Wirtschaft

Aus Siemens IT wurde Atos: Im Keller des Atos-Rechenzentrums in Fürth (v. l.): Thomas Jung, Oberbürgermeister Stadt Fürth, Christian Ernst, Atos-Senior Vice President und Mitglied des Vorstands, Mathias Lübstorf, Kaufmännischer Leiter Atos, Pia Kutzera, Geschäftsstellenleiterin Agentur für Arbeit Fürth, Atos-Vice-President Walter Kaiser, Horst Müller, Wirtschaftsreferent Stadt Fürth, Gerhard Fuchs, Leiter des IHK-Gremiums Fürth. (Foto: Wraneschitz)

01.06.2012

Aus Zwei mach Eins

Atos Origin und Siemens IT Services gehören zusammen – doch keiner weiß es

Mitarbeitern und 8,6 Milliarden Euro Jahresumsatz; in Deutschland arbeiten 11.000 Menschen für die Firma, die hier etwa eine Milliarde Euro umsetzt. Der Name: Atos.
„Wie schaffen wir es, den Leuten Atos bekanntzumachen und sie für uns zu begeistern? Siemens kennt jeder“, bekennt beinahe schon frustriert Christian Ernst, „Senior Vice President“ für Deutschland und „Member of the Board“ im Weltkonzern.
Ernst kann gut über Siemens und Atos mitreden. Immerhin war er mit Leib und Seele Siemensianer bei „IT Solutions and Services.“ Bis der Bereich zum 1. Juli dieses Jahres mit dem französischen Informationstechnik-Riesen Atos Origin zu Atos verschmolz. 15 Prozent Anteil besitzt Siemens nun an dem Gemeinschaftsunternehmen. Allein in Fürth wechselten 900 Mitarbeiter den Arbeitgeber. Auch bei 600 Erlanger Ex-SiemensianerInnen steht nun Atos auf den Visitenkarten. Falls sie überhaupt schon neue haben...
Atos bietet „transaktionsbasierte Hightechservices. Das heißt, wir wickeln von Kreditkarten-Rechnungen bis zu kompletten Geschäftsprozessen für unsere Kunden alles ab“, erklärt Christian Ernst. Damit sieht sich das Unternehmen „in den Top 3 der deutschen Service-Anbieter“. Das funktioniere aber nur, weil man Partner von Oracle bis Dell, von Novell bis SAP gewonnen habe, stellt der Manager heraus.
In der Region „drucken wir beispielsweise: Kontoauszüge für Banken, oder Versicherungsdokumente“ in einer eigenen Druckerei. Im Fürther Firmengebäude dagegen nimmt das Rechenzentrum auf drei Stockwerken je 1200 Quadratmeter Fläche in Anspruch. „Wir können so schnell gar nicht die Hardware ranschaffen, wie wir es eigentlich müssten“, gibt Ernst einen deutlichen Hinweis, dass das Geschäft bei Atos brummt.
Das war nach der Arcandor-Pleite vor zwei Jahren nicht unbedingt zu erwarten: Gerade Quelle war einst ein großer Kunde. Kein Wunder, dass es fränkische Politiker mit der Angst bekamen, als sie hörten, dass Siemens seine IT-Servicesparte abgibt. Doch heute haben die Franzosen auch Fürths SPD-Oberbürgermeister Thomas Jung überzeugt: „Es ist beruhigend zu hören, welchen Stellenwert Fürth für Sie hat.“
Außerdem ist Jung „vom Who-Is-Who der Kunden und Partner von Atos beeindruckt“. Während die Siemens IT-Dienste zu 40 Prozent im eigenen Haus verkauft wurden, geben heute Konzerne wie Deutsche und Team-Bank, Microsoft oder Coca Cola Aufträge an die Kombifirma. Siemens trägt nur noch mit 16 Prozent zum Umsatz bei. Doch Ernst bekennt sich klar zum Standort Franken: „Jegliche Sorge, dass wir vorhaben von hier wegzugehen, kann man sich verkneifen.“


IT-Fachkräftemarkt ist hart umkämpft


Ganz im Gegenteil: Man suche händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern. 100 Stellen stünden zurzeit allein in Mittelfranken offen, und das ist laut Ernst „noch nicht das Ende der Fahnenstange“. Auch wenn Ernst weiß, „der IT-Fachkräftemarkt ist derzeit hart umkämpft“, gibt er die Hoffnung nicht auf. Atos hoffe auf regionale Partner für Duale Ausbildungs- und Studienangebote. Zumal im Konzern Themen wie „Well Being at Work, also Verträglichkeit von Privatleben und Beruf“ vorne an stehen. Bei der „weltweiten internen Beurteilung Great Place to Work fragen wir, wie toll finden uns die Mitarbeiter als Arbeitgeber“. Christian Ernst scheint sicher, damit punkten zu können.
„Das Bekenntnis zum Standort ist uns wichtig“, freut sich Gerhard Fuchs von der Industrie- und Handelskammer IHK für Mittelfranken über die deutlichen Worte. Für ihn ist klar, Atos werde in Fürth qualifizierte Mitarbeiter finden, denn „hier ist der Standort in Nordbayern im Bereich Duale Ausbildung für Datenverarbeitung. Es wäre nur zu begrüßen, wenn die dualen Studenten auch in der Region ausgebildet würden“, verspricht Fuchs IHK-Unterstützung. Und auch bei Pia Kutzera, der Fürther Geschäftsstellenleiterin der Bundesagentur für Arbeit, findet die Atos-Belegschaftsinitiative offene Ohren.

„Das Thema IT war recht männerlastig“


Doch Fuchs wie Kutzera fordern, das „Potenzial der Frauen stärker zu nutzen“. Da sei Atos bereits auf dem richtigen Weg, erklärt Betriebsratschef Armin Christian Reuß. „Das Thema IT war recht männerlastig. Es ist erfreulich festzustellen, dass der Frauenanteil rapide nach oben geht. 15 Prozent Frauen stehen hier ihren Mann“, berichtet Reuß. Es scheint, als hätten sich die anfänglichen Ängste der Belegschaft gegen die Siemens-IT-Übernahme durch Atos-Origin inzwischen gelegt. Selbst pendelnde Mitarbeiter bleiben treu: nur 60 Prozent stammen aus der Region rund um Fürth. Der Rest kommt sogar aus München oder Ingolstadt in die Kleeblattstadt.
Bleibt das Problem des Bekanntheitsgrades. „Wenn Sie über Flughäfen gehen, sehen Sie IBM-Logos, nicht Atos“, hat Vorstand Christian Ernst schon Werbeansätze im Kopf. Doch bislang deutet selbst am einzigen Gebäude, das Atos in Deutschland gehört, nur ein 20x10 cm² kleines Schild auf den Konzern hin. „Wir müssen einen großen Adler anbringen am Sechseckgebäude“, an der Würzburger Straße 131 in Fürth.
Das Signet dürfte zwar nicht den Bekanntheitsgrad in ganz Deutschland, aber zumindest in der Metropolregion Nürnberg deutlich steigern. Weltweit setzt Atos auf die Olympischen Spiele: Bereits zum dritten Male ist der Konzern dort IT-Partner. Aber wer weiß das schon?
(Heinz Wraneschitz)

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