Leben in Bayern

Ein Prost auf die Liebe? Sie spielte früher meist keine Rolle, wenn’s ums Heiraten ging. (Foto: BSZ)

13.10.2017

Von Zweckehen und Liebeshochzeiten

Romantik in der Partnerschaft gibt’s auch in Bayern noch nicht lange, wie alte Kontaktanzeigen und Tagebücher belegen

„Landwirt sucht Frau mit Mähdrescher ab 250 cm Schnittbreite, zwecks späterer Heirat. Bitte Bild von Mähdrescher beilegen.“ Diese Kontaktanzeige stammt aus den 1980er-Jahren. Romantik? Fehlanzeige! Erstaunlicherweise ist es noch gar nicht so lange her, dass auch in Bayern nicht Gefühle, sondern materielle Interessen für eine Heirat ausschlaggebend waren.

Nicht alle Menschen, die an eine Heirat denken, denken auch an Liebe. „Landwirt 23 J, sucht Frau m. Mähdrescher ab 250 cm Schnittbreite, zwecks späterer Heirat. Bitte Bild v. Mähdrescher beilegen“, lautet eine Anzeige in einer Landwirtschaftszeitschrift – sie stammt aus dem 1980er-Jahren.

Was so skurril klingt, war vor 150 Jahren in Bayern noch völlig normal. Damals war die finanzielle Situation der ausschlaggebende Punkt für eine Hochzeit. Und natürlich die gesellschaftliche Schicht. „Viele Ehen wurden von den Eltern eingefädelt“, erklärt Annegret Braun. Für ihr Buch Mr. Right und Lady Perfect hat sie alte Tagebücher und Kontaktanzeigen ausgewertet und dabei herausgefunden: Erst in den 1980er-Jahren hat sich die Liebesheirat in Bayern richtig durchgesetzt.

Davor war Gefühlsduselei meist verpönt. Romantische Romane wurden vor Bürgerstöchtern deshalb gerne versteckt. Eine Heirat aus Liebe sei eher noch bei den ärmeren Frauen auf dem Land vorgekommen, erklärt Braun, die selbst als Bauerntochter aufgewachsen ist. Wobei man unter Liebe eher „Zuneigung“ verstanden habe. Wichtiger als Gefühle war es, einen Versorger mit gutem Charakter zu finden. „Manche haben sich anschließend ihre Männer schöngedacht“, erzählt Braun.

Auch die Sache mit dem Sex war auf dem Land einst einfacher. Er war zwar auch dort einst erst akzeptiert, wenn es einen Verlobungsantrag gab. Doch besonders viele uneheliche Kinder wurden früher hoch oben auf den Bergen gezeugt. „Die Almen galten als Sündenpfuhl, weil es dort keine soziale Kontrolle gab“, erklärt Braun. Mancherorts sei es daher verboten gewesen, Sennerinnen zu beschäftigen. Anders dagegen die Situation im Bürgertum. Viele haben völlig unaufgeklärt die Hochzeitsnacht miteinander verbracht. „Manche Bräute sind davongelaufen, weil sich ihre Männer plötzlich in ein wildes Tier verwandelt haben“, sagt die Autorin.

Auch ein Ehestreit lief früher völlig anders ab. „Dass sich die Frau unterordnen sollte, war völlig normal“ – dafür hat Braun Belege in vielen alten Tagebüchern gefunden. Und die Beziehung zu den Kindern war ebenfalls aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Auch weil sie oft keine Produkte von Liebe waren. Dem Bürgertum dienten sie gerne zur Repräsentation. Und auf dem Land wurden sie schlicht als Arbeitskräfte und für die Altersversorgung gebraucht.

Der erste Sohn wurde zwar meist noch mit großer Freude begrüßt. „Zuneigung zu den Kindern spielte aber keine große Rolle“, berichtet Braun. „Vielleicht, weil man befürchtet hat, dass das Kind sowieso stirbt.“ Die Kindersterblichkeit lag vor 150 Jahren in der Donauregion bei 35 Prozent. Braun glaubt, dass die Menschen zu dieser Zeit „leidensbereiter“ waren. Unglück wurde als gottgegeben hingenommen, Verheißung versprach der Glaube in Form des Paradieses nach dem Tod.

