Politik

16.07.2026

FDP versus DGB: Soll es erst ab dem zweiten Krankheitstag Lohn geben?

In den Verhandlungen der schwarz-roten Koalition um Arbeitsmarktreformen stand auch eine Einführung eines Karenztags im Krankheitsfall zur Diskussion. Doch der Vorschlag wurde von SPD-Seite strikt abgelehnt. Kristine Lütke, Landesschatzmeisterin der FDP Bayern, bedauert das. Sie wäre für einen Karenztag. Bernhard Stiedl, Landesvorsitzender des DGB Bayern, schlägt andere Maßnahmen vor, wie man die Fehlzeiten senken könnte

JA

Kristine Lütke, Landesschatzmeisterin der FDP Bayern

Deutschland hat im Vergleich einen sehr hohen Krankenstand. Kurzzeiterkrankungen machen rund 70 Prozent der Krankmeldungen aus. Sie bringen mittelständische Unternehmen zunehmend an ihre Grenzen, führen zu Produktivitätsverlusten und treiben dabei Statistik und GKV- Kosten in die Höhe. Wer echte Generationengerechtigkeit will, muss auch im Arbeitsleben Kostentreiber offen benennen.

Das Einsetzen der Lohnfortzahlung erst am zweiten Tag kann einen Anreiz setzen, ohne den richtigen und wichtigen Schutz bei längeren oder schwerwiegenden Erkrankungen infrage zu stellen. Die Einführung eines Karenztags kann auch sozialverträglich gestaltet werden – zum Beispiel mit Ausnahmen für chronisch kranke Menschen. Viele unserer europäischen Nachbarn wie Frankreich und Spanien arbeiten bereits mit mehreren Karenztagen. Er ist damit kein Angriff auf Kranke, sondern ein Beitrag zu einem ehrlichen System.

NEIN

Bernhard Stiedl, Landesvorsitzender des DGB Bayern

Wer krank ist, darf nicht auch noch mit einem unbezahlten Tag bestraft werden. Ein Karenztag träfe vor allem Beschäftigte mit kleinen Einkommen und würde viele dazu drängen, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. Das gefährdet die eigene Gesundheit, steckt andere an und belastet am Ende auch die Betriebe.

Während der Karenztag weiter durch die politische Debatte geistert, werden andere Verschärfungen bereits konkreter, darunter die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und das Ende der telefonischen Krankschreibung. Dahinter steht ein falsches Menschenbild: Beschäftigte gelten erst einmal als verdächtig. Diese Politik des Misstrauens lehne ich ab.

Wer Fehlzeiten senken will, muss die eigentlichen Ursachen angehen: Überlastung, fehlendes Personal und schlechte Arbeitsbedingungen. Krankheit bekämpft man nicht mit Lohnabzug und Misstrauen, sondern mit guter Arbeit und einem wirksamen Gesundheitsschutz in den Betrieben.

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