Politik

Ralf Holtzwart, scheidender Vorstandsvorsitzender der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit. (Foto: dpa)

18.12.2014

"Arbeit ist ein Element der Menschenwürde"

Ralf Holtzwart, scheidender Chef der bayerischen Arbeitsagenturen, über die Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Probleme von Langzeitarbeitslosen, Jugendlichen und Behinderten

Nach fünf Jahren an der Spitze der bayerischen Arbeitsagenturen wechselt Ralf Holtzwart zur EU-Kommission nach Brüssel. Der ehemalige Offizier koordiniert in den nächsten zwei Jahren als Berater der EU-Kommission ein Gremium, in dem die 28 europäischen Arbeitsverwaltungen Erfahrungen austauschen und von einander lernen sollen. Im Interview zieht der 55-Jährige Bilanz.

BSZ: Herr Holtzwart, obwohl die Beschäftigung in Bayern im zurückliegenden Jahr um 150 000 gestiegen ist, hat sich bei den Arbeitslosen kaum etwas bewegt. Warum?
Holtzwart: Zum einen profitiert Bayern sehr stark von der Zuwanderung aus dem europäischen Raum. Das ist positiv, denn da kommen viele Menschen mit guter Qualifizierung. Bedauerlicherweise arbeiten viele von denen im niedrig qualifizierten Sektor. Das ist aber genau der Bereich, den wir brauchen, um die verbliebenen Arbeitslosen in Beschäftigung zu bringen. Von denen haben nämlich über 40 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung. Der zweite Grund ist ein starker Zustrom aus der Stillen Reserve - das sind in erster Linie Frauen, die aus der Erziehungspause zurückkehren.

BSZ: Seit 2014 gilt auch für Bulgaren und Rumänen die volle Freizügigkeit. Gab es die zumTeil befürchteten negativen Folgen für den bayerischen Arbeitsmarkt?
Holtzwart: Die Beschäftigung hat seit 2012 insgesamt um 4 Prozent zugenommen, die Beschäftigung von Ausländern um 21 Prozent. Darin liegt die positive Nachricht, dass die Menschen, die zu uns kommen, wirklich arbeiten wollen. Der Nachteil ist, dass sie oft unterhalb ihres Qualifikationsniveaus arbeiten. Wir haben bereits 100 000 arbeitslose Menschen in Bayern mit dem Zielberuf Helfer. Wir haben aber nur 9000 offene Stellen für den Zielberuf Helfer.
 
BSZ: Derzeit kommen auch viele Flüchtlinge nach Bayern, die oft arbeiten wollen. Aufgrund von Wartefristen und dem Vorrang von EU-Bürgern, die bevorzugt eine Stelle bekommen, dürfen sie das aber nicht so einfach. Was halten Sie von diesen Beschränkungen?
Holtzwart: Ich würde mir wünschen, dass wir möglichst allen, die im Land leben, die Möglichkeit eröffnen, möglichst rasch für sich selbst zu sorgen. Am besten sollte man diese Vorrangprüfung komplett abschaffen.

BSZ: Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht Arbeit für die Integration?
Holtzwart: Arbeit ist ein Element der Menschenwürde. Sie erlaubt nämlich eine Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben auf der Basis eines eigenen Erwerbseinkommens. Man hat dann die Würde des eigenen Einkommens und ist nicht auf Almosen angewiesen.

BSZ: Das gilt auch für Langzeitarbeitslose. Sie hatten angekündigt, deren Zahl im Freistaat bis 2017 zu halbieren. Ist das Ziel mit Ihrem Weggang obsolet, oder wird sich Ihr Nachfolger daran gebunden fühlen?
Antwort: Das müssen Sie ihn selbst fragen... Auf jeden Fall ist es das Kernthema, das wir in den nächsten Jahren deutlich im Fokus haben. Das Ziel ist klar und bleibt auch: Da müssen wir wirklich einen Erfolg zeigen mit einem konkreten Abbau. 2014 haben wir in Bayern schon eine Trendwende hinbekommen von einer Zunahme zu einem Rückgang um etwa 3,2 Prozent. 

BSZ: In welchen Bereichen hinterlassen Sie weitere Baustellen?
Antwort: Wir müssen bei den Jugendlichen besser werden, müssen die 20- bis 25-Jährigen aus der Arbeitslosigkeit über Ausbildung in Beschäftigung bringen. Die Zahlen sind nicht groß, aber da muss sich was tun - genauso wie bei den Menschen mit Behinderung. Wir müssen auch dafür sorgen, dass mehr Menschen, nachdem sie eine Maßnahme besucht haben, einen Job finden. Und wir müssen sehen, dass die Dauer der Arbeitslosigkeit kürzer wird.Dafür müssen wir den Wirkungsgrad unserer eigenen Arbeit erhöhen. Jeden Tag kostet die Arbeitslosigkeit in Bayern im Schnitt sechs Millionen Euro.

BSZ: Sind die aktuellen politischen Rahmenbedingungen für das Erreichen dieser Ziele die richtigen?
Holtzwart: Die vornehmste Aufgabe des Sozialstaates ist es, für ausreichend Beschäftigung zu sorgen - nicht die Alimentation von arbeitslos Gewordenen. Das sollte noch stärker Niederschlag finden in der Herangehensweise, nämlich in der Wirtschaftsförderung - vor allem in der Förderung von Forschung und Entwicklung. Denn das sind die Bereiche, aus denen neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen.
(Interview: Elke Richter, dpa)

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