Leben in Bayern

Billi Bierling führt seit dieser Saison die Himalayan Database in Kathmandu. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

12.10.2017

Wer war oben - und wer hat gemogelt?

Der Eintrag in der Datenbank der Everest-Chronistin Elizabeth Hawley zählt seit Beginn der Nachkriegsexpeditionen in Nepal als Ritterschlag. Nun führt die Garmischerin Billi Bierling das Lebenswerk der 93-Jährigen weiter

Ursprünglich hatte die heute 50-jährige Billi Bierling nichts für große Gipfel übrig. "Weg mit den Bergen, freie Sicht aufs Mittelmeer", war ihr Spruch als Jugendliche. Inzwischen hat sie den Mount Everest und vier andere Achttausender bestiegen, gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Bergsteigerinnen - und führt nun zusammen mit einem Team das Lebenswerk der Everest-Chronistin Elisabeth Hawley weiter. Die 93-jährige Amerikanerin wurde zur Institution: Die von ihr aufgebaute "Himalayan Database" umfasst rund 9500 Expeditionen mit fast 70 000 Teilnehmern an 455 Gipfeln in Nepal - das größte Archiv des Himalaya-Bergsteigens.

Auch das nepalesische Tourismusministerium prüft Erfolge an den Expeditionsgipfeln. Doch es ist der Eintrag bei "Miss Hawley", der für die meisten Bergsteiger zählt. Alle sprachen bei ihr vor: Reinhold Messner, Hans Kammerlander, Ralf Dujmovits, der als erster Deutscher auf allen 14 Achttausendern stand, und die Südkoreanerin Oh Eun-Sun, die das als erste Frau geschafft haben will. Ihr Erfolg ist bis heute umstritten. Hawley gab ihr 2010 für die Besteigung des Kangchendzönga ein "disputed" - also "angefochten".

Was Hawley in den 1960er Jahren als Reuters-Reporterin in Kathmandu handschriftlich und auf einer Schreibmaschine begann, führt Bierling, ebenfalls Journalistin, nun weiter. Nicht auf Papier, sondern digital und mit Online-Fragebögen, um Expeditionen einfacher zu erfassen. Und als Team, mit anderen Ehrenamtlern - darauf legt Bierling wert.

Beweisfotos können trügen

Während Hawley nie Steigeisen an den Füßen hatte, weiß Bierling, wie es auf dem Dach der Welt aussieht. "Beweisfotos", die sich Hawley gerne vorlegen ließ, zählen für sie nur bedingt. "Meine Gipfelbilder vom Manaslu oder Cho Oyu - da könnte ich in einem weißen Zimmer stehen." Sie sei keine Schiedsrichterin, sondern eine Reporterin, die Daten sammele. "Für mich zählt zuerst einmal das Wort."
Mit dem Massentourismus an den höchsten Bergen ist die Datenbank explodiert. Starteten früher alle paar Jahre extreme Bergsteiger zum Everest, sind es heute Hunderte zahlender Touristen pro Saison.

Bierling ruft die Datenbank auf: 2016 versuchten in dem Zeitfenster zwischen dem 11. und 24. Mai 836 Menschen den Gipfel, 638 schafften es. "Der Everest ist eine Trophäe. Er ist eben der höchste Berg der Welt." 20 000 bis 80 000 Euro kostet der Versuch. Auch an anderen Achttausendern herrscht reger Verkehr, an der gefährlichen Annapurna I wie am einfacheren Cho Oyu. Derzeit sind Expeditionen am Manaslu, am Dhaulagiri, am Makalu und eine an der Lhotse Südwand unterwegs.

Alle Achttausender sind bestiegen. Erstbegehungen neuer Routen schaffen nur die Besten. Doch mancher möchte einen eigenen Rekord. Bierling erreichen immer kuriosere Anfragen: Wer der Jüngste auf dem Everest war, fragen Eltern. Zu spät. Ein 13-Jähriger war oben. Nun soll der Sohn eben schnellster Jüngster werden.

Waren schon oben: Ein Mann ohne Beine, ein Blinder und ein 80-Jähriger

Ein Mann ohne Beine hat mit Prothesen den Everest erklommen, ein Blinder - und der Älteste war ein 80-jähriger Japaner. Ein Paar aus Indien wollte sich als erstes Polizistenpärchen auf dem Everest feiern lassen - aber mit einem manipulierten Gipfelbild. Die Datenbank vermerkt nicht nur "angefochten", sondern "abgelehnt".

2004 hatte Bierling, die viele Jahre in London und in Bern gelebt hatte, Hawley einen Brief geschrieben, ihre Hilfe angeboten - und den Zuschlag bekommen. Seitdem unterstützt sie Hawley, führt Interviews mit Bergsteigern und treibt die Digitalisierung voran.

Ein Ehrenamt. Ein Vierteljahr verbringt Bierling deshalb in der Schweiz, wo sie beim Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) arbeitet. Daneben übersetzt sie Bergbücher ins Englische, etwa von Gerlinde Kaltenbrunner und Reinhold Messner.

Sie sah Menschen losziehen - und nicht zurückkehren

Im Sommer, wenn in Nepal der Monsun wütet, besucht sie ihre Familie im Elternhaus - mit Blick auf die ehemals verabscheuten Berge um die Zugspitze. Dort leben ihre Schwester, ihre Tante und ihre Mutter - die sie manches Mal trösten musste, wenn Hawley sie harsch behandelt hatte. "Ich habe mich durchgebissen", sagt Bierling über die erste Zeit bei der alten Dame. Aber: "Ich habe sie ins Herz geschlossen."

Beide Frauen sahen Menschen losziehen - und nicht zurückkehren. Fremde, entfernte Bekannte - und ein Freund: Ueli Steck. Am 30. April starb der durch Speedbegehungen bekannte Solo-Kletterer am Nuptse. Just in der Zeit arbeitete Bierling an der Übersetzung seines Buches. "So habe ich ein, zwei Monate jeden Tag mit Ueli gelebt."

Bierling selbst plant keine Rekorde. "Eigentlich wollte ich nie auf den Everest. Aber als ich den 300sten interviewt hatte, der oben war, hab ich gedacht: Wenn die alle raufkommen, dann muss ich das auch mal probieren." Es wurde ein Zufallsrekord: Sie war die erste Deutsche, die den Everest über die Südroute erreichte und überlebte.

Danach schaffte sie als erste Deutsche den Manaslu und den Lhotse, mit 8516 Metern vierthöchster Berg der Welt. Es folgten der Makalu und der Cho Oyu. Noch zwei Achttausender will sie besteigen, sieben von allen 14 sollen es werden. Sie sei ja nur halb so reich und halb so gut wie die besten Bergsteiger. "Dann mach ich halt die Hälfte."
(Sabine Dobel und Angelika Warmuth, dpa)

Foto (dpa): Billi Bierling auf einem Foto, das sie im Himalaya zeigt. 

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