Unser Bayern

In Nürnberg ging 1912 das erste Krematorium Bayerns in Betrieb. Die Pläne zu der Anlage (links die Urnenhalle) stammten von Friedrich Küfner, einem Angestellten des Städtischen Bauamts. (Foto: Stadtarchiv Nürnberg)

19.10.2012

Dem heiligen Feuer anheim gegeben

Die Anfänge der Urnenbestattung in Bayern: Das protestantische Nürnberg war Vorreiter

In der ferneren Vergangenheit haben christliche Gemeinden ihre Verstorbenen meist unweit des Gotteshauses beigesetzt, auf dem Kirchhof. Wer am Sonntag die Kirche besuchte, wie dies üblich war, konnte das Grab seiner Lieben aufsuchen und dort ein Gebet für die Verstorbenen sprechen. So war es lange Zeit christlicher Brauch. In anderen Teilen der Welt geschieht dies anders: Im antiken Rom wurden die Leichen verbrannt, viele Völker im Osten Asiens verbrennen auch heute die sterblichen Hüllen ihrer Verstorbenen.

Am Ende des 18. Jahrhunderts, noch bevor die Industrialisierung und die Verstädterung so machtvoll einsetzten, begannen sich verantwortliche Stadtväter in großen Kommunen Westeuropas zu fragen, wie man die sterblichen Überreste ihrer Mitbürger für alle Zeit loswerden könne. Wohin zudem mit den Gebeinen, die seit Jahrhunderten in Kirchhöfen und den städtischen Friedhöfen innerhalb der Stadtmauern ruhten? Dieses Problem stellte sich in erster Linie in den größeren Städten, die schon vor der Urbanisierung zu großen Siedlungen herangewachsen waren, nun aber – unter dem Eindruck von Industrialisierung und rapider Urbanisierung – über Nacht ihre Einwohnerzahl noch einmal verdoppelten. Die Stadt Paris entschloss sich am Vorabend der Großen Revolution von 1789, die alten Kirchhöfe innerhalb der Stadtmauern aufzulassen und die Knochen der dort ruhenden Verstorbenen in unterirdischen Räumlichkeiten an der Peripherie der damaligen Metropole aufzubewahren. Man bezeichnet diese unterirdischen Gangsysteme als die Katakomben von Paris; sie liegen heute innerhalb von Paris. Dort sind mehrere Millionen von Skeletten aufbewahrt. Eine sehr weit vorausblickende Lösung war dies jedoch nicht, denn selbst nach vielen hundert Jahren werden diese Leichenteile noch erhalten sein.

Im Jahr 1849 hielt der gelehrte Jacob Grimm vor der Akademie der Wissenschaften zu Berlin einen langen Vortrag „Über das Verbrennen der Leichen". Es „scheint das begraben (zeitlich) vorangegangen, im verbrennen ein fortschritt geistiger volksbildung gelegen zu sein", schrieb er. Als Begründung für das Verbrennen nannte Jacob Grimm: „von anfang an war dem Menschen das feuer heilig". Sich auf ältere Erfahrungen stützend, sagte er weiter: „im großen und ganzen verbrennen Nomaden ihre Toten, sesshafte Ackerbauern hingegen bestatten sie. (...) „In der jetzigen welt hat längst das begraben über das verbrennen (...) den sieg davon getragen." Europa begrub mehrheitlich seine Toten, denn die Europäer waren sesshaft, und sie waren vom Christentum geprägt. „Die Christen begraben, weil im alten testament (...) nur begraben worden und weil Christus aus dem grab erstanden war, (...) Wohin das Christentum drang, da erloschen vor ihm alle leichenbrände."

