Politik

Soll man daheimbleiben, wenn man sich schlecht fühlt? Zu viele Deutsche tun es. (Foto: dpa/Hotshop/Addictive Stock)

10.07.2026

Krank? Tatsächlich? Was gegen die hohen Fehlzeiten in Deutschland helfen könnte

Die Mitglieder der AOK, der größten deutschen Krankenkasse, waren im vergangenen Jahr im Schnitt 23,3 Tage lang krank. Bei den anderen Kassen sieht es nicht anders aus. Zahlen müssen das der Staat, die Kassen und die Arbeitgeber. Doch helfen wirklich die geplanten Verschärfungen bei Krankschreibungen, die Krankheitstage einzudämmen? Es gäbe erfolgversprechendere Alternativen

Fühle ich mich heute gesund genug, um zu arbeiten? Die sogenannte Bettkantenentscheidung fällt in Deutschland immer häufiger pro kurzfristige Krankmeldung aus. Laut einer Erhebung des Pinktum Institute gaben 34 Prozent der Befragten an, sich schneller als früher krankschreiben zu lassen. Gar 39 Prozent finden Blaumachen völlig okay. Das ist fatal.

Auch deswegen ist die Zahl der Fehltage in Deutschland hoch. Durchschnittlich 23,3 Tage waren es etwa im vergangenen Jahr bei jedem Mitglied der AOK, der größten Krankenkasse. Die volkswirtschaftlichen Kosten der Produktionsausfälle schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin auf mehr als 130 Milliarden Euro.

Zahlen müssen das der Staat, die Krankenkassen – und die Arbeitgeber: Fast drei Viertel aller Fälle sind nämlich Erkrankungen bis zu sieben Tagen. Und es gibt ab dem ersten Tag 100 Prozent Lohnfortzahlung, erst nach sechs Wochen springt die Kasse ein. Eine großzügige Regelung, die es ähnlich nur in wenigen anderen Ländern gibt. Und so verwundert es nicht, dass sich Deutschland laut einer Umfrage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bei den Fehlzeiten im oberen Mittelfeld Europas wiederfindet.

Ärzteverbände protestieren scharf

Die Bundesregierung will das Krankfeiern nun mit Verschärfungen eindämmen: Die telefonische Krankschreibung soll wieder abgeschafft werden, außerdem soll es eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag geben. Doch damit wird man wenig erreichen. Die telefonischen Krankschreibungen machen etwa ein Prozent aller Atteste aus. Und ein Attest ab Tag eins kann auch noch im Nachhinein ausgestellt werden. Die einzige Konsequenz sind vollere Arztpraxen – weswegen Ärzteverbände scharf protestieren.

Eine Alternative wäre die Einführung eines Karenztags wie beispielsweise in Schweden gewesen. Das hatte die Union gefordert. So hätte es erst eine Lohnfortzahlung ab dem zweiten Krankheitstag gegeben. Für Blaumacher definitiv ein Anreiz, doch arbeiten zu gehen statt krankzufeiern. Doch für die SPD war das keine Option. „Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist eine soziale Errungenschaft“, sagt die SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar. Die schaffe man nicht einfach wieder ab.

Wird häufig missbraucht

Der Kemptener Allgemeinarzt Dominik Spitzer, der auch FDP-Politiker ist, plädiert dafür, zumindest darüber nachzudenken. „Das ist ein hohes Gut. Wir wissen aber, dass es häufig missbraucht wird.“ Doch es würden darunter auch alle wirklich Kranken leiden.

Arbeitsmarktforscher Enzo Weber von der Universität Regensburg hat ein paar andere Ideen, wie man schwarzen Schafen beikommen könnte: mit Versicherungsärzten wie in Österreich, die gerade Langzeiterkrankte unabhängig überprüfen, und flexibleren Werkzeugen für die Arbeitgeber bei Kurzzeiterkrankten. So könnten Firmen nur bei Verdachtsfällen eine Attestpflicht ab dem ersten Tag verlangen, und zwar nicht-telefonisch.

Denkbar wären auch positive Anreize. Das Maschinenbauunternehmen Intertec Hess aus Neustadt an der Donau (Niederbayern) hat mit dem Betriebsrat ein Bonussystem vereinbart: Die Beschäftigten erhalten einen Bonus in Form von Gutscheinen. Jeder Krankheitstag reduziert den Bonus. Laut Produktionsleiter Erwin Vikete waren so rund 30 Prozent der Beschäftigten 2025 an keinem Tag krank.

Interessant klingt auch der Plan der Teilzeitkrankschreibung. Das bereits in Schweden erprobte Modell erlaubt es Ärzten, Arbeitnehmer nur zu einem gewissen Prozentsatz krankzuschreiben. So sollen längere komplette Arbeitsausfälle verhindert werden. Hinter dieser Maßnahme würde auch Mediziner Spitzer stehen – anders als bei der Attestverschärfung: „Das wäre zwar auch ein Mehraufwand. Aber den würde ich persönlich nicht scheuen.“ (Thorsten Stark)

 

Lesen Sie dazu auch den BSZ-Kommentar: "Völlig an der Realität vorbei"

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