Unser Bayern

Straubing entwickelte sich zu einer wichtigen Markt- und Handelsstadt, wovon zum Beispiel der große Getreidemarkt am Theresienplatz (mit Dreifaltigkeitssäule, Rathaus und Stadtturm) zeugt. (Gemälde von Franz S. Merz, 1821, Privatbesitz)

04.05.2018

Das Herz Altbayerns

800 Jahre Neustadt Straubing: eine Stadtgründung zur Absicherung wittelsbachischer Herrschaft

Wenn ein Ortsunkundiger am Bahnhof in Straubing einen Einheimischen nach dem Weg zur Altstadt fragt, kann es passieren, dass er in die Irre geschickt wird: Statt im historischen und geschäftigen Zentrum, in das er eigentlich wollte, zu landen, findet er sich in einem beschaulichen, fast dörflich anmutenden Stadtteil wieder, gut einen Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Immerhin kann er dort die eindrucksvolle romanische Basilika St. Peter samt stimmungsvoller Friedhofsanlage besichtigen. Ursache für die Verwirrung ist ein Ereignis vor 800 Jahren, das die Geschichte Straubings entscheidend beeinflusste: Der wittelsbachische Herzog Ludwig I. (1183 bis 1231) gründete die „neue Stadt“ Straubing.

Machtdemonstration

Die Wittelsbacher, denen der staufische Kaiser Friedrich Barbarossa 1180 das Herzogtum Bayern übertragen hatte, mussten sich als neue Herren behaupten. Gerade Ludwig war es, der die Macht der Wittelsbacher, ihre Wirtschaftskraft und ihre militärische Stärke entscheidend erweitern konnte. Ein wichtiges Mittel hierzu war die Gründung von Städten wie 1204 Landshut, 1218 Straubing oder 1224 Landau a.d. Isar.

Straubing war für Ludwig aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen interessant. Das Umland war äußerst fruchtbar, die Landwirtschaft entwickelt, die Infrastruktur ausgezeichnet, die Kontrolle über den Kreuzungspunkt der Fernwege Ost-West und Süd-Nord militärisch wichtig und zugleich ergiebig an Zöllen und Maut, die Donau wichtiger Verkehrs- und Transportweg. Politisch konnte der Herzog mit Straubing ein Bollwerk gegen die Machtansprüche des Bischofs von Regensburg und gegen die aufstrebende Reichsstadt Regensburg im Westen aufbauen. Nach Osten bot Straubing nicht nur eine Absicherung gegen die mächtige Herrschaft der Grafen von Bogen, sondern auch einen nahen Zugriffsort auf das zu erwartende Erbe. Denn Ludwig hatte 1204 Ludmilla von Böhmen, die Witwe des Grafen Albert von Bogen, geheiratet. Als Ludwigs Stiefsohn Graf Berthold von Bogen im Sommer 1218 auf einem Kreuzzug verunglückte, rückte das Erbe angesichts der kinderlosen Ehe des herrschenden Grafen Albert IV. in greifbare Nähe: Der Anlass für eine Stadtgründung in unmittelbarer Nähe zu Bogen war gegeben.


