Politik

Tatort Münchner OEZ: Absperrgitter mit schwarzen Planen vor dem McDonalds. (Foto: dpa)

27.07.2016

Fanatische Täter zwischen Amok und Terror

Der Amokläufer von München und die Attentäter von Nizza und Ansbach: Sie hatten persönliche Probleme. Am Ende stehen Gewaltausbrüche

Sie morden. Greifen Menschen an, die ihnen objektiv nichts zuleide getan haben. Und rechtfertigen das mit politischen Motiven. Oder mit Vergeltung. Die Grenzen zwischen Amoklauf und Terroranschlag verwischen.

Die Attentäter von Nizza, von Würzburg und von Ansbach, und auch der Amokläufer von München: Jugendliche und junge Männer. Die Behörden hatten sie nicht als mögliche Gewalttäter auf dem Radar. Zumindest drei von ihnen hatten offenbar persönliche oder psychische Probleme. Studien zufolge traf das auf 35 Prozent der Einzeltäter von Anschlägen der vergangenen 15 Jahre zu.

Würzburg: ein 17-jähriger Flüchtling. Unauffällig und verunsichert wird er beschrieben. Er hatte eine Pflegefamilie und eine Lehrstelle in Aussicht. Unklar blieb, ob er traumatisiert war oder ob psychische Probleme Mitgrund für seine Radikalisierung gewesen sein könnten.

München: ein 18-jähriger Schüler. Er fühlte sich über Jahre gemobbt und war in psychiatrischer Behandlung.

Ansbach: ein 27 Jahre alter Syrer. Er hatte psychische Probleme und wurde ebenfalls behandelt. Zweimal soll er einen Suizidversuch unternommen haben.

Nizza: Ein 31 Jahre alter Einwanderer aus Tunesien. Seine Ehe geht in die Brüche und er hatte Probleme mit der Justiz. Dazu kamen wohl Finanzprobleme.

Die Grenzen zwischen Amok und Terror verwischen

"Die Unterscheidung zwischen Amok und Terror spielt keine Rolle mehr, sie ist historisch überholt", sagte der italienische Philosoph Franco Berardi in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung". "Wir haben es beim islamistischen Terror nicht mehr mit einem bewussten politischen Akt zu tun wie noch zu Zeiten des RAF-Terrorismus. Hinter den Taten in Nizza und Würzburg ist keine politische Strategie erkennbar." Er spricht von einer "islamistischen Verzweiflung". Bei den psychopathologischen Hintergründen der Verbrechen sehe er große Gemeinsamkeiten zwischen Amokschützen und Terroristen.

Fanatische Einzeltäter, die sich Hass über Internetbotschaften einflüstern lassen und bis zu einem Anschlag nicht auffallen, machen den Sicherheitsbehörden besondere Sorgen. Anders als bei gezielt für einen Anschlag ins Land gereisten Dschihadisten gibt es kaum eine Chance, sie vorher zu ermitteln.

Im März 2011 tötete Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Es der erste islamistische Anschlag auf deutschem Boden. Uka war in kein Netzwerk eingebunden - er sprang auf Hassbotschaften aus dem Internet an.

Der IS bietet eine Projektionsfläche für persönliche Probleme

Peter Neumann vom Internationalen Zentrum für Radikalisierung am King's College in London spricht von einsamen Wölfe, denen der IS eine Projektionsfläche bietet, "und ihnen erlaubt, ihre persönlichen Probleme in ein politisches Projekt zu verwandeln". Er fügt an: "Der IS gibt ihnen sozusagen die Lizenz, die Marke Islamischer Staat dafür zu nutzen."

Der IS hatte schon im September 2014 Angriffe wie die von Nizza und Würzburg propagiert: nicht mit Schusswaffen, sondern mit allgemein zugänglichen Mitteln - Messern, Steinen oder Autos. Terror, für jeden machbar.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ordnete bereits das Axt-Attentat von Würzburg "im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror" ein. Nach Ansbach schloss er in ersten Stellungnahmen einen Bezug zum IS-Terrorismus ebenso wenig aus wie eine Labilität der Persönlichkeit - "oder eine Kombination von beidem".

"Eine Frage des Zufalls: Geht es zu den Rechten oder in Richtung Islamismus"

Der Leiter der Abteilung Staatsschutz im Bayerischen Landeskriminalamt, Lothar Köhler, sagte schon vor der Gewaltserie: "Manchmal ist es nur eine Frage des Zufalls: Geht es zu den Rechten, in Richtung Islamismus oder in eine andere Ecke hinein."

Der Amokläufer von München verehrte den Rechtsterroristen Anders Behring Breivik, der genau fünf Jahre zuvor ein Blutbad in Norwegen angerichtet und insgesamt 77 Menschen getötet hatte. Ob der Münchner Schüler, zu dessen Opfern viele junge Migranten zählten, sich auch rechtsextremen Ideen zugewandt hatte: Es ist nicht klar.

Strengere Sicherheitsvorkehrungen, mehr Polizeipräsenz und beschleunigte Abschiebungen lauten die politischen Forderungen nach den jüngsten Gewalttaten. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte nach der Axt-Attacke in Würzburg auch dazu aufgerufen, lieber einmal zu viel als zu wenig die Sicherheitsbehörden zu alarmieren, wenn die Menschen verdächtige Veränderungen in ihrem Umfeld bemerkten. Das könne zum Beispiel die Psyche von anderen Leuten betreffen.

Im bayerischen Landeskriminalamt gibt es bereits eine Anlaufstelle. An diese können sich Freunde, Bekannte und Familienmitglieder wenden, wenn sie bei einem nahestehenden Menschen mögliche Radikalisierungstendenzen bemerken. (Sabine Dobel, dpa)

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Kommentare (1)

  1. bayer am 16.08.2012
    Provokante Frage! Ist es so schlimm, wenn das Ende des sozialen Wohnungsbaues naht? Antwort: Es kommt darauf an! Der soziale Wohungsbau hat sich seit Anbeginn als Mangelverwaltung dargestellt. Zu hohen Produktionskosten wurden von staatlichen oder staatsnahen Einrichtungen gebaut und sicherten deren Forbestand. Die Wohnungsvergabe ist ein ineffizienter bürokratishcer Vorgang, der noch dazu seit Anbeginn der Einflussnahme von (Kommunal)Politikern ausgesetzt ist. Wer die besten Beziehungen hat, bekommt eine Wohnung. Zweifellos ist Wohnen ein kostbares Gut, das nicht grenzenlos einem entfesselten Kapitalismus überlassen werden darf. Andernfalls muss es aber auch im Haushaltsbudget eine entsprechende Wertigkeit zu anderen Gütern wie Auto und Reisen finden. Sind Mieter bereit, sich so zu verhalten und auch mit der Mietsache pfleglich umzugehen, haben Vermieter die Aussicht auf eine stabile Rendite, so werden Investitionen in den Wohnungsbau getätigt werden. Daran mangelte es in den vergangenen Jahren. Das Instrument der Werkswohnung wurde auch aus diesen Gründen aufgegeben. Kommunen könnten den Bau von Genossenschaftswohnungen fördern, was sie aber häufig unterlassen.

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