Leben in Bayern

Erst mal schnuppern: Thies (links) und Theo dürfen gemeinsam mit Silvia Popp das Rosmarinsalz für Ofenkartoffeln zuzubereiten. (Foto: Christ)

18.11.2016

Nur Polenta geht gar nicht

Von der Hausfrau zur Kita-Küchen-Pionierin: Wie es eine Unterfränkin schafft, dass Kinder auf gesundes Öko-Essen stehen

Nudeln, Pommes und Pizza. Das ist es doch, was Kinder am liebsten mögen. Oder? Silvia Popp beweist das Gegenteil. In ihrer Kita-Küche in Würzburg kocht sie seit drei Jahren biologisch und vegetarisch. Mit Erfolg: Die Kleinen sind begeistert von Buchweizenbratlingen und Haferrösti. Die Montessori-Einrichtung wurde als erste Kita in Unterfranken Bio-zertifiziert.

„Mein Lieblingsgericht sind Ofenkartoffeln!“ Das ist die erstaunliche Aussage des fünfjährigen Thies. Und weil es die an diesem Tag gibt, darf Thies gemeinsam mit Freund Theo beim Kochen helfen. Rosmarinkartoffeln stehen auf dem Speiseplan der der Evangelischen Montessori-Kindertagesstätte der Würzburger Erlöserkirche. Das Zubereitungsritual beginnt wie immer nicht mit den Händen, sondern mit der Nase. Silvia Popp lässt die Buben an einem Rosmarinzweig riechen und fragt: „Na, duftet das nicht herrlich?“

Seit drei Jahren kocht die 57-jährige Popp für die Kita. Geplant hatte sie das nicht, über ihre Enkel kam sie in Kontakt mit der Leiterin – und machte die Einrichtung zu einer bayernweiten Vorzeige-Kita in puncto Nachhaltigkeit und Inklusion. Bereits 2014 wurde die Kindertagesstätte als erste Kita in ganz Unterfranken Bio-zertifiziert. Die Umstellung der Kita-Verpflegung auf vollwertig, biologisch und vegetarisch war allerdings ein Abenteuer, das mit etlichen Hürden aufwartete. Denn konsequent öko zu kochen, erscheint vielen zu teuer und zu aufwendig. Außerdem mögen die meisten Kinder doch viel lieber ungesunde Sachen. Nudeln, Pommes, Currywurst oder Pizza zum Beispiel. Genau das aber, betont die ausgebildete Krankenschwester und Hauswirtschafterin sei Erziehungssache.

Der Rat der Expertin: Auf gar keinen Fall abrupt umstellen

Heute weiß Popp: Wer seine Kita-Küche umstellen möchte, sollte dies auf keinen Fall abrupt tun. Die große Kunst besteht darin, Kinder, Eltern und Erzieherinnen allmählich von der Idee eines gesunden Essens zu begeistern. Die Kleinen aus Popps Kita durften zum Beispiel die anfangs ungewohnten Grünkernbratlinge mit Ketchup „verfeinern“. Popp: „Bald schon wollten sie das aber gar nicht mehr, weil sie sich an den unbekannten Geschmack gewöhnt hatten.“ Und in die Pfannkuchen schmuggelte die Köchin allmählich immer etwas mehr Vollkorngetreide hinein. Es dauerte nicht lange, da wurde auch dieses Gericht ohne weiteres akzeptiert. Frischkornbrei statt Nuss-Nougat-Toast, selbst gebackenes Emmerbrot mit herzhaftem Aufstrich statt Brötchen mit Honig oder auch Linsensuppe mit Spätzle oder Haferrösti mit Kohlrabi statt Pommes – all das kann dann lecker sein. Und auch Popps Buchweizenbratlinge können heute in den Augen der Kinder locker mit jeder Pizza mithalten.

Jetzt aber werden erst einmal die Rosmarinnadeln von den Zweigen entfernt. Mit Hilfe eines Wiegemessers hacken Thies und Theo die Nadeln winzig klein. Das geht ganz schön in die Muskeln! Am Ende wird das Kräutergrün mit dem grobkörnigen weißen Meersalz vermischt. Stolz sind die beiden Buben auf die zwei Schüsselchen voll Rosmarinsalz.

