Politik

Süchtig nach Computerspielen und Internet: Das soziale Leben, Schule und Arbeit spielen keine Rolle mehr. (Foto: dapd)

01.06.2012

Vom Internet verschluckt

Online-Sucht: Die Zahl der Betroffenen steigt – doch in Bayern gibt es kaum Beratungsstellen und Therapieplätze

Lange hatte er nicht einmal geahnt, wie es um seinen Sohn steht. Der Münchner Systemberater Christoph Hirte glaubte, der würde eifrig in NRW studieren. Doch als die Eltern ihn einmal besuchten, merkten sie, dass dessen Leben sich nur noch vor dem Rechner abspielte. Der junge Mann war abgetaucht – in die Welt des Internets. Hirte: „Er wurde vom Online-Rollenspiel World of Warcraft verschluckt.“ Damals konnten sie ihm nicht helfen. „Die Sucht war stärker und er brach über Jahre den Kontakt zu uns ab.“
Heute haben die Hirtes wieder Kontakt zu ihrem Sohn. „Aber nach wie vor ist seine Situation alles andere als stabil“, sagt Hirte. Starke Depressionen seien ihm von der jahrelangen Intensivspielerei geblieben. Aus seiner eigenen schmerzlichen Erfahrung heraus hat das Münchner Paar eine Initiative gegründet. Auf www.rollenspielsucht.de gibt es neben Berichten von Betroffenen und Angehörigen auch nützliche Informationen. Hirte hat ein Netzwerk für Ratsuchende aufgebaut, bundesweit haben sich 370 Stellen eingetragen, die Hilfe anbieten.
Beratungsstellen mit Schwerpunkt Mediensucht gibt es in Bayern aber kaum. In München nicht eine einzige. Lediglich allgemeine Suchtberatungsstellen bieten Unterstützung an. Vor vier Jahren wurden auf Hirtes Initiative hin Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige gegründet.
Über den „exzessiven oder pathologischen Computerspiel- und Internetgebrauch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ zeigt sich auch Mechthild Dyckmans (FDP), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, besorgt. Der Drogen- und Suchtbericht schätzt die Zahl der Internetabhängigen in Deutschland auf 560 000 – Tendenz steigend. Von den 14- bis 24 Jährigen gelten sogar 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer.
Für Bayern gibt es kein Zahlenmaterial. „Auch weil heute noch viele denken, das sei eine Zeitgeisterkrankung“, kritisiert Kai Müller, Diplompsychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Mainzer Spielambulanz. Noch immer ist Online-Sucht nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Die Folge: Die Rentenversicherungsträger, zuständig für die Behandlung von Suchtkrankheiten, zahlen nicht. Wenige Kliniken sind deshalb bereit, Spezialabteilungen zu gründen, in denen Betroffene bestmöglich behandelt werden könnten. Müller: „Das müsste sich als erstes dringend ändern.“
Ulrike Gote,  medienpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, sieht das genau so. Notwendig sei die Erforschung des Krankheitsbildes im Hinblick auf eine Anerkennung der Erkrankung als eigenständige Suchtform, sagt sie. Nach den Pfingstferien will sie  einen entsprechenden Antrag einbringen. Hirte freut das. „Irritiert sind wir allerdings über die Tatsache, dass es bereits im Bund von der großen Koalition einen gemeinsamen Antrag, die Online-Sucht endlich als Krankheit anzuerkennen, gab“, sagt er. „Der ist allerdings in der Versenkung verschwunden.“


