Politik

„Man sollte sich immer fragen, ob das, was man twittert, auch relevant ist“, mahnen Experten. (Foto: dpad)

10.02.2012

Grenzenloses Gezwitscher

Twitter: Immer mehr Politiker entdecken den Internet-Dienst und bilden dort auch ungewöhnliche Allianzen

Dieter Janecek „gefällt die Wettervorhersage München für morgen nicht wirklich: Minus 22 Grad“, twitterte der bayerische Landeschef der Grünen dieser Tage um ein Uhr nachts. CSU-Vizegeneralsekretärin Dorothee Bär konterte prompt: „Und solche #Mimimi-Mäuschen wollen regieren?!? #ausgeschlossen! ;-)“. Bär und Janecek gehören  zu Bayerns führenden Polit-Twitterern. Und immer wieder nehmen sie sich gerne auch gegenseitig aufs Korn. Fast noch lieber als mit dem Grünen-Chef frotzelt die Bundestagsabgeordnete Bär allerdings mit dem Berliner Piraten Christopher Lauer – die überparteilichen Neckereien sind im Netz fast schon Kult.
Seit bald fünf Jahren gibt es Twitter (englisch für Gezwitscher), und auch immer mehr Politiker entdecken den Micro-Blogging-Dienst für sich. Angemeldete Nutzer können Tweeds, Beiträge mit maximal 140 Zeichen, posten. Lesen kann sie jeder – ob angemeldet oder nicht. Man kann aber auch die Beiträge bestimmter Personen abonnieren, dann ist man deren Follower. Bär, die als @DoroBaer twittert, hat mehr als 5300 solcher virtueller Verfolger. Janecek (@DJanecek) kommt auf knapp 1700.
Gerade der Berliner Wahlerfolg der Piraten hat noch einmal mehr Politiker ins Internet und vor allem in die sozialen Netzwerke gespült. „Wir denken nicht daran, diese Entwicklung den Grünen und den Piraten zu überlassen“, sagt beispielsweise Peter Altmaier. Seit September erst ist der CDU-Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag auf Twitter aktiv. Tatsächlich aber hat die Berliner CSU/CDU-Fraktion noch mächtig Nachholbedarf, was Twitter angeht – nur 18 Prozent der Abgeordneten kommunizieren über den Dienst. Die Grünen sind die aktivsten, 47 Prozent twittern regelmäßig, so eine Auswertung des Magazins journalist.
Via Twitter wird gestritten und gestichelt, aber auch gekuschelt und paktiert – über alle Parteigrenzen hinweg. Und es menschelt, denn platziert wird auch mal das ein oder andere Private. Kein Sprecher bügelt Zitate glatt, und Politiker geben Einblicke in ihre Persönlichkeit. „Ich glaube, Twitter ist in der Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit der Beiträge nicht zu toppen“, sagt Bär der Staatszeitung. Und davon profitiert sie selbst: „Wenn ich mir die Diskussionen ansehe, die es beispielsweise zum Betreuungsgeld gab, dann war das wirklich beeindruckend“, so Bär. „Twitter-User aus allen politischen Richtungen haben miteinander darüber diskutiert, und ich hatte die Möglichkeit, in Sekundenschnelle einen Überblick über das Meinungsbild zu gewinnen.“
Auch Janecek nutzt Twitter, um „Informationen in komprimierter Form aufzusaugen. Hier ist Twitter für mich genauso wichtig geworden wie die Tages- und Wochenzeitung.“ Gleichzeitig gibt er selbst politische Positionen und und Hintergründe ab. „Auch kontroverse Diskussionen sind über Twitter möglich“, sagt der Grünen-Chef. „Und gerade weil ich jemand bin, der gerne streitet, macht mir das Medium einfach Spaß.“
Auch er habe Spaß daran, sich hin und wieder „mit anderen Usern kleine Wortgefechte zu liefern“, sagt Florian Pronold, Landesvorsitzender der Bayern-SPD. Aber er betont auch: „Nur sollte man es mit dem Twittern nicht übertreiben. Gerade bei Abgeordneten finde ich es blöd, wenn sie alle fünf Minuten twittern, was sie gerade machen. Wichtigtuerei wird auch nicht besser, wenn sie online stattfindet.“
Das bestätigt auch Netzaktivist Markus Beckedahl, der den Blog netzpolitik.org betreut. „Man sollte sich immer fragen, ist das, was ich twittere, auch relevant.“ Aber er glaubt auch, dass es sich Politiker heute nicht mehr leisten können, das Internet links liegen zu lassen. „Man kann damit vielleicht noch keine Wahlen gewinnen“, sagt er, „aber Wahlen verlieren, wenn man nichts macht.“ Und auch Neu-Twitterer Altmaier betont: „Ich halte den Erwerb von Netzkompetenz mittelfristig für eine Überlebensfrage – für alle Parteien.“


Schlechte Blondinenwitze und andere Peinlichkeiten


Am spannensten wird es, wenn im Internet ein echter Dialog stattfindet – und der entsteht bei Twitter häufiger als bei Facebook. Bei Facebook sind zwar mehr Politiker angemeldet, allerdings setzen viele dort nur die Pressemeldungen des Tages ab. Oft sind es auch nicht die Politiker selbst, die posten – Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) beispielsweise lässt seine Mitarbeiter die Seite bestücken. Authentisch aber sei nur der, der selbst schreibt, sagt Linette Heimrich, Medienwissenschaftlerin an der TU Ilmenau. Das sehen auch Bär und Janecek so. Beide verfolgen interessiert, welche neuen Polit-Kollegen sich auf Twitter tummeln. Für Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SDP), von dem sie glauben, dass er „einen Hiwi“ für sich twittern lässt, haben sie nur Spott übrig.
Anderen Twitter-Neulingen geht aber auch schon mal das Temperament durch: Als Bayerns Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger einen Link zu Blondinen-Witzen postete, verlachte ihn nicht nur die digitale Welt. Viele Journalisten nutzen den Dienst, die größten Peinlichkeiten landen deshalb schnell auch in der analogen Welt – und hallen dort auch noch nach, wenn sie längst aus dem Netz gelöscht sind. „Am liebsten bei aller Technik ist mir immer noch das direkte Gespräch“, sagt Aiwanger vielleicht auch deshalb. „Denn kein Onlinemedium wird den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch jemals ersetzen können.“
 Aber es geht auch gar nicht um ein Entweder-oder. „Ich unterscheide nicht mehr zwischen digitaler und analoger Welt, die Übergänge sind fließend“, sagt Janecek. Und noch einen ganz handfesten Vorteil hat Twitter, wie Bär bemerkt: „Ganz nebenbei: Ich finde es für jeden Politiker eine sinnvolle Übung, das Wesentliche in der Kürze und Prägnanz von 140 Zeichen unterbringen zu müssen.“ (Angelika Kahl)

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