Politik

Am 8. März ist wieder einmal Weltfrauentag. Doch Frauen in Spitzenpositionen sind noch immer rar. (Foto: dpa)

01.03.2013

"Redet über eure Erfolge"

Karriere-Coach Ursula Kraemer über Machtspiele in der männlich dominierten Politik- und Wirtschaftswelt und was sie Frauen rät

Am 8. März ist wieder einmal Weltfrauentag. Doch Frauen in Spitzenpositionen sind noch immer rar. Ursula Kraemer berät in Karrierefragen. Die Chefin von Navigo-Coaching in Friedrichshafen arbeitet seit über 30 Jahren als Trainerin und Beraterin für berufliche Weiterentwicklung. Am Wochenende hält sie im Landkreis Lindau ein „Politik-Seminar für Frauen“. Das Ziel: Die Rekrutierung von Kandidatinnen für die Kommunalwahlen 2014.

BSZ: Frau Kraemer, warum sind Frauen in der Kommunalpolitik immer noch so stark unterrepräsentiert?
KRAEMER: Einerseits sind die Sitzungszeiten für Frauen mit Familie und Beruf indiskutabel. Wenn man wirklich will, dass mehr Frauen mitmachen, muss sich etwas ändern. Aber ich höre auch immer wieder, dass Frauen die Macht- und Ränkespielchen im männerdominierten Politikbereich ablehnen. Manche wollen nach nur einer Legislaturperiode wieder aufhören, weil sie so nicht arbeiten möchten.

BSZ: Was stört sie konkret?
KRAEMER: Eine Seminarteilnehmerin hat zum Beispiel berichtet, dass sie sich akribisch auf Sitzungen vorbereitet. Sie liest die Unterlagen, spricht mit Betroffenen und macht sich vor Ort schlau. Das kostet sehr viel Kraft und Energie. Der männliche Sitznachbar dagegen schlägt die Unterlagen zum ersten Mal in der Sitzung auf und redet sofort drauf los. Das frustriert.

BSZ: Was ist die Lösung? Wohl nicht, sich selbst nicht mehr vorzubereiten.
KRAEMER: Natürlich nicht. Aber man muss auch mal Mut zur Lücke beweisen und sich zum Beispiel auf den wichtigsten Punkt der Tagesordnung  konzentrieren. Und ich rate den Frauen damit aufzuhören, sich kurz zu fassen. Wenn drei Leute bereits genau dasselbe gesagt haben, stellt sich ein Mann vorne hin und sagt es eben noch ein viertes Mal. Eine Frau dagegen schweigt. Aber nur, wenn ich von mir hören lasse, kennt man auch meine Position.

"Erst reinkommen, dann Spielregeln ändern"

BSZ: Heißt das, Frauen sollten sich wie die Männer verhalten?
KRAEMER: Nein. Vielleicht hänge ich mich jetzt zu sehr aus dem Fenster, aber ich glaube, Frauen geht es mehr um den Inhalt, Männer dagegen auch ganz viel um die eigene Person. Ich persönlich halte aber eine Politik für besser, die sich an Projekten orientiert und nicht an parteipolitischen Positionen. Um in eine Männerwelt hineinzukommen, müssen sich Frauen zwar erst einmal anpassen. Erst wenn sie dazugehören, können sie Spielregeln verändern. Und sie können und sollten auch andere Frauen reinholen.

BSZ: Was steht in Ihren Seminaren konkret auf dem Programm?
KRAEMER: Zuerst wird die Frage beantwortet: Was will ich? Also zum Beispiel: Warum will ich in die Politik und was will ich dort erreichen? Für welche Themen mache ich mich stark und in welchen Ausschüssen kann ich am meisten bewirken. Wichtige Punkte sind auch, wie man sich präsentiert und wie man kommuniziert. Viele Frauen scheuen sich,  Netzwerke zu nutzen, das gehört aber dazu. Und ich frage die Frauen, was ihnen zum Thema Macht einfällt. Meist stelle ich dann fest, dass der Begriff fast ausschließlich negativ besetzt ist. Aber nur wer Macht hat, kann etwas machen. Man muss auch die positiven Aspekte sehen.

"Frauenquote statt Lippenbekenntnisse"

BSZ: Aber warum brauchen Frauen in diesen Bereichen extra Nachhilfe?
KRAEMER: Weil es vielen Frauen seltsamerweise an Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlt. Geben Sie einer Frau eine Aufgabe, wird sie erst einmal überlegen, was sie braucht, um sie gut erfüllen zu können. Ein Mann sagt sofort: Klar, das mach ich. Hier könnten beide Geschlechter voneinander lernen. Manchem Mann täte es gut, sich zu fragen: Was muss ich noch lernen. Und Frauen sollten erkennen, dass man auch im Tun lernt und nicht alles hundertprozentig können muss. Und sie müssen aufhören, ihre eigenen Erfolge kleinzureden. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass selbst Frauen in Führungspositionen noch jahrelang Angst haben, dass  aufkommen könnte, dass sie es nicht können.

BSZ: Oft hört man: „Wir wollen ja gerne mehr Frauen in Spitzenpositionen. Aber wir finden keine.“
KRAEMER: Das sind nur Lippenbekenntnisse. Wenn man das wirklich möchte, muss man die Bedingungen ändern. Gerade habe ich zum Beispiel von zwei Frauen gehört, die sich eine Spitzenposition teilen. Das kann wunderbar funktionieren. Aber schlagen Sie das mal einem Mann vor: Der widerspricht sofort und sagt, das geht nicht. Er kann es sich einfach nicht vorstellen. Damit sich etwas ändert, bräuchte es ein bisschen mehr Fantasie. Da diese aber fehlt, sollte eine Frauenquote gelten. Ohne sie bleibt es bei Lippenbekenntnissen.

BSZ: Frauen erobern die Wirtschaft, Männer aber nicht den Haushalt. Funktioniert das?
KRAEMER: Nein. In der Tat sind wir Frauen immer mehr gefordert. Doch sollten wir uns auch nicht alleine für die Bereiche Haushalt und Kinder zuständig fühlen. Erfreulicherweise scheint jetzt eine neue Generation heranzuwachsen, die bereit ist, diesen Weg zu gehen. Es muss sich dringend etwas ändern – in unserer Gesellschaft, aber auch in den Köpfen der einzelnen Menschen.

BSZ: Wie haben Sie selbst Familie und Karriere gemeistert?
KRAEMER: Ich habe für meine drei Kinder insgesamt fünf Jahre ausgesetzt und würde diese Zeit auch auf keinen Fall missen wollen. Allerdings habe ich während dieser Zeit immer wieder Kurse gemacht. Und wenn die Kinder im Bett waren, habe ich Seminare vorbereitet, von denen ich wusste, dass ich sie eines Tages halten werde. Das ist auch immer mein Appell an die jungen Mütter: Haltet Kontakt zum öffentlichen Leben. Das kann der Beruf sein, aber auch ein politisches Engagement hilft in dieser Zeit, am Ball zu bleiben.
(Interview: Angelika Kahl)

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