Politik

Zwei Münchner packen an: Stadtwerke-Chef Florian Bieberbach (links) und OB Dieter Reiter beim Spatenstich für 17 neue Werkswohnungen im Stadtteil Haidhausen. (Foto: rs)

15.05.2015

Her mit den Werkswohnungen!

Wohnungen bauen für Mitarbeiter? Das tun in München derzeit nur die Stadtwerke – dabei gäb’s staatliche Fördermittel dafür

Eine bezahlbare Wohnung in München: Für immer mehr Menschen ist das ein unerreichbarer Traum. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) will die Wohnungsnot jetzt mit einer Initiative zur Ankurbelung des Werkswohnungsbaus lindern. Und dafür die in der Landeshauptstadt ansässigen DAX-Konzerne Allianz, BMW, Linde, Munich Re und Siemens stärker in die Pflicht nehmen. Sie sollen, dem Beispiel der Stadtwerke München (SWM) folgend, in Werkswohnungen investieren. Und damit auch sicherstellen, dass der Fachkräftemangel in München gelindert wird.
Die Unternehmen, sagte Reiter der Staatszeitung, „werden künftig im Kampf um Fachkräfte auch mit der Bereitstellung von günstigem Wohnraum punkten müssen.“ Diese Woche erfolgte im Münchner Osten der Spatenstich für 17 neue Werkswohnungen der Stadtwerke München. Derzeit verfügen die SWM über 550 Werkswohnungen. Bis 2022 sollen weitere 500 hinzukommen.
„Genau die Konzerne, die vor ein paar Jahren alle Werkswohungen veräußert haben, stehen jetzt beim OB auf der Matte und sagen, das mit der Wohnungsnot könne so nicht weitergehen“, lästerte Reiter auf der Baustelle im Stadtteil Haidhausen. Es gehöre aber zur gesellschaftlichen Verantwortung der Firmen, Wohnraum für die Mitarbeiter zu schaffen. Der OB denkt deshalb über eine Werkswohnungsquote nach: Bei der Aufstellung von Bebauungsplänen könnte die Stadt einen gewissen Anteil für Werkswohnungen reservieren. Reiter kündigte außerdem an, bei Bundesbauminister Alexander Dobrindt (CSU) Initiativen zur staatlichen Unterstützung neuer Werkswohnungen einzufordern. Brisanz birgt die Wohnungsnot für Reiter auch wegen der steigenden Flüchtlingszahlen. „Ich erkenne hier sozialen Sprengstoff“, so der OB.

Die Konzerne haben ihre Werkswohnungen gewinnbringend verscherbelt


Dass die Konzerne dem Vorbild der SMW freiwillig folgen werden, ist jedenfalls fraglich. Denn in den Führungsetagen der großen Unternehmen heißt es: Werkswohnungen gehören nicht zum Kerngeschäft. So verkaufte zum Beispiel Siemens im Jahr 2009 seinen Bestand von rund 4000 Werkswohnungen, davon 1100 in München und 2300 in Erlangen.
Reiter erinnert daran, dass es in München zur Jahrtausendwende rund 100.000 Werkswohnungen gab, die alle verkauft wurden, um die Bilanzen der Unternehmen zu verschönern. Vor allem die Versicherer hielten damals mehrere Tausend Werkswohnungen. Auch die einst staatlichen Unternehmen Bahn und Post hatten in der Landeshauptstadt einen großen Bestand an Werkswohnungen, die im Zuge der Privatisierung versilbert wurden.
Als Notfall-Strategie hat etwa BMW in einem Münchner Hotel 270 Zimmer geblockt, um neuen Mitarbeitern erst einmal eine provisorische Bleibe bieten zu können. Audi in Ingolstadt wiederum startete vor wenigen Tagen in Kooperation mit der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt ein Projekt, das Azubis und Auszubildenden den Start bei Audi erleichtern soll. 30 Apartments stehen mittlerweile bereit. Doch diese Lösungen sind weit entfernt von echten Werkswohnungen.

Stadtwerke in anderen bayerischen Städten sehen keinen Bedarf


Dabei gibt es laut Innenministerium sogar staatliche Fördermittel für den Werkswohnungsbau. Ein extra Programm dafür gibt es zwar nicht. Doch könnten auch die Münchner DAX-Konzerne im Rahmen des bayerischen Wohnungsbau- oder des Modernisierungsprogramms Fördermittel für den Bau sozial gebundenen Wohnraums beantragen. Diese Wohnungen würden dann sozial schwachen Haushalten zur Verfügung stehen – also auch Arbeitnehmern der investierenden Unternehmen, sofern sie unterhalb der Einkommensgrenze liegen. Nach Ablauf der Bindefrist könnte das investierende Unternehmen die Wohnungen frei vermieten, auch an eigene Mitarbeiter.
Der Verband bayerischer Wohnungsunternehmen (VdW Bayern), die Dachorganisation kommunaler Wohnungsunternehmen im Freistaat, befürwortet mehr privatwirtschaftliches Engagement im Wohnungsbau: „Die Mitarbeiter würden es den Firmen danken“, sagt VdW-Bayern-Chef Xaver Kroner der BSZ.
Bayernweit fehlen derzeit laut Landesbodenkreditanstalt 314.000 Wohnungen, davon 89.000 in München.
Doch um die Wohnungsnot zu lindern, zeigen – abgesehen von München – städtische Unternehmen nirgends in Bayern Interesse am Werkswohnungsbau. Der mittelfränkische Regionalversorger N-ERGIE aus Nürnberg, der derzeit ganze vier Werkswohnungen unterhält, prüft derzeit, ob weitere Werkswohnungen erforderlich sind. In Regensburg kommen die Stadtwerke Regensburg GmbH und die REWAG KG mit zusammen sechs Werkswohnungen angeblich gut klar. In Würzburg unterhalten die Würzburger Versorgungs- und Verkehrs-GmbH zirka 50 so genannte Werksmietwohnungen. Eine Erweiterung ist nicht geplant. Ebenso wenig wie in Augsburg, wo es derzeit 22 städtische Werkswohnungen gibt.  (Ralph Schweinfurth)

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Kommentare (1)

  1. Karl am 20.05.2015
    Kein öffentlicher Arbeitgeber!

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