Industrie. Den Gemeinschaftsgärtnern widerstrebt, dass einige wenige Monopolisten aus der Saatgutherstellung eine eigene Industrie gemacht haben, die völlig getrennt ist vom Anbau der Pflanzen. „Die Zukunft der Welternährung hängt in zunehmendem Maß von den Profitinteressen einiger Konzerne ab“, kritisieren die Vereinsmitglieder.

Eine Erkenntnis: Es braucht auch im Garten Regeln

Mittlerweile hat der Gemeinschaftsgarten schon ein paar Jahre hinter sich. Man hat Erfahrungen gesammelt. Zum Beispiel das mit den Regeln. „Man muss sehen, dass nicht jeder macht, was er will“, erklärt Gärtnerin Schenk mit Blick auf die Vergangenheit. Die Aktivitäten der Vereinsmitglieder nahmen dennoch stetig zu: Es gibt zum Beispiel Führungen und Kurse. Zu Wildkräutern, zu Heilpflanzen und auch dazu, wie man Salben und Tinkturen herstellt. Auch Bienenkurse gibt es. Wohlgemerkt: Bienenkurse. Keine Imkerkurse. Denn die Bienen leben im Gemeinschaftsgarten in „wesengerechter Haltung“, ihnen wird kein Honig entnommen.

In München gibt es mittlerweile rund 23 Gemeinschaftsgärten. Wie lange es allerdings das kleine grüne Paradies mit Blick auf den Olympiaturm noch gibt, ist ungewiss. „Die Stadt will irgendwann auf dem Gelände Wohnungen bauen“, sagt die Vereinsvorsitzende Schenk. Wie es dann weitergehen soll? „Das wissen wir noch nicht“, so Schenk. Einen Lichtblick aber gibt es: Der zuständige Bezirksausschuss hat beschlossen, nach einem neuen Standort in der Nähe zu suchen.
(Rudolf Stumberger)

Foto (Stumberger): Almut Schenk (links) mit zwei Mitstreiterinnen: Endlich können die neuen Pflanzen auf den Hochbeeten ausgebracht werden.

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