Politik

Gemeinsam erreichen Arbeitnehmer (hier bei einer Demo in Schwerin) am meisten. Das versuchen die Gewerkschaften derzeit verstärkt ins Bewusstsein zu rufen. (Foto dpa)

04.12.2015

Frauen, Jüngere und Hochqualifizierte im Visier

Seit Jahren klagen die Gewerkschaften über Mitgliederschwund – auch deshalb, weil das klassische Klientel, die Arbeiter, weniger wurden. Jetzt sucht man neue Zielgruppen

Bald ist es 40 Jahre her, dass der Bundestag das Mitbestimmungsgesetz verabschiedete. Es regelt die Aufnahme von Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsrat großer Unternehmen, zum Beispiel Aktiengesellschaften mit mindestens 2000 Mitarbeitern. Solche Aufsichtsräte sind paritätisch besetzt: Arbeitnehmer und Kapitaleigner entsenden jeweils die Hälfte der Mitglieder. Dass Arbeitnehmer derart stark in die Unternehmensführung eingebunden sind, ist nicht überall in der industrialisierten Welt üblich. In den USA ist betriebliche Mitbestimmung immer noch ein Fremdwort. In Deutschland symbolisiert das Mitbestimmungsgesetz auch die Stärke der Gewerkschaften, die seit ihrer Gründung zahlreiche Arbeitnehmerrechte durchgesetzt haben.

Wie ist es heutzutage um diese Stärke bestellt? Seit Jahren verlieren die Gewerkschaften Mitglieder. Ihr Organisationsgrad, also der Anteil der erwerbstätigen Gewerkschafter an allen Arbeitnehmern, lag 2014 nur noch bei knapp 18 Prozent. In Belgien, wo Schriftsetzer 1842 die erste Gewerkschaft der Welt gründeten, liegt der Organisationsgrad bis heute bei 80 Prozent. Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln bestehen in Deutschland Rekrutierungsdefizite vor allem bei Frauen, bei Jüngeren und im Osten der Republik. Angestellte seien in den Gewerkschaften ebenso unterrepräsentiert wie Hochqualifizierte.

Die Arbeitgeber frohlocken über den Trend

Ein wenig rosiger sieht es, wie so oft, im Freistaat aus. „In Bayern verlieren die Gewerkschaften unterm Strich schon seit mehreren Jahren keine Mitglieder. Besonders bei jungen Mitgliedern und Frauen gewinnen die Gewerkschaften sogar hinzu“, sagt Timo Günther, Pressesprecher des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DBG) in Bayern. Und auch Werner Eichhorst gibt Entwarnung: „Der Trend zum Mitgliederschwund ist weitgehend gestoppt“, bestätigt der Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Vor allem der Industriegewerkschaft Metall und einigen kleineren Gewerkschaften gelinge es derzeit, wieder zuzulegen.

Wie kam es überhaupt zum Mitgliederschwund? Nach der Wiedervereinigung zählte zum Beispiel der DGB 11,8 Millionen Mitglieder, zur Jahrtausendwende 7,8 Millionen und Ende 2014 insgesamt 6,1 Millionen. Neben dem DGB gibt es zwei weitere gewerkschaftliche Dachverbände: Der zweitgrößte, Beamtenbund und Tarifuniuon (dbb), hatte Ende vergangenen Jahres knapp 1,3 Millionen, der kleinere Christliche Gewerkschaftsbund Deutschlands fast 300 000 Mitglieder. Daneben gibt es noch einige kleinere Berufsgewerkschaften, die keinem der drei Dachverbände angehören, etwa den Marburger Bund der Klinikärzte. „Das klassische Klientel der Gewerkschaften ist geschrumpft“, sagt Eichhorst. Vieles laufe heute in den Fabriken automatisiert ab, die Zahl der „Arbeiter am Band“ nehme immer weiter ab. Laut Hagen Lesch, beim IW für Tarifpolitik und Arbeitsbeziehungen verantwortlich, „weisen die Gewerkschaften gerade bei solchen sozio-ökonomischen Gruppen Rekrutierungsdefizite auf, die auf dem Arbeitsmarkt an Bedeutung gewinnen“. Dazu zählt Lesch Frauen, Jüngere, Angestellte und Hochqualifizierte.

Ver.di bemüht sich die "Arbeit am Menschen" aufzuwerten

Ver.di bemüht sich derzeit darum, die häufig von Frauen verrichtete „Arbeit am Menschen“ aufzuwerten. Diese Arbeit soll künftig genau so gut bezahlt werden wie die häufig von Männern verrichtete Arbeit an Maschinen. „Mitglieder lassen sich auf Dauer aber nur gewinnen“, warnt Lesch, „wenn eine Gewerkschaft ihre Ziele auch erreicht.“

Das allgemeine wirtschaftspolitische Klima hat sich wieder zugunsten der Gewerkschaften verbessert. Bis zur Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 ist die Einstellung der Arbeitnehmer immer wirtschaftsliberaler geworden. Das hat die Gewerkschaften vor die Herausforderung gestellt, ideologische Positionen zurückzustellen und pragmatischer zu handeln. Jetzt haben viele Arbeitnehmer das Gefühl, von den sprudelnden Gewinnen ihrer Arbeitgeber zu wenig abzubekommen. Die IG Metall setzt deshalb auf Erwartungsmanagement und hat 2013 unter dem Motto „Arbeit – sicher und fair“ eine umfangreiche Beschäftigtenbefragung unter einer halben Million Arbeitnehmern durchgeführt. Abgefragt wurde das derzeitige Stimmungsbild zu Arbeitszeit, Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, Weiterbildung und beruflicher Entwicklung, alters- und alternsgerechtem Arbeiten sowie Altersvorsorge und flexiblen Rentenübergängen.

In Bayern sieht es, wie so oft, rosiger aus

„Die positive Mitgliederentwicklung in Bayern zeigt“, sagt DGB-Pressesprecher Günther, „dass gerade auch junge Beschäftigte wieder zunehmend erkennen, dass sie gemeinsam mit ihren Kollegen mehr erreichen denn als Einzelkämpfer.“ Und wie beurteilen die Arbeitgeber die Lage bei ihrem tarifpolitischen Gegenüber? Eher diplomatisch: „Eine gesamtgesellschaftliche Ursache ist sicher der Trend zu einer zunehmenden Individualisierung – auch wenn diese einer kollektiven Interessenvertretung nicht widersprechen muss“, teilt ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) salbungsvoll mit. Laut IZA-Direktor Werner Eichhorst profitieren die Arbeitgeber zum einen von Gewerkschaften mit weniger Mitgliedern, „weil es die Verhandlungsmacht schwächt und es den Arbeitgebern leichter fällt, tarifvertragsfreie Bereiche zu organisieren“. Gleichzeitig fehlt den Arbeitgebern die eine Telefonnummer, über die sie bislang alle Fragen verlässlich regeln konnten.

„Zerfaserung“ nennt das die BDA und begrüßt deshalb das seit Juli 2015 geltende Tarifeinheitsgesetz. Es sieht vor, dass bei kollidierenden Tarifverträgen in einem Betrieb nur noch ein Tarifvertrag anzuwenden ist. Und zwar der mit der Gewerkschaft, die beim Abschluss des zuletzt unterzeichneten Tarifvertrags im Betrieb die meisten Mitglieder hatte. Eine weitere Motivation für Gewerkschaften, die Zahl der Gewerkschaftsgenossen wieder zu erhöhen. (Jan Dermietzel)

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