Politik

Jean Ziegler, Soziologe und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung in München. (Foto: dpa)

05.06.2015

"Regierungen sind nur Ausführungsgehilfen der Wirtschaft"

Die Weltordnung - für Jean Ziegler ist sie "kannibalisch". Der Globalisierungkritiker über den Raubtierkapitalismus der Konzerne und Börsenspekulation um Grundnahrungsmittel, die Essen für Arme unerschwinglich machen

Jean Ziegler ist einer der prominentesten Globalisierungskritiker. Seine Ansichten über den Kapitalismus und dessen Auswüchse hat er in vielen Büchern dargelegt, so auch in seinem neuen Werk "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen". Sein Ziel: "Die Errichtung einer solidarischen Gesellschaft, die Humanisierung des Menschen", wie er darin schreibt. Wie das genau aussehen könnte, weiß der 81-Jährige dagegen nicht. "Welche Gesellschaft der befreite Mensch erschaffen wird, gehört dem Mysterium der Geschichte an." Von Treffen wie dem G7-Gipfel hält der UN-Menschenrechtsberater indes wenig, seien die Politiker doch machtlos. "Die Macht ist in den Konzernetagen", sagt Ziegler im Interview.

Frage: Wenn man sich offizielle Statistiken zum Hunger in der Welt anschaut, hat sich die Lage in vielerlei Hinsicht verbessert. Können Sie das bestätigen?
Ziegler: Das stimmt eben nicht. Die Weltgesundheitsorganisation, die UNICEF, Oxfam und viele andere kritisieren das Berechnungsmodell der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Die FAO nimmt die Bevölkerungszahl eines Landes und sie nimmt die produzierten und importierten Kalorien dieses Landes und gleicht das ab. Dann sagt sie: Das Minimum ist 2200 Kalorien pro Tag für einen Erwachsenen. Dieses Land ist selbsternährend, hat keinen Hunger mehr, weil genügend Kalorien da sind für diese Bevölkerung. So kommen sie zu der Absurdität, dass China beispielsweise hungerfrei ist. 

Frage: Wie sieht die Realität aus?
Ziegler: Die Realität ist, dass in Tibet periodische Hungersnöte sind, dass Hunger als Waffe eingesetzt wird von den Besetzern. Dass bei den Uiguren permanent schwerste Unterernährung von 27 Millionen Menschen ist, auch in der inneren Mongolei, insbesondere von Kindern. Deshalb ist das Berechnungsmodell der FAO nicht glaubwürdig, weil die interne Verteilung der Kalorien nicht berücksichtigt wird.

"Alle fünf Sekunden verhungert eine Kind"

Frage: Wo verschwinden denn die Kalorien hin?  
Ziegler: Sie werden in den Großstädten verschwendet. Es gibt dort ganz große Probleme mit Übergewicht, mit dem Überkonsum von Kalorien, wie bei uns. Es gibt eine neue Mittelschicht, die hat den massiven Fleischkonsum entdeckt. Die Sozialstruktur hat sich verschoben. Nach den Zahlen, die wir im Menschenrechtsrat haben, sind fast eine Milliarde Menschen permanent unterernährt. Alle fünf Sekunden verhungert oder stirbt an den unmittelbaren Mangelkrankheiten ein Kind unter 10 Jahren und 57000 Menschen verhungern jeden Tag. Und die Tendenz ist steigend. 

Frage: Wo sehen Sie die Ursachen dieser Entwicklung?
Antwort: Der Hunger hat ganz spezifische, von Menschen gemachte Ursachen. Die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel ist absolut legal, leider. Grundnahrungsmittel sind Mais, Getreide und Reis und decken 75 Prozent des Weltkonsums. Der World-Food-Index der letzten fünf Jahre bis 2014 sagt, dass der Weltmarktpreis von Reis um 38,1 Prozent gestiegen ist, von Mais um 33,2 und die Tonne Weizen hat sich verdoppelt. Die Hedgefonds und Großbanken machen mit Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel astronomische Profite. Aber in den Slums der Welt leben 1,1 Milliarden Menschen, dort muss die Mutter mit ganz wenig Geld die Nahrung für die Kinder kaufen. Wenn die Reispreise explodieren, sterben Millionen Menschen mehr. 

