Politik

Heino Stöver (59) ist Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences.

22.05.2015

"Die Abgeordneten bremsen Fachleute aus"

Der Frankfurter Suchtexperte Heino Stöver über Cannabisfreigabe, Alkoholmissbrauch und die Frage, weshalb die Politik beim Thema Drogen kaum auf Wissenschaftler hört

Diese Woche erschien zum zweiten Mal der alternative Drogenbericht – drei Tage vor dem Suchtbericht der Bundesregierung, der die hohe Zahl der Konsumenten legaler wie illegaler Drogen beklagt. Der Sozialwissen-
schaftler und Suchtexperte Heino Stöver, Mitverfasser des alternativen Drogenberichts, wirft der Bundesregierung vor, die falschen Schlüsse aus den Statistiken zu ziehen und fordert eine Reform des Betäubungsmittelgesetzes.

BSZ: Herr Professor Stöver, warum braucht’s einen alternativen Suchtbericht? Steht im Bericht der Bundesregierung was Falsches?
Heino Stöver: Was die Zahlen angeht: Nein. Auch die Bundesregierung nennt leicht steigende Zahlen bei Konsumenten illegaler Drogen. Im Bereich der legalen Substanzen beklagt sie die jährlich 100 000 tabakbedingten und die rund 40 000 alkoholbedingten Todesfälle in Deutschland. Und sie weist zu Recht darauf hin, dass die zweithäufigste Ursache von Klinikeinweisungen Alkoholmissbrauch ist. Aber die Politik zieht daraus keine oder die falschen Konsequenzen.

BSZ: Was müsste man Ihrer Meinung nach tun?
Stöver: Im Fall von Alkohol und Tabak halten ich und die anderen Herausgeber des Alternativen Drogen- und Suchtberichts ein konsequentes Werbeverbot für dringend nötig. Innerhalb der EU werben nur noch Deutschland, Bulgarien und Luxemburg für Alkohol und Zigaretten im Außenbereich, vorausgesetzt, es werden bestimmte Auflagen eingehalten. Bei uns ist das etwa der Zusatz, dass Rauchen der Gesundheit schadet. Diese Einschränkungen bringen aber gar nichts. 29 Prozent aller Deutschen rauchen. Das ist im internationalen Vergleich eine horrende Zahl! Hinzu kommt: Alkohol ist in Deutschland viel zu billig und zu leicht zugänglich.

BSZ: Haben Werbeverbote und Preisgestaltung in anderen Ländern etwas bewirkt?
Stöver: Ja. Nehmen Sie die skandinavischen Länder. Dort werden pro Person und Jahr fünf bis sechs Liter reiner Alkohol konsumiert; bei uns sind es zehn Liter. Ein Bündel von Maßnahmen wie Werbeverbote, Preisgestaltung oder Zugänglichkeit haben in anderen Ländern auch zu reduziertem Rauchen geführt.

"Die Menschen hören nicht auf, Cannabis zu konsumieren, nur weil es verboten ist"



BSZ: Sie warnen vor Alkohol und Zigaretten, gleichzeitig plädieren Sie für die Legalisierung von Drogen wie Cannabis. Wie passt das zusammen?
Stöver: Ich befürworte ja keine Werbung für illegale Drogen! Das sind teilweise hochriskante Produkte. Fakt ist aber: Es gibt derzeit in Deutschland rund 3 Millionen Cannabiskonsumenten, trotz Verbot. Diese Menschen müssen wir aus der Illegalität holen, nur dann können wir sie auch mit Argumenten erreichen. Die hören ja nicht auf, Cannabis zu rauchen, weil es verboten ist. Wenn wir die Menschen als mündige Bürger betrachten, sind sie eher lernwillig und bereit, ihr Verhalten zu überdenken.

BSZ: Eine schöne Vorstellung. Wie kommen Sie darauf?
Stöver: Das Beispiel HIV-Prävention ist eine gute Blaupause für den Umgang mit illegalen Drogen: Hier wurde viel Geld in die richtige Vorsorge gesteckt, und es hat gewirkt. Durch entsprechende Kampagnen wissen junge Leute heute, dass sie sich mit Kondom vor einer HIV-Infektion schützen können, weshalb die Zahl der Neuinfektionen sehr niedrig ist. Wir können also durchaus eine Verhaltensänderung erzielen, wenn wir Menschen nicht bevormunden, sondern ihnen die richtige Aufklärung liefern, um ‚informierte Entscheidungen’ treffen zu können.

