Politik

Nicht alle Berufsabschlüsse werden als gleichwertig anerkannt. (Foto: dpa)

24.04.2015

Küchenhilfe mit Doktortitel

Die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse kommt trotz Fachkräftemangel nur schleppend voran

Für Christine Schuller aus Rumänien lief alles ganz einfach. Die Bürokraft wollte nach ihrem Umzug nach Bayern weiter in ihrem Traumberuf arbeiten. Um ihre im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen anerkennen zu lassen, schickte sie ihre Urkunden und Arbeitszeugnisse an die zentrale Anerkennungsstelle der Industrie- und Handelskammern (IHK) für ausländische Berufsabschlüsse. Die IHK FOSA (Foreign Skills Approval) prüft, inwieweit ausländische Berufsabschlüsse mit den dualen Ausbildungen und Weiterbildungen in den Bereichen Industrie, Handel, Gastronomie und Dienstleistungen vergleichbar sind. Schon nach einem Monat erhielt Schuller den offiziellen Anerkennungsbescheid. Mit der Referenzqualifikation Kauffrau für Bürokommunikation bekam sie anschließend schnell Rückmeldungen auf ihre Bewerbung. Inzwischen arbeitet die 32-Jährige als Bürokauffrau in Ingolstadt.

Doch obwohl es seit der Verabschiedung des Anerkennungsgesetzes vor drei Jahren viele solcher Erfolgsgeschichten gibt, bleibt der Ansturm auf die Einrichtung hinter den Erwartungen zurück. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (beide CDU) besuchten daher letzte Woche die IHK FOSA in Nürnberg. „Wir haben Jahre – jahrzehntelang muss man sagen – darauf nicht geachtet, und Menschen, die vielleicht eine sehr gute und interessante Ausbildung hatten, hatten keine Möglichkeit, diesen Beruf auch anerkannt zu bekommen“, räumte die Kanzlerin ein. Dabei sind viele Unternehmen, Handwerksbetriebe, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf ausländische Fachkräfte angewiesen.

Bundesweit sind nach Angaben des Bundesbildungsministeriums bis Ende 2013 erst 26 466 Anträge bei den zuständigen Stellen eingegangen. Am häufigsten handelte es sich dabei um Ärzte, Krankenpfleger, Physiotherapeuten und Bürokaufkräfte. Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ging bei der Verabschiedung des Gesetzes noch von 300 000 Antragstellern aus. Im Freistaat wurden im Rahmen des bayerischen Berufsanerkennungsgesetzes, das Berufe wie Erzieher, Lehrer und Ingenieure regelt, laut Sozialministerium zwischen April 2012 und März 2015 8636 Anträge eingereicht. Die meisten Antragssteller kamen aus Polen, Russland und der Türkei. 3883 Berufsabschlüsse wurden als voll, 1988 als teilweise gleichwertig anerkannt. 371 Anträge wurden abgelehnt, 264 zurückgezogen – der Rest ist noch in Bearbeitung. Die Prüfung soll zwar offiziell nur drei Monate dauern, nimmt aber in einigen Fällen bis zu zwei Jahren in Anspruch.

„Die Verfahrensdauer bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse ist ein Problem“, bestätigt der Vorsitzende des Arbeitsausschusses im Landtag Joachim Unterländer der Staatszeitung. Zwar zögen sich die Verfahren teils wegen fehlender Unterlagen, teils wegen der sorgfältigen Prüfung in die Länge. „Wenn aber in Einzelfällen bis zu zwei Jahre bis zur Anerkennung vergehen, ist das kaum noch vermittelbar“, rügt Unterländer. An dieser Stelle bestehe definitiv Handlungsbedarf.

Als Faktoren, die eine zügige Bearbeitung der Fälle beeinträchtigen, nennt das Gesundheitsministerium unter anderem die „stetig steigende Antragszahl bei gleichbleibender Personalausstattung.“ Ines Weihing vom Netzwerk MigraNet, das Migranten bei der Arbeitsmarktintegration in Bayern hilft, fordert daher, die personelle Ausstattung zu verbessern. Vor allem sollten neue Finanzierungs- und Ratenzahlungsmöglichkeiten eingeführt werden, denn die Anerkennung ist teuer: Sie kostet zwischen 40 und 900 Euro – das ist insbesondere für Flüchtlinge zu hoch.

CSU sieht Handlungsbedarf

Ein weiteres Problem sind MigraNet zufolge die bürokratischen Hürden: „Die Komplexität der gesetzlichen Regelungen und der Zuständigkeiten macht es Anerkennungssuchenden oft unmöglich, ohne fachliche Unterstützung ein Anerkennungsverfahren zu durchlaufen“, erklärt Weihing. „Nach wie vor fehlen einheitliche Vorgaben für die Verfahrenspraxis.“ So sei zwar gesetzlich geregelt, dass Berufserfahrung vorhandene Defizite ausgleichen kann. Wie diese angerechnet wird, entscheidet jedoch die einzelne Anerkennungsstelle. So verwundert es nicht, wenn eine aktuelle Studie von MigraNet zu dem Ergebnis kam, dass in Bayern im Jahr 2012 Anerkennungsverfahren im Vergleich zum Bund seltener positiv entschieden wurden (minus 11,7 Prozent) und es mehr offene Verfahren gab (plus 11,7 Prozent).

Die arbeitspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag Kerstin Celina kritisiert die Nichtanerkennung: „Es ergibt doch keinen Sinn, eine ausgebildete Pflegekraft mit praktischer Erfahrung in einem Restaurant in der Küche arbeiten zu lassen, wenn gleichzeitig Pflegekräfte mit Erfahrung händeringend gesucht werden.“ Ihrer Meinung nach scheitert die Anerkennung von Abschlüssen vor allem deshalb, weil es zu wenig Deutschkurse gibt, Flüchtlinge ohne Papiere ihre Abschlüsse nicht nachweisen können und für Lehrer sowie die meisten akademischen Abschlüsse überhaupt kein Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren existiert. Celina fordert daher statt eines „kostenpflichtigen Bittstellertums“ ein kostenfreies und schnelles Anerkennungsverfahren – „zumindest in den Berufen, in denen mehr offene Stellen gemeldet werden als potenzielle Bewerber.“

Nachbesserungsbedarf sieht auch Gaby Schmidt von den Freien Wählern. Sie begrüßt zwar, dass Anträge zukünftig auch online eingereicht werden können sollen. Die bürokratischen Hürden sind ihr dennoch zu hoch: „Denn schlussendlich muss sich ein jeder im Berufsleben und in der Praxis beweisen!“ Arif Tasdelen (SPD) fordert die Staatsregierung auf, mehr Werbung für das Landesanerkennungsgesetz zu machen. „Dies wäre ein klares Zeichen für eine offene Willkommenskultur und eine Chance, im weltweiten Wettbewerb für qualifizierte Arbeitskräfte attraktiv zu bleiben.“ (David Lohmann)

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