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Die Kunst der Verzierung mit Schieferplatten lässt sich an der Fassade zwischen Erd- und Obergeschoss eines Wohnhauses in Beikeim (Marktgemeinde Küps, Landkreis Kronach) ablesen. Foto: Privat

22.01.2010

Dem harten Leben im Frankenwald in eingeschuppten Häusern trotzen

Serie "Wohnen in Bayern": Schiefer auf Dächern und an Fassaden hat das Bild vieler Dörfer im Frankenwald geprägt

Wie kein anderer Baustoff hat der Schiefer die Dörfer des Frankenwaldes über Jahrhunderte geprägt. Noch heute sind die bläulich schimmernden Schieferdächer für viele Ortschaften charakteristisch. Viele Jahrzehnte lang wurde der Schiefer in den Brüchen von Steinbach/Haide, Ludwigstadt, Ebersdorf, Ottendorf, Lehesten und Unterloquitz ganz im Norden Bayerns, im heutigen Thüringen abgebaut. Er diente zur Herstellung von Schreibtafeln und -griffeln für den schulischen Gebrauch, aber auch zur Dach- und Wandverkleidung. Dauerhaft ist er, Sturm und Wetter trotzend. Ganze Häuser, von der Grundmauer bis zum First präsentieren sich in Schieferblau und nur das Weiß der Fensterkreuze und –rahmen leuchtet heraus. Doch sticht das Graublau der Schieferdächer nicht, wie die rote Farbe der Ziegel, aus der Landschaft hervor, sondern fügt sich ihr bescheiden ein. Der fränkische Schriftsteller und Landschaftsinterpret Godehard Schramm verglich dies mit dem Leben in der Region. Bei einer ersten Begegnung mit der thüringisch-fränkischen Schieferlandschaft gefiel ihm zunächst „dieser eigentümliche flache, körperlose Stein“ nicht sonderlich: „Mit ihm waren Häuser eingepanzert, eingeschuppt, das Geduckte der kleinen Siedlungen unterstreichend. Analog schien mir das Leben hier ge­duckt, übermäßig geduldig, mit einem Anstrich von Demut, möglicherweise sogar von Leidenschaftslosigkeit. Jedenfalls schätzte ich es so ein und sah den Stolz der Menschen nicht.“ Jedoch musste er zugeben, „dass solche grauen Häuser mit ihrem schiefrigen Glanz etwas Altertümliches an sich haben und uns nur darum mitunter schön anmuten, … dass sie mit ihrer ganzen Beengtheit nicht nur ausdrückten einen Willen zum Bleiben, sondern sie sind ja Zeugnisse überhaupt des Bewohnbar-machen-Könnens einer vormals gar nicht so wirtlichen Gegend“. Hier sind – bedingt durch die Ostabdachung des Frankenwald-Gebirgsrumpfes – die Winter recht lang. „Lieber zwei Sommer, als einen Winter“, sagen die Frankenwald-Bauern. Der Schnee kommt früh im Jahr und geht später weg als anderswo. Es verwundert daher nicht, dass extreme Lebensbedingungen einen Menschentyp prägten, dessen Einstellungen uns heute schwer nachvollziehbar sind: harte Arbeit, zäher Fleiß, starkes Gottvertrauen, Genügsamkeit, Zufriedenheit und tiefe Heimatliebe. Längst vorbei ist allerdings jene Zeit, da in den Schieferbrüchen bei Lauenstein, Ludwigsstadt und bei Lehesten Leben herrschte, wo Schiefer gebrochen wurde und viele Arbeiter hinüberfuhren aus dem Bayerischen zu den weitbekannten Thüringer Brüchen. Die Arbeit in den Schieferbrüchen war mit großen Strapazen verbunden. Stundenlange Märsche an die Arbeitsstätten waren keine Seltenheit. Auch barg die Arbeit zahlreiche Gefahren. Der salpeterführende Staub gefährdete die Lungen der Bergarbeiter und verursachte Staublunge, die häufig zum frühen Tod führte. Abgebaut wird der Schiefer hier bereits seit dem 13. Jahrhundert. Urkundlich belegt ist dies erst zwei Jahrhunderte später.

(Gerhard Handschuh)

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