Was sucht eigentlich FJS in einer Kontaktanzeige?

Erst mit der Jahrhundertwende nahmen Ehe-Arrangements ab. Dem Bürgertum ging es nicht mehr so gut, Frauen übernahmen erste Büroarbeiten und verdienten ihr eigenes Geld. „Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg heiratete man zwar meist noch standesgemäß, aber die Zuneigung zueinander wurde ein wichtiges Ehemotiv“, resümiert Braun. Ende der 1940er-Jahre sei noch oft von einer „Kameradschaftsehe“ gesprochen worden. „Erst in den 1950er- bis 1960er-Jahren suchte man in den Inseraten jemanden, den man auch liebt“, so Braun. Die Liebesheirat aber ist erst seit den 1980er-Jahren selbstverständlich. Allerdings: Wichtig war dann auch schon mal die politische Einstellung. So schrieb zum Beispiel ein Münchener in seiner Kontaktanzeige, er sei weder königstreu noch Franz-Josef-Strauß-hörig. Erst in den 1990er-Jahren erlebte die Romantik ihren Siegeszug, seit den 2000ern wird sie laut Braun zunehmend auch öffentlichkeitswirksam zelebriert.

Heute wünschen sich Jugendliche noch immer eine lebenslange Bindung. „Die Partnerschaft hat eine hohe Bedeutung, die Hochzeitsquote nimmt hingegen ab“, erklärt Carolin Thönnissen. Die Münchnerin untersucht im Rahmen der multidisziplinären Längsschnittstudie „Pairfam“ Beziehungen und Familien in Deutschland.

Und was früher Kontaktanzeigen waren, ist heute das Internet. Während sich junge Paare zwar vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis finden, suchen Singles ab Mitte 30 gezielt in Online-Partnerbörsen nach dem Richtigen oder der Richtigen – aktuell sind es 15 Prozent, Tendenz steigend.

Dennoch: Das romantische Ideal steht heute an erster Stelle. Denn viele sehnten sich in einer immer schneller werdenden Welt nach Sicherheit, meint Thönnissen. Doch glücklich bis ans Ende ihrer Tage, bleiben immer weniger: Jede dritte Ehe wird heute geschieden. Die Forscherin kann daran aber etwas Positives erkennen: Im Gegensatz zu früher seien Frauen besser ausgebildet und ökonomische Gründe daher nicht mehr ausschlaggebend für die Fortsetzung einer Ehe. „Auch die Alternativen zur Ehe sind gestiegen“, sagt Thönnissen und verweist auf die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz von unverheirateten Paaren, Patchwork-Familien und homosexuellen Eltern.

Dabei sind Zuneigung und emotionale Bindung heute der Hauptgrund, Kinder zu bekommen. „Man sieht sie als etwas Sinnstiftendes“, erläutert Thönnissen. Das Idealbild seien zwei Kinder.
Allerdings: Ein zweiter wichtiger Grund für einen Kinderwunsch ist, dass erwachsene Kinder im Notfall für die Eltern da sind. In diesem Punkt hat sich also im Vergleich zu früher gar nicht so viel geändert. „Der Kinderwunsch steigt durch sozialen Druck im persönlichen Umfeld und sinkt, wenn man zu viel dafür aufgeben müsste“, ergänzt die Forscherin.

Und etwas Erstaunliches hat Thönnissen noch herausgefunden: Bei Männern wird der Beruf im Vergleich zur Partnerschaft im Laufe des Lebens immer wichtiger – bei Frauen ist es genau andersherum. „Für Frauen mit Kinderwunsch bedeutet das“, sagt Thönnissen und lacht, „den Partner möglichst früh vom eigenen Kinderwunsch zu überzeugen.“
(David Lohmann)

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