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Christian Morgensterns Leben war rastlos: Vor allem wegen seiner Lungenkrankheit besuchte er viele Heilstätten in ganz Europa. Zum anderen trieb ihn der Anschluss an Intellektuellenzirkel um. (Foto: dpa)

17.04.2014

Vogel im Treibhaus

Ein Hotel, ein Rohrplattenkoffer und die deutsche Sprache: Zum 100. Todestag des Dichters Christian Morgenstern

Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.
Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.


Da kann man einmal sehen, welche Macht die Dichter haben. Sie erfinden aus einer literarischen Laune heraus ein Phantasietier, das nirgendwo auf der Welt existiert … außer in ihrem Hirnkastl: das Nasobem. Selbstverständlich liest man von ihm auch nichts in einem hochseriösen Konversationslexikon wie dem Meyer oder dem zoologischen Nachschlagewerk schlechthin, dem Großen Brehm. Doch was passiert dann? Das Tierchen, obwohl in der Realität gar nicht vorhanden, vermehrt sich. Nicht auf Säugetierart, nicht Eier legend – und trotzdem sprechen bald Zehntausende, ach was!, Millionen Menschen davon. Klar, das Nasobem! Kennt jeder. Genau wie das Mondschaf oder das Wiesel inmitten Bachgeriesel. Und unversehens hat sich die Realität nach dem Dichter gerichtet. Mittlerweile gibt es zum Nasobem nicht nur im Meyer und im Brockhaus einen Stichworteintrag, nein, es gibt sogar Bücher, in denen die neu geschaffene Ordnung der "Rhinogradentia", also der auf Nasen laufenden Tiere, detailliert in Wort und Bild beschrieben ist. Seither gibt es einen sich immer weiter verästelnden Wissenschaftszweig: die Rhinogradentialogie, die stets mit neuen Forschungsbeiträgen aus aller Welt unser Bild vom Nasobem vervollständigt.Die unmögliche Tatsache. Wieder haben wir es mit der realitäts-korrigierenden Macht der Dichtung zu tun. Palmström, ein für einen ganzen Zyklus von Texten erfundenes Alter ego des Dichters, wird an einer "Straßenbeuge / von einem Kraftfahrzeuge / überfahren". Eigentlich müsste der Mann jetzt sterben. Er steht aber einfach auf, "und kommt zu dem Ergebnis: / Nur ein Traum war das Erlebnis. / Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf."Galgenlieder halten, jene so überaus populäre Lyriksammlung, aus der die meisten der eingangs anzitierten Gedichte stammen. Er sollte, zumindest einmal, auch das Spätwerk zur Hand genommen haben. Sollte Gedichte wie Die zur Wahrheit wandern gelesen haben, das mit diesen beiden Strophen anhebt:Bernhard Setzwein

Diese Geschichte beweist: Dichter können die Welt verändern. Zumindest wenn sie so wortmächtig sind wie Christian Morgenstern. Und selbst wenn sie wie er kein langes Leben hatten. Am 31. März vor 100 Jahren verstarb er 42-jährig an einer ihn jahrelang schwächenden Lungentuberkulose.

Und dennoch: Sein Weiterleben ist höchst erstaunlich. Es gab Zeiten – mag sein, die gehen jetzt langsam zu Ende –, da kannte jedes Kind ein paar Verszeilen von ihm. "Es war einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun." Es ist ein bezwingender, weil gleichermaßen simpler wie verzaubernder Sound, komponiert aus dem einfachsten Wortmaterial, und eben darum gerade auch Kindern so eingängig. "Die Rehlein beten zur Nacht, / hab acht! / Sie falten die kleinen Zehlein, / die Rehlein." Selbst diejenigen, die nicht seinen Namen kennen, führen seine Worte im Munde. Wer hätte nicht schon in verzwickten Situationen die Formulierung benutzt, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf". Sie entstammt Christian Morgensterns Gedicht

Der Dichter denkt sich: "Ich mach mir die Welt / widewide sie mir gefällt." Das hat zwar Astrid Lindgren in ihrem Pippi-Langstrumpf-Lied gedichtet. Aber warum sollte die nicht genauso inspiriert gewesen sein von Morgenstern wie auch andere Autoren, seien es Kurt Tucholsky, Loriot und Robert Gernhardt?

Dieses Zutrauen in die eine eigene Wirklichkeit erschaffende Macht der Literatur und Kunst hat wohl auch damit zu tun, dass Morgenstern in seinem Leben einiges zu erdulden hatte, was er gerne anders gehabt hätte. Und doch ließ es sich nicht ändern. Zum Beispiel, dass er schon sehr früh die Mutter verlor. Sie war lungenkrank, wie später auch ihr Sohn. Christian war zehn, als sie starb. Mit einem Mal war die behütete Kindheit in München zu Ende. Dort nämlich ist Morgenstern zur Welt gekommen, am 6. Mai 1871, in der Maxvorstadt, Theresien-/Ecke Barerstraße, das Haus steht heute nicht mehr. Eine Bleistiftskizze davon gibt es jedoch, sie stammt von Christians Vater Carl Ernst. Der war nämlich Landschaftsmaler, genauso wie sein eigener Vater und auch sein Schwiegervater Josef Schertel.

