Politik

Aus Furcht vor Gangstern heuern besorgte Bürger zunehmend private Sicherheitsfirmen an. (Foto: dpa)

02.05.2014

Die gekaufte Sicherheit

Weil die Polizei nicht allgegenwärtig sein kann, setzen immer mehr Bürger auf private Sicherheitsdienste - nicht jeder findet das gut

Wer dieser Tage eine Alarmanlage oder Sicherheitsschlösser für Türen und Fenster kaufen will, braucht Geduld. Die Anbieter haben meist keine kurzfristigen Beratungstermine mehr frei. Auch private Sicherheitsdienste sind gut ausgelastet.


„Die Anfragen nehmen extrem zu“, bestätigt Thomas Wehnert. Im Jahr 2001 gründete der frühere Bundeswehr-Kampfschwimmer einen privaten Sicherheitsdienst im niederbayerischen Freyung. Angefangen hat er mit fünf Mitarbeitern. Heute beschäftigt er bereits 30. „Die Kriminalität hat Ausmaße angenommen, die die Polizei nicht mehr in den Griff bekommt“, sagt Wehnert der Staatszeitung. Und Benjamin Pflaum, Geschäftsführer des Abus Security-Centers, einem der Markführer in Sachen Sicherheit mit Sitz in Affing, freut sich über zweistellige Umsatzzuwächse bei den neuentwickelten mechatronischen Spezialsicherungen.
Bayernweit ist die Zahl der Wohnungseinbrüche von 2012 auf 2013 um 11,8 Prozent auf insgesamt 6385 Delikte gestiegen. Nur ein kleiner Teil wird laut Kriminalstatistik aufgeklärt.
Über 770 Sicherheitsunternehmen sind laut Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) am bayerischen Markt aktiv – mit knapp 24 000 Mitarbeitern und einem geschätzten Jahresumsatz von 550 Millionen Euro. Allein zwischen 2010 und 2012 stieg der Umsatz in der Branche um 6,4 Prozent und die Mitarbeiterzahl um 16 Prozent. Fast alle Unternehmen haben wie Wehnert eigene Streifen im Programm, die auf Kontrollfahrten unterwegs sind. In Freyung und Umgebung nutzen vor allem Industrie und Mittelstand Wehnerts Service. Selbst die CSU-regierte Stadt Freyung setzt nicht mehr allein auf die Polizei; sie hat Wehnerts Firma beauftragt, mit einer Streife die Tiefgaragen zu kontrollieren. Außerdem gibt es mit der Stadt ein Abkommen, dass Wehnert mit seinen so genannten City-Streifen kurzfristig an Brennpunkten einspringen kann. Derlei Anfragen werden in Zukunft zunehmen, glaubt Wehnert, auch von Privatpersonen, die nicht mehr allein auf die Polizei vertrauen.
So auch in Pullach bei München. Weil in der wohlhabenden 9000-Einwohner-Gemeinde zwischen 2012 und 2013 die Zahl der Einbrüche von 12 auf 26 emporschnellte, schloss sich eine Gruppe besorgter Bürger zusammen und engagierte einen privaten Sicherheitsdienst. Wie in vielen kleineren Gemeinden gibt es in Pullach keine eigene Polizeidienststelle mehr. Der Gemeinderat, sagt die neue Pullacher Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne), war sich zwar parteiübergreifend darüber einig, „dass die öffentliche Sicherheit Sache der Polizei ist“. Wirklich hilfreich ist so eine Feststellung aber nur dann, wenn sie dazu führt, dass die Polizei präsenter ist. Doch dazu braucht es mehr Beamte. Immerhin: Sie habe „den Eindruck, dass die Polizei jetzt öfter Streife fährt bei uns“, sagt Tausendfreund.

Der Innenminister mag noch keinen Trend hin zu Privaten erkennen


Herrmann Benker, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft DpolG ist erwartungsgemäß „kein Fan privater Sicherheitsdienste, die sich im öffentlichen Raum betätigen“. Er sagt: Die aktuellen Einbruchserien gingen meist von internationalen Banden aus, die sich nach den Taten schnell wieder über die Grenzen zurückziehen. „Für eine effektive Bekämpfung müsste man eigene Lagebilder entwickeln, das aber setzt große kriminalistische Erfahrung voraus“, so Benker.
Innenminister Joachim Herrmann vermag ohnehin keinen größeren Trend hin zu privaten Sicherheitsdiensten erkennen. Er beruft sich auf den Bundesverband der Sicherheitswirtschaft, der kürzlich von Umsatzzuwächsen im niedrigen einstelligen Bereich sprach. Und er verweist darauf, dass die Polizei in gefährdeten Vierteln „verstärkt präsent“ ist. Daneben hat Herrmann bei den Kriminalpolizeiinspektionen spezielle Beratungsstellen eingerichtet, die auch zu den Bürgern nach Hause kommen und diese kostenlos beraten, wie sie ihr Heim sicherer machen können. Herrmann pocht zudem darauf, dass das Einbruchsrisiko in Bayern noch immer viermal niedriger ist als im Bundesdurchschnitt.
Allerdings: Die bayerische Polizei leidet, jedenfalls nach Gewerkschaftsangaben, unter Personalmangel. In vielen Regionen seien die Dienststellen vor allem nachts unterbesetzt: „Oft steht nur eine Streife zur Verfügung, und die Dienststelle ist mit einem einzigen Beamten besetzt“, sagt Gewerkschafter Benker.
Auch die Opposition im Landtag fordert seit Langem mehr Polizisten. Der FW-Abgeordnete Florian Streibl Streibl erklärt: „Greifen Bürger zum Selbstschutz, indem sie private Sicherheitsdienste engagieren, ist das eine fatale Entwicklung einer verfehlten Politik. Es braucht mehr Polizisten, damit sie eine größere Präsenz zeigen können.“ Die Grüne Katharina Schulze fordert darüber hinaus engere internationale Kooperationen, um den Absatz von Hehlerware zu erschweren. SPD-Man Peter Paul Gantzer wiederum warnt vor amerikanischen Verhältnissen: Es dürfe nicht so sein, dass der Geldadel für Sicherheit privat bezahle, während Normalbürger auf der Strecke blieben.
(Angelika Kahl, Waltraud Taschner)

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Kommentare (1)

  1. zitrone am 02.05.2014
    Ich begrüsse die Wünsche der Abgeordneten, mehr Polizeibeamte für die Sicherheit der Bevölkerung einzusetzen. Dabei sollte aber von vornherein den Bürgern offen und offensiv gesagt werden, dass jeder Polizeibeamte jährlich mindestens 50.000 € kostet und hoffentlich gesund in den Ruhestand geht und dann sein verdientes Ruhegehalt bezieht und nicht plötzlich als Kostenfaktor vom Himmel fällt. Sonst geht das populistische und dumme Geschrei in 40 Jahren wieder los über die teuren Pensionäre, die vorher 45 Jahre ihren Kopf für die selben Bürger hingehalten haben.

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