Frage: Ist der Hunger nicht ein Thema, das immer wieder auch auf Treffen wie dem G7-Gipfel diskutiert wird?
Ziegler: Vor acht Jahren war der Gipfel in Heiligendamm. Das Hauptthema war Armut, speziell in Afrika. Heiligendamm hat drei Tage hinter Stacheldraht diskutiert über den Kampf gegen Hunger. Aber in acht Jahren ist nichts passiert. Das Agrardumping geht weiter, der Landraub geht weiter. 221 Millionen Hektar Ackerland wurden von Hedgefonds und Großbanken übernommen letztes Jahr, weil die Preise steigen. Die Börsenspekulation geht weiter. Dabei könnte die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel morgen früh durch den Bundestag verboten werden. Und Millionen Menschen wären gerettet. Und nächsten Sonntag wird wieder über Armut und Hunger diskutiert. 

"Der G7-Gipfel ist total verlogen!"

Frage: Was halten Sie von diesem G7-Treffen in Elmau?
Ziegler: Ich finde diesen G7-Gipfel total verlogen. Diese simulativ demokratischen Regierungen haben keine Macht, sich gegen die Konzerne durchzusetzen. Sie glauben nur, dass sie Macht haben - das sind reine Ausführungsgehilfen. Das sind keine souveränen Staaten, autonome Persönlichkeiten, freie Menschen. Die Macht ist in den Konzernetagen. Und die Konzerne sagen: Börsenspekulation, das ist der freie Markt. Das kommt gar nicht infrage, dass die Börse da eingeschränkt wird von Frau Merkel aus Deutschland, immerhin die dritte Wirtschaftsmacht der Welt. 

Frage: Wer müsste sich zusammensetzen, um etwas zu bewirken?
Ziegler: Der Alternativgipfel. Die große Hoffnung ist die neue planetarische Zivilgesellschaft. Es gibt eine Unruhe bei den Menschen. Sie wissen zwar nicht genau, was passiert. Aber sie spüren es. Sie sehen im Fernsehen die Kanisterbomben auf die Schulen in Aleppo, die Welt tut nichts. Die hungernden Kinder im Ostkongo, die Sklavenkinder in Sambia. Da stimmt etwas nicht. Diese Unruhe, die steigt. Wir wissen, was wir nicht wollen: Dass alle fünf Sekunden ein Kind verhungert. Auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Das will niemand. Darum die Unruhe.

Frage: Sie setzen auf eine Revolution von unten.  
Ziegler: Absolut. Che Guevara hat gesagt, auch die stärksten Mauern fallen durch Risse. Und überall sind Risse sichtbar. Es gibt Widerstand. Die Attac-Bewegung gegen das mobile Finanzspekulationskapital, die Greenpeace-Bewegung, die Amnestiebewegung gegen die Folter.

Frage: Wie weit darf dieser Widerstand gehen?
Ziegler: Unendlich, uferlos, total. Aber Che Guevara hat gesagt, der Guerillero ist kein Gewaltmensch, sondern er ist ein bewaffneter Lehrer. Dort, wo es keinen Freiheitsraum gibt, um mit dem anderen zu reden, muss man mit Gegengewalt diesen Freiheitsraum schaffen, was in den westlichen Demokratien überhaupt nicht der Fall ist. Deutschland ist die lebendigste Demokratie des Kontinents. Das Grundgesetz gibt uns jede Waffe in die Hand, um morgen früh sämtliche mörderischen Mechanismen dieser Weltordnung zu brechen. (Interview: Cordula Dieckmann, dpa)

ZUR PERSON: Jean Ziegler ist einer der prominentesten Kritiker der Globalisierung. Geprägt durch Begegnungen mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre oder dem berühmten Revolutionär Che Guevara setzt sich der 81-Jährige seit Jahrzehnten dafür ein, den Hunger in der Welt zu lindern. Seine dezidierten Ansichten legte er auch in vielen Büchern dar. Außerdem sitzt er im UN-Menschenrechtsrat als Berater.

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