Ein insgesamt sehr kunstsinniges Umfeld also, in dem Morgenstern zumindest den ersten Teil seiner Kindheit verbrachte. Doch mit dem Tod der Mutter änderte sich das alles. Christian konnte nun nicht mehr beim Vater bleiben … einige Biografen sprechen davon, dass er regelrecht abgeschoben worden sei. Erst kam er zu seinem Patenonkel nach Hamburg, doch diesen Milieuwechsel verkraftete der Junge kaum. Der Vater holte ihn zurück nach Bayern und steckte ihn in ein Internat nach Landshut, wo es anscheinend ziemlich rau zugegangen ist. So gesehen war es eine neuerliche Rettung, dass Christian 1883 mit nach Breslau gehen durfte. Der Vater war an die dortige Kunstschule berufen worden, mittlerweile zum zweiten Mal verheiratet mit Amélie von Dall’Armi. In Breslau, damals viertgrößte Stadt im Deutschen Reich, begann Morgenstern dann auch sein Studium: Jura und Nationalökonomie. Er sollte es jedoch zu keinem Abschluss führen. Denn in der Zwischenzeit dichete der etwas über 20-Jährige längst. Allerdings brach zu diesem Zeitpunkt auch die Lungenkrankheit zum ersten Mal aus, ein weiterer Umstand, der alle Lebensplanungen über den Haufen warf.

Was dann folgte, war ein rastloses Leben mit ständigen Ortswechseln, teils bedingt durch die Suche nach Anschluss an die literarischen Szenen etwa der Metropole Berlin, teils aufgrund der immer wieder notwendig werdenden Aufenthalte in Lungenheilstätten. Ein Wanderleben, das zu dem Bild des Bohemiens passt, als den man Christian Morgenstern gerne sieht, nicht zuletzt deshalb, weil seine Lyrik – oder besser gesagt: der weitaus bekanntere Teil davon – so witzig, so anarchisch, so lebensleicht daherkommt.

Er selbst hat das alles ganz anders empfunden: "Ich irre in den europäischen Ländern umher wie ein Vogel in einem Treibhaus. Die Menschen glauben, weil ich von einem Ort zum andern reise, lebte ich ein beneidenswertes Leben. Sie wissen nicht, daß mich letzten Endes jeder dieser Orte enttäuscht – denn über jeden ist der Fluch europäischer Zivilisation ausgegossen, vor dem er von hundert, ja vor fünfzig Jahren noch verschont war. Die entsetzliche Nüchternheit der letzten dreißig, vierzig Jahre kriecht einem überall nach, ja sie färbt auf einen selber ab: Man verhotellt [sic] zuletzt rettungslos. Denn wo kein Hotel ist, da ist kein Platz für dich mit deinem Rohrplattenkoffer und deiner schriftdeutschen Sprache."

Aus dieser Textstelle ist etwas von den lebensreformerischen Ideen herauszulesen, die um 1900 überall virulent waren. Dem "Fluch der Zivilisation" mit seinen technischen Neuerungen versuchten nicht wenige zu entkommen durch eine radikale Lebensumkehr. Vegetarismus, Freikörperkultur, Leben in Kommunen (etwa auf dem Monte Verità nahe Ascona): All das sind Bewegungen, die in diesen Dekaden wie Pilze aus dem Boden schießen. An jeder Ecke wartet ein neuer Guru, ein "Kohlrabi-Apostel" und Weltverbesserer in Jesuslatschen, so jedenfalls die Titulierungen derjenigen, die das alles für Mumpitz hielten.

Christian Morgenstern gehört ganz sicher nicht zu ihnen. Auch er suchte nach spirituell geistigen Antworten. In seinen letzten Lebensjahren fand er die vor allem im Lehrgebäude eines Mannes, der in ganz Europa omnipräsent war: Rudolf Steiner. 5000 Vorträge soll dieser allein zwischen 1902, dem Gründungsdatum der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, und seinem Todesjahr 1925 gehalten haben. Liest man Zeitzeugen, entsteht ein höchst widersprüchliches Bild seines Auftretens und seiner Wirkung. Der Morgenstern-Verehrer Kurt Tucholsky jedenfalls schrieb: "Ich habe so etwas von einem unüberzeugten Menschen überhaupt noch nie gesehen. Die ganze Dauer des Vortrages hindurch ging mir das nicht aus dem Kopf. Aber der glaubt sich ja kein Wort von dem, was er spricht! (…) Christian Morgenstern liebte ihn. Dieser feine, gütige, hohe und tiefe Geist liebte Rudolf Steiner? War das Weltfremdheit? (…) Spricht das gegen Morgenstern? Für Steiner? Ich weiß es nicht."

Diese Fragen muss sich wohl jeder wahre Morgenstern-Freund selber beantworten. Vor allem sollte er sich, wenn es ihm um ein tieferes Verständnis des ganzen Werkes und des Menschen geht, nicht nur an die

Die zur Wahrheit wandern
wandern allein,
keiner kann dem andern
Wegbruder sein.

Eine Spanne gehn wir
scheint es, im Chor …
bis zuletzt sich, sehn wir,
jeder verlor.

Solche Stimmungen gehören eben auch zu jenem Dichter, den ein beträchtlich großer Leserchor stets als seinen treuen Wegbruder erlebt hat. Morgenstern-Gedichte können einen definitiv das ganze Leben begleiten, von Kindheitstagen an bis ins hohe Alter, ja, vieleicht sogar bis hinein in jene Zustände, wo Verwirrung und Desorientierung vorherrschen, kurz gesagt Demenz. Ich jedenfalls könnte mir gut vorstellen, dass mir dereinst Zeilen wie diese noch einmal ein Lächeln aufs Gesicht zaubern werden:

Kennst du das einsame Hemmed?
Flattertata, flattertata.

der’s trug, ist baß verdämmet!
Flattertata, flattertata.

Es knattert und rattert im Winde.
Windurudei, windurudei.

Es weint wie ein kleines Kinde.
Windurudei, windurudei.

Das ist das einsame
Hemmed

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