Gegen Ende seiner Ausführungen ließ Jacob Grimm durchblicken, dass er an der Praxis des Verbrennens nichts auszusetzen hatte. Er vermittelt gar den Eindruck, dass er ein Verfechter der Einäscherung war: „Das feuer geht demnach mit den todten nicht härter um als die erde, nur dass es schneller vollbringt was diese langsam verrichtet." Die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod stellte er in Frage. „Wie vermöchte der an seiner seele fortdauer gläubige, neues leben ahnende mensch für wahr halten, dass die durch feuer oder erde, schnell oder langsam verflüchtigten theile seines vergänglichen und vergehenden leibs ihrem stoffe nach wieder zusammengeheftet werden".

Bald nach Gründung des Deutschen Reiches (1871) kam es zu einem langen, heftigen Streit zwischen der römischen Kirche und den Regierungen weltlicher Staaten. Die Regierungen wollten sich nicht länger vom Papst ihr Verhalten vorschreiben lassen. An diesem Streit mit dem Papsttum, dem „Kulturkampf", waren sowohl katholische als auch protestantische Staaten beteiligt, auch das Königreich Bayern. Papst Pius IX. war ein sehr hartnäckig auftretender, hochkonservativer und autoritärer Priester, er hatte 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens und 1870 die päpstliche Unfehlbarkeit in Glaubensfragen verkündet und damit die gebildete Welt gereizt.

In Frankreich, einem stärker katholisch geprägten Land, in dem das Freidenkertum aber sehr früh Wurzeln schlug, gründeten die Freidenker 1880 die „Gesellschaft zur Propagierung der Feuerbestattung". In den folgenden Jahren ließen französische Freidenker auf ihren Grabsteinen die Buchstaben L und P anbringen, das stand für „Libre Penseur", Freidenker. Andere setzten die Worte „Wahrheit, Wissenschaft, Fortschritt, Gerechtigkeit" auf ihren Grabstein oder sie ließen eine Darstellung des Dreiecks und der Waage anbringen, was gleichfalls auf Freidenker hinwies.

Im Deutschen Reich wandten sich vor allem Protestanten gegen die Vorstellungen der römischen Kirche. Viele, die sich für die Feuerbestattung einsetzten, schoben hygienische Gründe vor. Aufklärer und nicht wenige Ärzte setzten sich damals für den unvoreingenommenen Umgang mit menschlichen Leichen ein. Die Juristen erklärten die Leiche zur Sache – warum sollte diese „Sache" nicht verbrannt werden? Der berühmte Arzt und Pathologe Rudolf Virchow, ein liberaler Protestant (der den Begriff „Kulturkampf" popularisierte, ohne ihn geprägt zu haben), setzte sich dafür ein, die Friedhöfe ihres konfessionellen Charakters zu entkleiden, denn ihm missfiel das Trennende: hier die Protestanten, dort die Katholiken, hier die Gläubigen und dort draußen, jenseits der Friedhofsmauern, die Ungläubigen und die Selbstmörder. Als er diese alte Praxis im März 1875 im Preußischen Landtag anprangerte, machte er sich zugleich für die Leichenverbrennung stark, die seinerzeit in Deutschland ein Stein des allgemeinen Anstoßes war. Virchow machte Belange der öffentlichen Gesundheit und der Hygiene geltend; in Wahrheit dürften anderen Gründe – nämlich seine Auffassung von Toleranz und seine Areligiosität – maßgebend dafür gewesen sein, als er sagte: „Fühlt man sich wirklich veranlasst, oder wird man gezwungen, eine heterodoxe Leiche auf einen konfessionellen Kirchhof zu bringen, dann schiebt man sie möglichst in eine entfernte Ecke, irgendwo an die Mauer, an einen Ort, der bestimmt ist für unanständige Personen, wenigstens für Personen, die unter zweifelhaften Umständen das Leben verloren oder es sich selbst genommen haben, kurz für Personen, welche der Kirche nicht passen: man heftet so noch auf ihre Leichenstätte einen bösen Makel. Diese Praxis (...) mag vom Standpunkt eines gläubigen Konfessionsanhängers durchaus berechtigt erscheinen; sie mögen sich da auf ihr Dogma berufen und sagen: das geht nicht, wir können nicht, ohne ein Sacrilegium zu begehen, die Leichen andersgläubiger in Reih und Glied mit den andern Leichen beerdigen. (...) Wie jedermann gleich ist vor dem Gesetz, er auch gleich ist in Beziehung auf seine Leiche, das heißt, dass er an gleicher Stelle mit den Leichen andersgläubiger in die Erde gesenkt werden kann."