BSZ: Sie wollen den Konsum illegaler Drogen straffrei stellen, weil Verbote nichts bringen. Mit dem gleichen Argument könnten Sie auch andere Dinge aus dem Strafgesetzbuch streichen. Wo ist die Grenze?
Stöver: Beim Drogenkonsum haben wir es mit allenfalls selbstschädigendem Verhalten zu tun. Es ergeben sich höchstens Folgekosten für die Allgemeinheit, weil Konsumenten medizinisch versorgt werden müssen, etwa dann, wenn sie verunreinigte Substanzen verwenden. Aber genau das entfiele ja, wenn die Leute keine Drogen mehr von obskuren Händlern kaufen müssten. Ich ziehe die Grenze da, wo andere geschädigt werden.

"Fast alle Fachleute wollen eine liberalere Drogenpolitik - der Politik ist das egal"


BSZ: Bleiben wir beim Cannabis: So harmlos, wie die Befürworter vorgeben, ist das doch gar nicht. Psychiater warnen davor, dass Cannabis Psychosen auslösen kann. Trotzdem wollen Sie es legalisieren?
Stöver: Ich will das gar nicht bagatellisieren. Cannabis und auch andere illegale Drogen sind hochriskante Substanzen, die zu nachhaltigen Schäden führen können. Und bei Menschen, die dafür empfänglich sind, kann Cannabis tatsächlich Psychosen auslösen. Das gilt aber auch für Alkohol: Er verstärkt Vorhandenes. Trotzdem wird er in rauen Mengen konsumiert. Ich bleibe dabei: Mit der Kriminalisierung der Cannabiskonsumenten kommen wir nicht weiter. Ich plädiere deshalb für eine kontrollierte Abgabe in Apotheken.

BSZ: Wie soll das konkret aussehen?
Stöver: Jeder ab 18 Jahren soll dort bis zu 30 Gramm Cannabis kaufen können, zu einem Preis, der etwas unter dem Schwarzmarktpreis von derzeit 10 Euro je Gramm liegt.

BSZ: Was ist mit anderen Drogen? Crystal Meth zum Beispiel.
Stöver: Das ist natürlich eine schädigende Substanz. Andererseits müssen wir registrieren, dass es Menschen gibt, die Crystal Meth konsumieren, ohne sofort abhängig zu werden oder zu verwahrlosen. Ein Bundestagsabgeordneter hat es benutzt, um fitter zu sein, immer mehr Menschen tun das offenbar, so genannte normale Menschen. Auch hier gilt: Kontrollierte Abgabe könnte Schäden durch Verunreinigungen verhindern. Und wir könnten Konsumenten besser auf die Gefahren hinweisen.

BSZ: Aber ist die erlaubte Abgabe nicht auch ein Signal: So gefährlich ist die jeweilige Droge gar nicht?
Stöver: Verbote haben bislang jedenfalls nicht dazu beigetragen, Menschen vom Drogenkonsum abzuhalten. Und wir werden mit einem legalen, regulierten Zugang zu psychoaktiven Substanzen sehr viel glaubwürdigere Prävention machen können.

BSZ: Welche Länder innerhalb Deutschlands halten Sie, was die Drogenpolitik angeht, für die fortschrittlichsten?
Stöver: Es sind eher die Städte, die hier Maßstäbe setzen. Frankfurt zum Beispiel, hier gibt es vier Drogenkonsumräume, ärztlich kontrollierte Heroinabgabe etcetera. Die Drogenpolitik im restlichen Hessen ist dagegen eher rückständig. Auch Stadtstaaten wie Hamburg bemühen sich.

BSZ: Was ist mit Berlin?
Stöver: Berlin ist wie viele andere Kommunen arm; das macht eine ausdifferenzierte Versorgung Drogenabhängiger schwierig.

BSZ: Was kostet ein Drogenkonsumraum, in dem es saubere Spritzen gibt und Beratung durch Sozialarbeiter?
Stöver: Pro Jahr ungefähr 700 000 bis eine Million Euro. Aber dafür gab es etwa in Frankfurt in den letzten Jahren sehr wenig Drogentote. Im Jahr 2014 waren es 23 bei geschätzten 8000 bis 10 000 Drogenabhängigen.

BSZ: In Bayern ist die Zahl der Drogentoten besonders stark gestiegen. Trotzdem will die CSU keine Drogenkonsumräume. Warum ist Drogenpolitik so ideologiebesetzt?
Stöver: Das frage ich mich auch. Was ich erzähle, ist ja keine Minderheitenmeinung, das ist fast schon Mainstream. Im vergangenen November war ich wieder mal im Gesundheitsausschuss des Bundestages, es ging um Drogenpolitik. Außer mir waren noch neun andere Experten da, die von den Fraktionen benannt worden waren. Alle bis auf einen, ein Staatsanwalt, hatten sich für eine Reform des Betäubungsmittelrechts ausgesprochen – auch die von SPD, CDU und CSU benannten Fachleute. Die Abgeordneten haben sich das angehört und sind dann einfach zum nächsten Tagesordnungspunkt übergegangen. Für mich war das ein ganz schockierender Moment.
(Interview: Waltraud Taschner )

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