München hat keine einzige spezialisierte Anlaufstelle


Auch Dorothee Bär, Vorsitzende des CSU-Netzrates, hatte damals unterzeichnet. Der aktuelle Sucht-report aber wurmt sie. „Die gedankliche Nähe des Internetverhaltens zum Alkohol- und Drogenkonsum halte ich für absurd“, erklärt Bär. „Ich möchte das Thema Internetsucht keineswegs marginalisieren. Ich empfehle allerdings, die richtigen Schlüsse aus den entsprechenden Analysen zu ziehen, und weder Computerspiele, noch das Medium an sich als Gefahr für Leib und Seele darzustellen.“
Doch das will selbst Hirte nicht. Er betont, dass „der PC ein  äußerst hilfreiches Werkzeug sein kann“. Aber angesichts der „unglaublichen Dramen“, die sich in vielen Familien bezüglich der Mediennutzung abspielen, empfindet er Bärs Aussage als „Verhöhnung der Betroffenen und deren Familien“.
Schützenhilfe bekommt Hirte von dem Mainzer Psychologen Müller, der seit vier Jahren Internetsüchtige therapiert. „Natürlich ist die Heroinabhängigkeit, die auf den Körper einwirkt, ein anderes Kaliber als eine Verhaltenssucht“, sagt er. Der Experte betont aber auch: In psychologischer Hinsicht gäbe es bei der Internetsucht keinen einzigen Unterschied zu stofflichen Abhängigkeiten.
 „Ich behaupte: Ein Jugendlicher, der ein intaktes Sozialleben hat, der reale Freunde und ein wenigstens halbwegs harmonisches Elternhaus hat, dem machen weder die sogenannten Killerspiele etwas aus, noch wird er sein Leben nur noch über soziale Netzwerke definieren“, kontert Bär. Die einzig „sinnvolle Lösung“ sieht sie in der Vermittlung einer umfassenden Medien- und Informationkompetenz und Stärkung des sozialen Umfelds der Jugendlichen. „Wir müssen das Thema Medienkompetenz in den Schulalltag integrieren“, fordert sie. Dazu gehöre auch eine entsprechende Lehreraus- und -fortbildung . Julika Sandt, medienpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, sieht das ähnlich, doch sie kritisiert: „Es gibt zu wenig Angebote und Aufklärungsprojekte.“ Müller ergänzt: „Es gibt ja noch nicht einmal ein spezielles Präventionskonzept.“
Auch dafür will Gote einen Antrag im Landtag einbringen. Darüber hinaus fordert sie die Schaffung einer zentralen Präventions- und Beratungsstelle in Bayern. Dass es dringend mehr Beratungsstellen braucht, darin sind sich die Experten einig. Die Beratungsstelle Neon in Rosenheim hat sich auf Mediensucht spezialisiert – und ist damit eine Ausnahmeerscheinung in Bayern. In Freising richtet sich im Kompetenzzentrum Exzess das Präventionsprogramm Escapade an betroffene Jugendliche und ihre Familien. Das  Modellprojekt, mitfinanziert vom Bundesgesundheitsministerium, läuft aber Ende 2012 aus. „Die praktische Phase ist bereits ausgelaufen“, erklärt Projektleiterin Simone Hensel. Jetzt werden die Ergebnisse evaluiert. Ob es weitergeht, ist völlig offen.
Das bayerische Gesundheitsministerium sieht sich hier nicht in der Pflicht, plant aber auch keine eigenen Projekte. Auf Nachfrage der Staatszeitung verweist man auf die 180 allgemeinen Suchtberatungsstellen, die es im Freistaat bereits gibt. Die können aber spezialisierte Beratungsstellen nicht ersetzen, betont Hensel. Sie versucht deshalb, in Freising zumindest im „geringen Maß“ weiterhin Betroffenen zu helfen.  (Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Gnome Rogue am 04.06.2012
    In der von Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans in Auftrag gegebenen Studie zur Internetabhängigkeit von 2011 wird klar, dass im Alter von 14 bis 16 Jahren 8,6% der Frauen (!) und 4,1% der Männer Internetsüchtig sind. Während es bei Frauen eher die sozialen Netzwerke sind, hängen Männer in besagten Rollenspielen fest. Frau Bär beweist mit ihrer Aussage wieder einmal, dass die CSU vom Internet keine Ahnung hat und statt sich damit intensiver zu befassen lieber Facebookpartys im P1 feiert. Mich hätte interessiert, was die Piratenpartei zum Thema Onlinesucht sagt. Die Studie ist unter http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/DrogenundSucht/Computerspiele_Internetsucht/Downloads/PINTA-Bericht-Endfassung_280611.pdf einsehbar.

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