Politik

Heiner Keupp ist einer der renommiertesten dutschen Sozialpsychologen. Er lehrte bis 2008 an der Universität München. (Foto: dpa)

17.01.2014

"Lebensführung als Schulfach"

Der Sozialpsychologe Heiner Keupp über Schwulen-Outings, Homosexualität in Lehrplänen und homophobe Fußballfans

BSZ: Herr Professor Keupp, in den Schulen von Baden-Württemberg soll künftig mehr geredet werden über das Thema Homosexualität. Wäre das auch in Bayern wünschenswert?
Heiner Keupp: Ich finde es ungeheuer gut, dass Baden-Württemberg das Thema Homosexualität auf diese Weise aufgreift. Es ist richtig und an der Zeit, den Schülern zu vermitteln: Ihr sollt andere Lebensformen nicht nur tolerieren, sondern alle Lebensentwürfe als gleichwertig ansehen. Das würde ich mir auch für bayerische Schulen wünschen. Mit Blick darauf, wie diese Themen im Unterricht behandelt werden, nimmt Bayern jedenfalls keinen Spitzenplatz innerhalb Deutschlands ein.

BSZ: Liegt das auch daran, dass Homosexualität hier vor allem im Religions-Lehrplan verankert ist?
Keupp: Ich würde jedenfalls nicht allen Religionslehrern zutrauen, dass sie das Thema mit der gebotenen Sensibilität angehen. Und außerdem erreicht man im Religionsunterricht auch gar nicht alle Schüler. Zum Beispiel nicht die muslimischen Jugendlichen, die gegenüber Homosexuellen oft besonders ausgeprägte Vorurteile haben. Grundsätzlich wäre für dieses wie für andere Themen ein eigenes Unterrichtsfach wünschenswert, das sich Lebensführung nennen könnte. Mir fehlt die Reaktion der Schulen darauf, wie komplex das Leben geworden ist. Die Identität von Menschen ist heute nicht mehr zu begreifen mit dem Rüstzeug, das ältere Lehrer mitbekommen haben. Die können ihren Schülern mit den herkömmlichen Unterrichtsinhalten und -methoden vieles nicht vermitteln – etwa Lösungsstrategien für zwischenmenschliche Konflikte oder den reflektierten Umgang mit der eigenen Sexualität.

BSZ: Was empfehlen Sie Lehrern, die erleben, dass Schüler auf dem Pausenhof „schwule Sau“ rufen?
Keupp: Bloß nicht mit erhobenem Zeigefinger oder Verboten daherkommen! Verbale Empörungen bringen gar nichts. Der Lehrer sollte diese Form von Sprache erst mal einfach akzeptieren und die Schüler eher fragen: Was meint ihr denn damit, was wollt ihr ausdrücken? Derlei ergebnisoffene Gespräche gibt es in einem leistungsorientierten Umfeld wie der Schule ohnehin viel zu wenige. Aber nur so animiert man die Schüler zum Nachdenken.

BSZ: Alle finden es jetzt super, dass sich der Fußballer Hitzelsberger als schwul geoutet hat. Sie auch?
Keupp: Zunächst mal: Ja, ich hab mich gefreut, dass endlich mal einer aus dem Bereich Fußball den Mut dazu hatte. Allerdings irritiert mich die ungeheure Bereitschaft, das als positiv zu bewerten. In der Psychologie kennen wir den Abwehrmechanismus der „Reaktionsbildung“: Wer immerfort betont, wie toll etwas ist, drückt damit auch aus, dass das Ganze für ihn eben keineswegs so normal ist.

"Fußballstadien: Der einzige Ort,  an dem Männer hemmungslos emotional sein dürfen"

 

BSZ: Warum ist es in Zeiten größter sexueller Freizügigkeit überhaupt noch ein Aufreger, wenn Fußballer schwul sind?
Keupp: Das liegt an der Männlichkeitskultur, die den Fußball geprägt hat. Jahrzehntelang gab es dort das Klischee der harten Kerle, die gegeneinander kämpfen. Denken Sie an die klassischen Spielertypen Ballack oder Frings. Allerdings: Auch im Fußball ändern sich die Dinge. Wir haben einen Umbruch in der Spielkultur, die gerade auch in der Nationalmannschaft das Spielerische und Kreative betont. Das hat noch nicht die volle Akzeptanz. Es war ja so: Als Michael Ballack die Nationalmannschaft verließ und sich dort ein anderer, weniger aggressiver Spielertypus durchsetzte – wie etwa Lahm, Özil oder Götze – , lancierte einer der Ballack-Berater die böse Formulierung von der „schwulen Combo“. Und ausgerechnet Thomas Hitzelsberger, der einen so harten Schuss drauf hatte, dass er in England den Spitznamen „the hammer“ erhielt, outet sich dann als schwul! Da funktioniert jetzt für viele Fans ein Weltbild nicht mehr, denen wird ein klassisches Feindbild genommen.

BSZ: Warum ist es denn so schön, ein Feindbild zu haben?
Keupp: Weil es ein Ventil sein kann. Fußball ist der einzige Ort, an dem Männer hemmungslos emotional sein dürfen. Wo sie Wut und Hass und Ärger, die sich in der privaten und beruflichen Welt angestaut haben, abreagieren können. Das gibt’s ja oft, dass wir negative Gefühle bunkern. Wenn dann Fußballer als schwul beschimpft werden können, ist das wie eine emotionale Selbstreinigung, die es ermöglicht, den Alltag wieder auszuhalten.

BSZ: Erwarten Sie von Hitzelsbergers Outing mehr Toleranz bei homophoben Fans?
Keupp: Die Debatte um die ins Wanken geratene Männlichkeitskultur wird nicht auf den unteren Rängen der Stadien geführt. Trotzdem denke ich, dass es die Fans dort jetzt ein bisschen schwerer haben mit ihren Schmähungen. Zumal das typische Männerideal vom harten Hund auch andernorts auf dem absteigenden Ast ist. Auch in Unternehmen, in Politik und Wirtschaft sind zunehmend die als weiblich geltenden Eigenschaften Teamorientierung, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen gefragt. Die Leistungsmaschine Fußball ist da die letzte männliche Bastion, die jetzt geschleift wird.

BSZ: Würden Sie Homosexuellen grundsätzlich raten, sich zu outen?
Keupp: Ja, wenn die Lebenswelt das gut mittragen kann. Wenn Angst und Zweifel vorherrschen, würde ich empfehlen, sich erstmal an eine Beratungseinrichtung zu wenden. Ein Outing muss richtig vorbereitet werden. Ein Coming-out bedeutet aber auch nicht, dass ich das als Annonce in die Zeitung setze. Es stellt sich schon die Frage, warum man seine sexuelle Präferenz überhaupt benennen muss. Die Menschen, die mir wichtig sind, sollen es erfahren, und es geht letztlich um die eigene Identität. Ich stelle mich ja auch nicht hin und rede über meine Hetero-Vorlieben.
(Interview: Waltraud Taschner)

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