Politik

Pferdeschlitten bei Schwangau. (Foto: dpa)

19.12.2014

Zur Pistengaudi ins Tal

Immer mehr Wintersportorte setzen mangels Schnee auf Alternativen – auch aus dem Landtag kommen Ideen

Für Meteorologen ist es ein „klimatologischer Paukenschlag“: 2014 wird in Deutschland wohl das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Keine gute Voraussetzung für Tourismusministerin Ilse Aigner (CSU), die am heutigen Freitag die neue 6er-Sesselbahn am Brauneck einweiht. Der „Milchhäuslexpress“ soll diesen Winter 2800 Wintersportler pro Stunde in das Skigebiet befördern. Doch aktuell erwarten Aigner auf dem Lenggrieser Hausberg angenehme Plustemperaturen und trotz des geplanten Skiopenings letzte Woche keine einzige geöffnete Piste. Die bayerische Lawinenwarnzentrale hat noch nicht einmal mit der Veröffentlichung der Warnberichte begonnen. Selbst auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, sind aktuell nur 2,8 von 20 Pistenkilometern befahrbar.

Dabei ist der Wintertourismus nach Angaben des Wirtschaftsministeriums die „tragende Säule“ des Tourismus im Freistaat: „Rund 40 Prozent der Übernachtungen finden im Winterhalbjahr statt“, erläutert eine Sprecherin des Aigner-Ressorts. Dies bedeute eine Wertschöpfung von mehr als zwölf Milliarden Euro für Hotels, Einzelhändler, Gastronomen, Museen, Bäder und die Sportartikelindustrie. Allerdings klagt auch der Verband Deutscher Sportfachhandel zunehmend über das Wetter: „Der Winter ist in der Saison 2013/2014 mehr oder weniger ausgefallen“, so Präsident Werner Haizmann. 


Zwar kam eine Studie des Verbands Deutscher Seilbahnen zu dem Ergebnis, dass mit Hilfe von Beschneiung auch in den nächsten 30 Jahren von einer hohen Schneesicherheit auszugehen ist. „Von einem Aus des Wintersports aufgrund des Klimawandels kann demnach keine Rede sein“, erklärt Projektleiterin Andrea Fischer. Laut Deutschem Alpenverein (DAV) sind hingegen nur die Skigebiete bei Garmisch-Partenkirchen und Oberstdorf langfristig wirtschaftlich. „Selbst bei einem massiven Ausbau der Beschneiung werden in rund 20 Jahren nur noch 50 bis 70 Prozent der Skigebiete in den bayerischen Alpen schneesicher sein“, betont DAV-Geschäftsbereichsleiter Hanspeter Mair. Tourismusforscher Thomas Bausch von der Hochschule München rechnet 2035 sogar nur noch mit einer Schneesicherheit von 28 Prozent – 2075 werden es lediglich drei Prozent sein.


„Beim Blick auf die Wetterkarte und die nur leicht angezuckerten Berge lässt sich eine veränderte Wetterlage nicht mehr leugnen“, sagt der Tourismusdirektor von Garmisch-Partenkirchen, Peter Ries, der Staatszeitung. Er beobachte nun schon im dritten Jahr in Folge wärmere Temperaturen und rückläufige Niederschlagsmengen. Die Region hat daher reagiert und Angebote abseits der Pisten entwickelt. Dazu gehören über 100 Kilometer geräumter Wege für Winterwanderungen, Kutschfahrten oder geführte Fackelwanderungen durch die Partnachklamm. „Wer auf Nervenkitzel nicht verzichten möchte, bekommt ihn am Roulette-Tisch der Spielbank oder beim Verfolgen eines Eishockeyspiels“, ergänzt Ries.

Wandern, Wellness, Kulinarik und Kultur

Auch in der Alpenwelt Karwendel versucht Tourismuschefin Sabrina Blandau die Wintersaison mit Angeboten zu beleben, die auch mit weniger Schnee funktionieren. Als Beispiel nennt sie Schneeschuhwandern, Rodeln, Langlauf, Lüftlmalerei-Führungen, den Besuch im Geigenbaumuseum oder das Faschingstreiben. Dieser Winter steht im Zeichen „tierischer Erlebnisse“ mit Wildfütterungen, Pferdeschlittenfahrten, Schlittenhunderennen oder Winterwanderungen im Reich des Schneehuhns. „Nichtsdestotrotz bleibt es schwierig, Winterurlauber zu gewinnen, wenn kein Schnee vorhanden ist“, räumt Blandau ein. 


Ein „zögerliches Buchungsverhalten“ bei Skipauschalen stellt auch das Tourismusbüro des Berchtesgadener Land fest. „Die Gäste warten ab, bis der Schnee kommt, nachdem der Winter im Vorjahr schon recht schneearm war“, verdeutlicht Isabel Stöckl. Deswegen setzt die Region neben dem Skitourenpark, dem Rennrodelweltcup oder der Kunsteisbahn am Königssee verstärkt auf Kultur, Wellness, Gesundheitsanwendungen und Brauchtum. So haben beispielsweise die Christkindlmärkte extra für die Feriengäste bis 31. Dezember geöffnet.


„Wer den Gästen Winterwandern, Kutschfahrten, kulinarische oder aktive Erlebnisse in heimischer Natur und Kultur bietet, braucht um zufriedene Gäste auch ohne Schnee nicht bangen“, versichert der Landesvorsitzende des Bund Naturschutz in Bayern, Hubert Weiger. Daher unterstützt auch das Wirtschaftsministerium in dieser Wintersaison Marketingmaßnahmen für solche Angebote. Hauptsächlich werden in Wintersportgebieten allerdings Investitionen zur Saisonverlängerung, Infrastrukturmodernisierung und Seilbahnerneuerung gefördert. „Wir müssen weg von der reinen Winternutzung und die vorhandenen Einrichtungen auch für den Sommertourismus nutzen“, erklärt der tourismuspolitische Sprecher der CSU, Klaus Stöttner, der BSZ. Schlepplifte seien nur im Winter nutzbar, Sessellifte hingegen im Sommer auch für Wanderer praktisch. „Im Vergleich zu den Liften in Südtirol sind wir in Bayern museal aufgestellt.“ Außerdem müssten Staatsregierung und Unternehmen dort Anreize setzen, wo Thermen den „Charme der 70er-Jahre“ haben und die Ansiedlung von kleineren, mittleren „und auch ein paar größeren Hotels“ unterstützen.

Investitionen in den Pistentourismus hält auch Alexander Muthmann (Freie Wähler) für rentabel – selbst in mittleren Regionen, wenn sich die Ausgaben „in den nächsten 20 bis 30 Jahren amortisieren“. Allerdings müssten die betroffenen Wintersportorte ein Ergänzungsangebot entwickeln. Martina Fehlner (SPD) rät den Gemeinden, mehr nachhaltige, zukunftsweisende und wettbewerbsfähige Angebote zu entwickeln. „Beschneiungsanlagen sind für zunehmend schneeunsichere Gebiete keine Ideallösung“, ist sie überzeugt. Ulrich Leiner (Grüne) hingegen fordert, wie in Österreich so genannte Bergsteigerdörfer zu unterstützen. Diese haben unterschiedliche Schwerpunkte, zeichnen sich aber alle durch einen nachhaltigen Ganzjahres-Bergtourismus aus. Eine Förderung dieser Dörfer hat die CSU allerdings zu Leiners Unverständnis Mitte Dezember abgelehnt. „Hier“, klagt der Abgeordnete, „hätte die CSU-Regierung ein Zeichen setzen können.“ (David Lohmann)

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