Die günstige Lage Straubings war Ludwig sogar so wichtig, dass er dort eine Stadt errichtete, obwohl der Grund und Boden nicht ihm, sondern dem Augsburger Domkapitel gehörte: Bischof Brun von Augsburg, ein Abkömmling des salischen Kaiserhauses, hatte seinen Domherren 1029 die ehemalige „curtis regia Strupinga“, den sächsisch-salischen Königshof Straubing, vererbt. Das Augsburger Domkapitel machte die Siedlung an der Donau, die bereits eine bedeutende keltische und römische Vergangenheit hatte und der ein früher Baier mit wirren, hochstehenden, „strubbeligen“ Haaren seinen Namen Strupo hinterlassen hatte, zum zentralen Verwaltungs- und Marktort ihrer Ländereien. Der Wittelsbacherherzog baute dieses alte „Strupinga“ nun nicht einfach aus. Er gründete vielmehr das neue Straubing etwa einen Kilometer weiter westlich auf einer hochwassersicheren Plattform über der Donauniederung.
Ludwig wollte offenbar einen bewussten Neugründungsakt „seiner“ Stadt, die einen wichtigen Baustein in der Ausdehnung und Sicherung wittelsbachischer Herrschaft bilden sollte. Damit war auch das „Machtdreieck“ grundgelegt, das die Entwicklung der Stadt in den nächsten Jahrhunderten prägte: der Wittelsbacherherzog als Landes- und Stadtherr, das Augsburger Domkapitel als Grundherr und dazwischen die Bürger mit ihrem Streben nach Selbstverwaltung und Repräsentation.
Ein unmittelbares schriftliches Zeugnis zur Stadtgründung fehlt. Verlässliche Gewährsträger für das Gründungsjahr 1218 sind aber zwei klösterliche Handschriften. Sozusagen ein Zeitzeuge ist Hermann (um 1200 bis 1275), der als Abt des niederbayerischen Benediktinerklosters Niederaltaich in seinen „Annalen“, erhalten in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, wichtige Daten der deutschen und bayerischen Geschichte sammelte: „MCCVIII … Lvdwicus dux oppidum in Strvbing construere cepit“ – „1218 … „Herzog Ludwig begann die Stadt in Straubing zu errichten.“ Und ein Mönch des unweit von Straubing entfernt liegenden Prämonstratenserstiftes Windberg notierte in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in ein Chorbuch, das heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird: „Item anno Domini MCCXVIII constructa est nova Strubinga“ – „Ebenso wurde im Jahr des Herrn 1218 das neue Straubing errichtet.“

Wittelsbachische Modellstadt

Während die alte Siedlung ins Abseits geriet, zum Ort der Taglöhner, Gartler, Siechen, Kranken und Toten wurde, entwickelte sich dieses „neue“ Straubing rasch zu einem wirtschaftlichen und politischen Zentrum im niederbayerischen Donauraum. Seine planmäßige, rechteckige Stadtanlage mit dem breiten Straßenmarkt und den vier Stadtvierteln, geschützt von einer Befestigung mit Türmen und Toren, steht als beispielhaftes Modell für die Städtegründungen des Mittelalters sogar im Deutschen Historischen Museum in Berlin.
Das Mittelalter prägt das Gesicht der Stadt bis heute. Insbesondere die Zeit des Herzogtums Bayern-Straubing-Holland von 1353 bis 1425, das einen Großteil Niederbayerns sowie die nördlichen Territorien Holland, Seeland, Friesland und Hennegau umfasste, war der glanzvolle Höhepunkt Straubings als fürstliche Residenzstadt. Fast alle bedeutenden Baudenkmäler Straubings wurden in dieser Zeit grundgelegt: Das Herzogsschloss mit dem Rittersaal, einem der größten Festsäle des mittelalterlichen Deutschlands, entstand. Im trutzig-mächtigen Stadtturm, Wachtturm vor Feuer und Feind, setzten sich die Straubinger Bürger mitten auf dem Stadtplatz ein stolzes Wahrzeichen, mit dem benachbarten Rathaus schufen sie sich ein Heim bürgerlicher Freiheit. Glaube und Frömmigkeit der Straubinger, aber auch ihre ... (Dorit-Maria Krenn)

Abbildung: Der Straubinger Maler Michael Eresinger fertigte 1609 einen Burgfriedensplan an, der die umwehrte Neustadt mit dem 1316 grundgelegten Stadtturm von Süden zeigt. (Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv)

Lesen Sie den vollständigen, reich bebilderten Beitrag in der Ausgabe Mai/Juni von UNSER BAYERN, die der BSZ Nr. 18. vom 4. Mai 2018 beiliegt.
Weitere Themen im Heft:

- Durchtriebene Mätresse. Der aus Vilseck stammende Elias Peißner spielte eine wichtige Rolle in der Staatskomödie um Ludwig I. und Lola Montez

- Himmlische Spektakel. Besonders das bayerische Alpenvorland bietet gute Möglichkeiten für  außergewöhnliche Astronomiefotos

- Begnadeter Entertainer. Der kleinwüchsige Matthias Buchinger aus Ansbach verschaffte sich selbst bei Kaisern und Königen Anerkennung

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- Ohne Holz kein Salz. Warum Bayern auf österreichischem Gebiet Wälder gehören: Die Saalforste schreiben ein kurioses Stück Rechtsgeschichte

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Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. Mai 2018 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Nadja Michler
, Fachreferentin für Wildtiere bei PETA Deutschland e.V.

(JA)

Hubert Aiwanger, Vorsitzender der Freien Wähler und Jäger

(NEIN)

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