Politik

Im Herbst startet an 20 Grundschulen in Bayern der Modellversuch "Lernen in zwei Sprachen". (Foto: dpa)

10.04.2015

Englisch schon ab Klasse 1

Immer mehr Schulen bieten bilingualen Unterricht an – manchen geht der Ausbau zu langsam, manchen zu schnell

Bisher kannten nur die Schüler der St.-Anna-Grundschule in Augsburg Bob. Der Bub ist der Protagonist eines zweisprachigen Schulbuchs und kommt vom Zirkus. „There’s a new boy in your class. Tell Bob something about yourself“, lautet eine Aufgabe in dem Lehrbuch. Ab nächstem Schuljahr werden mit solchen Aufgaben ABC-Schützen an 20 weiteren Modellschulen im Freistaat für vier Jahre parallel in Deutsch und Englisch unterrichtet. „Es gibt immer mehr Eltern, die sich in der Schule ein frühes bilinguales Lernangebot für ihre Kinder wünschen“, erklärt Bayerns Bildungsstaatssekretär Georg Eisenreich. Der zweisprachige Unterricht wird von Lehrkräften gehalten, die an der Universität Englisch studiert haben und sich fortlaufend weiterqualifizieren.

„Komplexe Sachverhalte können immer in deutschsprachigen Phasen ergänzt und vertieft werden“, versichert ein Sprecher des Kultusministeriums. Daher seien keine Englischvorkenntnisse notwendig. Es sollen auch keine zusätzlichen Inhalte eingeführt werden, sondern lediglich „geeignete Themen“ in musischen und Sachfächern auf Englisch vermittelt werden. „Die Leistungserhebung bezieht sich zunächst auf die sachliche, nicht auf die fremdsprachliche Kompetenz“, betont das Ressort von Ludwig Spaenle (CSU). Wütende Elternproteste erwartet das Kultusministerium nicht. An allen Modellschulen wird neben der bilingualen Klasse auch eine Regelklasse eingerichtet. Andersherum können Eltern, die keine zweisprachige Schule in ihrem Schulsprengel haben, einen Gastschulantrag stellen.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft unterstützt den Schulversuch als Exklusivsponsor. „Die Globalisierung bringt veränderte Anforderungen an die Berufswelt mit sich“, sagt Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt der Staatszeitung. Das Modellprojekt eröffne Kindern jetzt einen spielerischen Zugang zur Zweitsprache Englisch. Tatsächlich ergaben Untersuchungen der Universität Wales, der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und die von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebene DESI-Studie, dass sich bilinguale Angebote in einem Sachfach besonders positiv auf die Englischleistungen dieser Schüler auswirken. Insbesondere beim Sprechen und Zuhören kommen zweisprachige Schüler laut der Forscher doppelt so schnell voran wie andere Klassen.

So verwundert es nicht, wenn inzwischen auch immer mehr Gymnasien zusätzlich zu den Englischstunden englischsprachigen Unterricht in den Fächern Geographie, Geschichte, Wirtschaft und Recht anbieten. „Es ist lediglich eine Organisationsfrage, wenn man Lehrkräfte hat, die das gerne und freiwillig tun“, versichert der Schulleiter des Schrobenhausener Gymnasiums Edmund Speiseder. „Anfangs war es zwar schon komisch, aber man findet sich gut ein“, bestätigt der Zehntklässler Adrian Vogler.

In Realschulen wird bereits seit dem Schuljahr 2008/2009 in mittlerweile über 100 Schulen ab der siebten Klasse in bilingualen Zügen unterrichtet. Seit dem Jahr 2010 bietet das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung zur Schulung der Lehrkräfte auch eSessions an. Dabei werden bei Online-Vorträgen didaktische Tipps für einen bilingualen Unterricht gegeben. Allerdings kommt das Angebot nicht bei allen Schülern an: „An unserer Realschule ist die Nachfrage nach bilingualem Unterricht in den letzten drei Jahren leider sehr stark rückläufig“, berichtet beispielsweise der Schweinfurter Schulleiter Ulrich Wittmann. Die Mehrbelastung nähmen seine Lehrkräfte aber gerne in Kauf.

Gegen bilingualen Unterricht hat auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) nichts einzuwenden – obwohl dies natürlich mehr Arbeit und Aufwand für Lehrer bedeute. „Man sollte daher auch neue Konzepte mit einer zweiten Lehrkraft ausprobieren“, wünscht sich Präsident Klaus Wenzel. Wichtig ist ihm vor allem qualifiziertes Personal. Bei dem Modellversuch an Grundschulen sei dies gegeben. Er bezeichnet den Schulversuch daher als „kleinen, aber richtigen Schritt“.

Bayern nur auf Platz 5

Andere Bundesländer sind bei den bilingualen Grundschulen schon weiter. Nach Angaben des Vereins Frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) liegt Bayern beim Vergleich der absoluten Zahlen bundesweit nach Schleswig-Holstein, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hessen nur auf Platz fünf. Auch die Vielfalt sei mit insgesamt fünf Sprachen im Freistaat eher gering. Obwohl die Zahl der zweisprachigen Grundschulen in den letzten zehn Jahren um das 3,5-Fache gestiegen ist, hält der FMKS das Angebot in keinem Bundesland für ausreichend. „Derzeit sind lediglich 1,8 Prozent aller Grundschulen bilingual“, klagt die Vorsitzende Annette Lommel.

Der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag Martin Güll (SPD) wünscht sich im Gespräch mit der BSZ, überall dort zweisprachigen Unterricht anzubieten, wo bereits entsprechendes Personal vorhanden ist. „Die Voraussetzungen dafür wird es doch in mehr als in 20 Grundschulen geben.“ Außerdem wundert er sich darüber, was in diesem Bereich noch erprobt werden müsse. „Alle Schulen sollten das bilinguale Profil ausbauen“, so Güll. Für die Grünen dient Mehrsprachigkeit der Völkerverständigung und dem guten Miteinander. Thomas Gehring fordert aber, die Modellversuche bezüglich Akzeptanz, praktischer Umsetzbarkeit, Qualität und Unterrichtserfolg zu evaluieren. „Wir werden dies im Landtag auf die Agenda setzen“, kündigt er an.

Der bildungspolitische Sprecher der Freien Wähler Günther Felbinger hingegen lehnt zweisprachigen Unterricht in Grundschulen ab. „Kinder müssen erst einmal Deutsch lernen und diesbezügliche Defizite beheben, bevor sie an eine Fremdsprache herangeführt werden.“ Außerdem will er, dass insgesamt mehr muttersprachliche und ausgebildete Englischlehrer für den zweisprachigen Unterricht eingesetzt werden. Das werde aber wegen einer „auf Kante genähten Unterrichtsversorgung“ schwierig, vermutet Felbinger. (David Lohmann)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.