Über das Essen vergrößern die Kleinen auch ihren Wissensschatz. „Warum sind Karotten krumm?“, lautet eine der typischen Kinderfragen, die Popp in den letzten Jahren häufig gestellt wurden. „Vielleicht mussten sie um einen Stein im Boden herumwachsen“, antwortet sie dann. Aha! Karotten, lernen die Kinder, wachsen offensichtlich unter der Erde. Und die Natur sorgt immer wieder für Überraschungen: „Herzförmige Kartoffeln zum Beispiel sind bei den Kindern stets der Hit“, erklärt Popp.

Gelernt wird, ganz nebenbei, auch am Essenstisch. Einige der Zutaten, die am jeweiligen Tag verwendet wurden, liegen auf kleinen Tellern: Butter, Zwiebeln oder Haferkörner. Auch das Gemüse des Tages, zum Beispiel Kohlrabi oder Rote Bete, wird auf dem Tisch präsentiert.

Lange hat Silvia Popp experimentiert, bis sie einen geeigneten Weg fand, gesund in „ihrer“ Kita zu kochen. Essenziell dafür sind Tages- und Wochenpläne, erklärt sie. Auch finanzielle und bürokratische Aspekte sind zu berücksichtigen. Damit das Bio-Essen günstig in die Kindertagesstätte kommt, sei der direkte Kontakt zu Lieferantinnen und Lieferanten unverzichtbar. Und man müsse auch mal den Mut aufbringen, über Preise zu verhandeln.

Wie sie die Umstellung gemeistert hat, schildert Popp in ihrem kürzlich erschienen Praxisratgeber Gesund und nachhaltig kochen in der Kita. Darin enthalten: „114 ultimative Lieblingsrezepte“ von den Kindern. Außerdem spricht sie, die lange Zeit nur Hausfrau, Mutter und Großmutter war, bei Seminaren und Tagungen über gesunde Kita-Ernährung. Ihr nächster Auftritt ist am 24. November beim 3. BioForum in Fürth.

Kochen ohne Fleisch? Einige Eltern hatten Bedenken

Bevor Popp selbst mit ihrem nachhaltigen Speiseplan startete, gab es allerdings auch Bedenken von Eltern auszuräumen. „Sie befürchteten, dass ihr Kind nicht mehr genug Vitamin B12 bekommt, weil wir fleischlos kochen“, erzählt sie. Doch diese Bedenken wurden rasch zerstreut. Denn es zeigt sich bis heute: Keinem Kind fehlt etwas. Im Gegenteil: Durch geschicktes Kombinieren von Lebensmitteln erhalten täglich um die 80 Jungs und Mädchen genau das, was sie zum gesunden Großwerden brauchen, betont Popp.

Ein Paradebeispiel sind die Rosmarinkartoffeln, die an diesem Tag auf dem Menüplan stehen. Zu den Kartoffeln gibt es eine grüne Kräutersoße aus Quark und Joghurt mit hartgekochten Eiern. Die pflanzliche Eiweißquelle wird also mit tierischen Eiweißquellen verbunden – diese Kombi sei ideal für den kindlichen Körper, sagt Popp.

Das Küchenteam, das mit Popp die gesunden Gerichte zaubert, besteht aus Menschen mit und ohne Behinderung. Auch Sarah Murtaza gehört zum Team. Sie ist eigenverantwortlich zuständig für die Lieferung der Molkerei. Popp erklärt stolz: „Wenn der Lieferant kommt, nimmt sie die Ware entgegen, prüft, ob die Menge stimmt, und unterschreibt den Lieferschein.“ Dann räumt sie im Kühlschrank alles dorthin, wo es hingehört: „Frische Ware hinten, ältere vorn.“

 Djemilie Salijevic dagegen ist die Brötchenspezialistin. Sie formt sie mit geschickten Händen bevor sie sie aufs Backblech setzt. „Dabei arbeitet Djemilie auf der großen Theke, damit die Kinder es sehen können“, erklärt Popp.

Allerdings: Nicht jeder Trick, den sich Popp ausgedacht hat, um den Kinder gesundes Essen schmackhaft zu machen, hat geklappt. So wünschte sie sich etwa, dass die Kinder hin und wieder Mais essen. Sie erklärt: „Doch Polenta ist bei uns in allen Variationen grandios gescheitert.“
(Pat Christ)

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