Virchow hielt diese Rede im Preußischen Landtag, dem er mehrere Jahrzehnte als Abgeordneter der Liberalen Partei angehörte.

Die römische Kurie unter Papst Leo XIII. widersetzte sich weiterhin der Leichenverbrennung: Am 19. Mai 1886 verurteilte sie die Feuerbestattung von Katholiken bei Strafe der Exkommunikation, da die Leichenverbrennung, wie sie schrieb, „einem öffentlichen Bekenntnis des Unglaubens und des Materialismus" gleichkomme.

Der Streit um die Feuerbestattung zog sich hin bis weit ins 20. Jahrhundert. Thomas Mann lässt in seinem Roman Der Zauberberg (1928) den Aufklärer Settembrini ein Hoch auf die Feuerbestattung ausbringen. In einem Streitgespräch mit seinem Widersacher, dem Jesuiten Naphta, sprach sich Herr Settembrini gegen die Erdbestattung aus, „und er erklärte sich für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongress für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini wusste über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen", schrieb Thomas Mann.

Settembrini fand die Erdbestattung veraltet, er war entschieden für das Verbrennen und bekannte sich geradezu schwärmerisch dazu: „Die Vernichtung des Leichnams durch Feuersglut, welche reinliche, hygienische und würdige, ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen und die den Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem Geschiedenen unvergänglich gewesen war."

Trotz aller Diskussionen: Ausgerechnet in Settembrinis italienischer Heimat, in Mailand, war schon 1876 erstmals in Europa ein Krematorium errichtet worden. Im Deutschen Reich folgten zwei Jahre später die Stadt Gotha, 1891 Heidelberg, im Jahr darauf Hamburg. Nach 1898 wurde im Deutschen Reich in jedem Jahr ein Krematorium errichtet, im Jahr 1911 waren es mehr als in jedem Jahr davor, acht Krematorien. Bis 1925 waren im Deutschen Reich 69 solcher Anstalten in Betrieb. Überall entstanden Vereine, die sich für die Feuerbestattung einsetzten.

Leichenverbrennungen begannen in Bayern ziemlich früh, die evangelische Arbeiterstadt Nürnberg war ein Vorreiter dieser Bewegung. Dort gründeten Freidenker im Jahr 1910 einen „Krematorium-Verein", der für die Feuerbestattung eintrat. Im folgenden Jahr erstritt die Stadt Nürnberg in einem Prozess vor dem bayerischen Verwaltungsgerichthof in München die Genehmigung zum Bau und Betrieb eines Krematoriums. Die erste Leichenverbrennung fand im Nürnberger Krematorium auf dem Westfriedhof am 19. Mai 1913 statt. 1976 erhielt das Nürnberger Krematorium eine neue Verbrennungsanlage. An der Jahrtausendwende (2000) wurden dort jährlich rund 5300 Einäscherungen vorgenommen. Heute werden in der mehrheitlich evangelischen Großstadt Nürnberg zwei von drei Verstorbenen im Krematorium verbrannt. In mehrheitlich katholischen Großstädten, wie in München, ist dieser Anteil etwas geringer, aber auch dort macht er rund die Hälfte aus. Die römische Kirche hat sich inzwischen mit der Feuerbestattung abgefunden. (Manfred Vasold)

Abbildungen (von oben):

Anlehnung an einen Kirchenraum mit Apsis, dezenter Schmuck im Jugendstil: Innenansicht der Nürnberger Trauerhalle mit der Versenkungsanlage

Angehörige der Verstorbenen werden in lichtdurchfluteten und keineswegs düsteren Räumen empfangen. (Fotos: Stadtarchiv Nürnberg)

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