Unser Bayern

Blick in das Geburtshaus von Robert Schumann. (Fotos: DDP)

05.03.2010

Die Stadt von Trabi und Robert Schumann

Zwickau in Westsachsen feiert heuer den 200. Geburtstag des dort geborenen berühmten Komponisten, bietet aber auch viel Industriegeschichte

Welche Stadt kann schon von sich sagen, dass sie berühmt wurde wegen eines wahnsinnig gewordenen Komponisten und wegen des hässlichsten Autos der Welt? Sie waren ein tragisches Paar, heute zweifelsfrei ein Fall für den Therapeuten, aber auch zwei der größten Genies der Musikgeschichte, verbunden durch eine einzigartige und einzigartig traurige Liebe: Beim Blick in ihre Gesichtszüge offenbart sich schon das schwere Schicksal, welches beiden bevorstehen wird. Seine Künstlerkarriere, durch einen umnachteten Verstand unterbrochen auf der Höhe des Erfolges. Und ihr Weltruhm, den, grausame Ironie des Schicksals, erst sein Siechtum und Tod nötig und möglich machte: Robert Schumann, der 1810 in Zwickau geborene Komponist, und seine Frau Clara aus Leipzig, gebürtige Wieck, gefeierte Interpretin seiner Werke. Im Jubiläumsjahr des Künstlers steht die westsächsische Stadt ganz im Zeichen ihres berühmtesten Sohnes. Seit Mitte der 1990er Jahre wurde das Geburtshaus des Meisters am Hauptmarkt 5 in Zwickau liebevoll restauriert. Im Obergeschoss beherbergen acht Zimmer eine Dauerausstellung, darunter befindet sich ein Gedenkzimmer zum Musikhören. Bei einem Teil der Möbel handelt es sich um Originalstücke, welche die Familie Schumann in den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts benutzte. Das Erdgeschoss dagegen ist regelmäßiger Austragungsort verschiedenster musikalischer Leistungsvergleiche. Dazu gehört der Kleine-Schumann-Wettbewerb für junge Pianisten. Getreu dem Motto des Meisters „Ehre das Alte hoch, aber bringe dem Neuen ein warmes Herz entgegen“, bekommen hier Sechsjährige die Chance, ihr Talent zu präsentieren. Der Hauptmarkt befindet sich im Zentrum von Zwickau, und beim Gang durch die Innenstadt wird deutlich, dass Musik und Musikgeschichte einen interessanten Aspekt der Stadtgeschichte bilden. Doch der noch 100 000 Einwohner zählende Ort – zu DDR-Zeiten waren es 1,5 mal so viele Menschen am Rand des Erzgebirges ist auch ein Produkt der Industrialisierung. Rußgeschwärzte Gründerzeittage löste der bauliche Verfall im Sozialismus ab, doch nach 1990 folgte eine für die Neuen Länder beispielhafte Intensität bei der Restaurierung. Und wenn es einen Begriff gibt, der die Mentalität der Zwickauer am besten umschreibt, dann dieser: Unverwüstlichkeit. Während Städten anderswo in 40 Jahren DDR ein nachhaltiger Stempel sozialistischer Gigantomanie aufgedrückt wurde, erhielt sich Zwickau geschickt seine spezielle Form kleinbürgerlichen Charmes. Jahrelang sparten die Zwickauer Stadtväter fleißig für den schrittweisen Wiederaufbau. Kein Renommee-Projekt à la Frauenkirche stand dabei im Mittelpunkt. Das bürgerliche Kulturdenken war trotzdem verinnerlicht, der einstige Oberbürgermeister etwa arbeitet heute als Kirchenorganist. Zu den architektonischen Schmuckstücken zählen etwa die aus dem Spätmittelalter stammenden Priesterhäuser, ihres Zeichens die ältesten Wohnbauten Ostdeutschlands. Seit einigen Jahren stehen die einstigen Appartements lokaler Geistlichkeit den Besuchern wieder offen. Obwohl: Viele Menschen finden noch nicht den Weg nach Zwickau. Wer Sachsen besucht, der denkt an die Kulturmetropole Dresden, die schneesicheren Hänge des Erzgebirges, das Kletterparadies im Elbsandsteingebirge. Außer einer Reihe gemütlicher Kneipen – die deutlich preiswerter sind als in namhaften Städten – hat Zwickau an Erholung eher wenig zu bieten. Doch zumindest für industriegeschichtlich interessierte Zeitgenossen hat die Stadt an der Mulde – der Fluss galt noch vor 20 Jahren als dreckigstes Fließgewässer Deutschlands, heute ist es ein Anglerparadies– einiges zu bieten. Ein über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus bekanntes Symbol Zwickauer Hartnäckigkeit klapperte und tuckerte sich einst zu einem Symbol des politischen Umbruchs: der Trabant. Obwohl die rollende Pappschachtel weder in Technik und Komfort den Anforderungen modernen Automobilbaus entsprach, so liebten, pflegten und hegten doch die Eigner ihren „Begleiter“ nach 15 bis 20 Jahren Wartezeit wie ein Familienmitglied. Drei Millionen Exemplare rollten bis 1991 vom Band. Auch wenn der Trabant in Form und Technik eher einer Karikatur eines modernen Autos glich, so knüpfte man doch mit dem Produktionsbeginn ab 1958 an eine lange Tradition an. Bereits 1904 begann August Horch mit dem Fahrzeugbau. 1932 schlossen sich DKW, Horch, Audi und die Fahrzeugabteilung von Wanderer zur Auto Union zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Fertigungshallen bombardiert worden waren, startete die Fahrzeugproduktion erst 1947 wieder. Der Lkw Horch H3 und der Traktor „Pionier“ stehen für den mühsamen Neubeginn, dem 1949 die ersten Pkw folgten. Heute ist VW im Stadtteil Mosel der größte Arbeitgeber der Region, 5800 Beschäftigte produzieren jährlich etwa 1100 Fahrzeuge. Erst nach der Wende erkannten die Zwickauer ihre Chance: in einer Art lebendiger Kulisse zur Erinnerung an das Industriezeitalter. Ein erster Schritt war bereits im Mai 1990 die Eröffnung des Automobilmuseums. Auf 1000 Quadratmetern glänzen 46 Modelle von 1916 bis 1991.

(André Paul)

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