Politik

In München bereitet man sich im Ungererbad auf die Bade-Saison vor -

17.03.2017

Jedes Jahr schließen acht Bäder

Immer mehr Kommunen können sich ihr Schwimmbad nicht mehr leisten – einen Härtefonds lehnt die CSU aber ab

Ende vergangenen Jahres schlug Henning Lambertz Alarm: „Ein Drittel der Drittklässler in Deutschland kann überhaupt nicht schwimmen“, so der Cheftrainer des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV). Marco Greiner von der Wasserwacht Augsburg ergänzt: „Und ein weiteres Drittel kann es nur einigermaßen.“ In Großstädten, so ist von Sportlehrern zu hören, soll der Anteil der Nichtschwimmer fast die Hälfte dieser Altersstufe umfassen.

Wohlgemerkt: Drittklässler sind Buben und Mädchen im Alter von acht bis neun Jahren. Ursprünglich galt mal an deutschen Schulen die unausgesprochene Vorgabe, dass ein Kind bei der Einschulung das Seepferdchen abgelegt haben soll. Josef Kraus, der aus der Nähe von Landshut stammende Präsident des Deutschen Lehrerverbands, warnt: „Die motorischen Defizite bei Schulkindern werden immer schlimmer.“

Doch nicht Schwimmen zu können ist eben viel gefährlicher, als schlecht in Leichtathletik, Handball oder Geräteturnen zu sein. Es kann sogar das Leben kosten.

Man muss sich diese Zahlen noch einmal veranschaulichen angesichts der kürzlich aufgestellten Behauptung von Bayerns Finanz- und Heimatstaatssekretär Albert Füracker (CSU), der Unterhalt kommunaler Schwimmbäder sei keine Pflicht-, sondern nur eine freiwillige Aufgabe der Städte und Gemeinden. Für einen sogenannten Härtefonds aus den Mitteln des kommunalen Finanzausgleichs, der klammen Kommunen den weiteren Betrieb und die eventuell notwendige Sanierung dieser Bäder möglich machen soll, sehe er keine Notwendigkeit, so Füracker. Einen solchen Fonds wünschen sich die Freien Wähler im Landtag. Dieses Geld werde aber für Pflichtaufgaben dringender benötigt, so Füracker, da sei man sich mit den kommunalen Spitzenverbänden einig.

Vor allem Franken betroffen

Mit den Verbänden vielleicht – aber sicher nicht mit allen Kommunen. Seit dem Jahr 1995 wurden in Bayern rund 170 öffentliche Bäder geschlossen, hieß es jüngst bei einer Anhörung im bayerischen Landtag. Anlass war eine Petition von zirka 1000 Bürgern der Marktgemeinde Mönchberg im Landkreis Miltenberg. Die Unterfranken sehen sich derzeit mit dem Problem konfrontiert, ihr in die Jahre gekommenes „Spessartbad“ sanieren zu müssen, was nach den Berechnungen von Bürgermeister Thomas Zöller (FW) mindestens 100 000 Euro kosten würde – zu viel für die nur rund 2600 Einwohner zählende Kommune.

Die sollten sich mal nicht so anstellen in Mönchberg und zunächst andere Möglichkeiten ausschöpfen, hielt der aus der Nachbargemeinde Eschau stammende CSU-Landtagsabgeordnete Berthold Rüth dagegen. Die Hälfte der genannten Summe habe der Förderverein doch längst beisammen. Er selbst, so Rüth, habe auch 500 Euro gespendet. Die Vertreter aller Oppositionsparteien im Landtag stellten sich hinter die Mönchberger Petition. „Richtig und berechtigt“ sei das Anliegen der Marktgemeinde, ist Jürgen Mistol, kommunalpolitischer Sprecher der Grünen, überzeugt. „Es geht nicht um millionenteure Wellness-Einrichtungen für Gutverdiener, sondern um Dinge, die für uns alle selbstverständlich sein sollten“, so der kommunalpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Adelt. Mal wieder präsentiert sich die Lage in Franken deutlich angespannter als in Oberbayern.

Ausnahmen möchte der Heimatstaatssekretär nur für Hallenbäder machen, die ganzjährig fürs Schulschwimmen genutzt werden – sie sollen bezuschusst werden. Doch genau da beißt sich die Katze in den Schwanz: Eben weil immer weniger Kinder schwimmen können, weichen die Sportlehrer – die meist selbst keine spezielle Schwimmtrainer-Ausbildung haben – verstärkt auf andere Sportarten aus.
Wer eigenen Nachwuchs hat, der weiß: Schwimmen lernt man nicht im Winter, genauso wenig wie Skifahren im Sommer. Wenn die Freibäder offen haben und Ferien sind, dann haben auch Mama und Papa mehr Zeit zum Üben. Und in diesem Zeitraum stehen auch die meist ehrenamtlichen Schwimmlehrer der örtlichen Sportvereine und der Wasserwacht zur Verfügung. Doch eben jenen Freibädern möchte Albert Füracker nicht helfen.

Allerdings: Manche Kommunen stehen dank sprudelnder Gewerbesteuer und vergleichsweise niedriger Sozialausgaben so gut da, dass sie sogar den Neubau eines Schwimmbades schultern können – wie etwa das oberbayerische Pfaffenhofen. Bis zu 15 Millionen Euro lasse man sich das neue Familien-, Schul- und Freizeitbad in der 25 000-Einwohner-Kreisstadt kosten, je nach Umfang der Bürgerwünsche, so Bürgermeister Thomas Herker (SPD).

Kollegen von ihm wollen wiederum genau solche Ausgaben um jeden Preis verhindern – wie zuletzt Adolf Hornsteiner (CSU), der Rathauschef von Mittenwald im Landkreis Garmisch. Seine Einwohner hatten einen Bürgerentscheid durchgesetzt, der pro Bau eines neuen Hallenbads ausging. Hornsteiner wiederum hatte vergeblich argumentiert, dass die Bau- und vor allem die laufenden Betriebskosten den 7500 Einwohner zählenden Ort finanziell überfordern würden.

Einen kostenneutralen Ratschlag, wie man wieder mehr Kinder zu guten Schwimmern machen kann, hält Olympiasiegerin Britta Steffen parat: „In anderen Ländern wird, im Gegensatz zu Deutschland, niemals das Brustschwimmen als erste Schwimmart gelehrt – weil es technisch die anspruchsvollste ist. Die Kraulbewegung dagegen lässt sich viel leichter erlernen und schützt auch eher vorm Ertrinken, weil sie weniger Kraft erfordert.“

Auch dafür jedoch braucht man erst mal ein funktionstüchtiges Schwimmbad.
(André Paul)

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