Wirtschaft

17.05.2013

Deutschlands Mittelschicht muss mutiger werden

Veranstaltung des DGB Mittelfranken in Nürnberg: Schleichende Erosion im Zentrum der Gesellschaft wird weitergehen

„Fachkräfte und einfache Angestellte rutschen am ehesten ab“, sagte Steffen Mau, Professor für politische Soziologie an der Uni Bremen. Er war in Nürnberg zu Gast beim „Zeitenwechsel on Tour“, einer Veranstaltungsreihe des DGB Mittelfranken. Titel seines Vortrag war „Abstieg der Mittelschicht? Aus der Traum vom guten Leben?“
Während Mittelfrankens DGB-Chef Stephan Doll konstatierte, dass bereits seit Jahren ein neuer Klassenkampf tobte, konzentrierte sich Mau mehr auf soziologische Zahlenspiele. Für Doll ist klar, dass die Bundesregierung – angefangen mit den Hartz-Gesetzen, in Deutschland „Reichtum für wenige“ statt „Aufstieg für alle“ organisiert. Lag das Nettovermögen der oberen 10 Prozent der Deutschen 1998 noch bei 45 Prozent, so betrug es laut Doll bereits 2008 53 Prozent. Allein im Stadtgebiet Nürnberg müssten jährlich 40 Millionen Euro an Steuereinnahmen dafür aufgewendet werden, damit die so genannten Aufstocker von ihrer atypischen, sprich schlecht bezahlten Arbeit leben können. „Wir alle als Steuerzahler finanzieren die Menschen, die von ihren Arbeitgebern beschissen bezahlt werden“, so Doll.
Er sieht die Präkarisierung und damit die Amerikanisierung des Arbeitsmarkts als Massenphänomen. Jeder fünfte sei in Deutschland inzwischen im Niedriglohnsektor angekommen. Während das Steuersystem Reiche begünstige und das Staatsvermögen inzwischen 800 Milliarden Euro betrage, schrumpfen die Privatvermögen der meisten Deutschen, so Doll.
Soziologe Mau stimmte Dolls Darstellungen zu. Nach diversen Charts mit unzähligen Zahlen zur Lage der Mittelschicht hierzulande ließ sich Mau dann doch zu klaren Worten hinreißen: „Die Ungleichheitsdynamik, die wir in Deutschland haben, lässt sich – wie in anderen Ländern auch – nur ganz schwer wieder einfangen.“ Er sieht eine strukturelle Schwäche der Gewerkschaften, die es immer noch nicht geschafft hätten auf europäischer Ebene ein Gegengewicht zu den Interessen des Kapitals zu schaffen. „Seit der Globalisierung ist der Staat erpressbar. Kapital ist mobil, Arbeitskraft nicht“, brachte es Mau auf die zentrale Formel. Deshalb werde es für die Mittelschicht unbequemer. Sie stehe unter permanentem Stress, ihre Position zu halten. „Das ist wie beim Fahrradfahren. Wenn man aufhört zu trampeln, fällt man irgendwann um.“
Mau ist der Meinung, dass die Mittelschicht ihre Macht noch nicht entdeckt hat. Es wäre ein leichtes für sie, vom Staat eine progressive Besteuerung von Kapitalerträgen zu fordern. „Eine Abgeltungssteuer von pauschal 25 Prozent ist ein Irrwitz“, sagte er. Denn große Vermögen würden auf diese Weise überproportional geschont. Die Mittelschicht müsse in ihrem Spannungsfeld zwischen Marktgläubigkeit und Staatsbedürftigkeit eine neue Rolle finden. Der bisher geltende Dreiklang „Wachstum, Teilhabe, Aufstieg“ gelte nicht mehr. „Als Kleinaktionäre und Eigenheimbesitzer haben die Menschen der Mittelschicht andere Interessen als institutionelle Investoren“, so Mau. Dies müsse den Menschen klar werden. Denn nicht jede vermeintlich gute Regelung für Kapitalbesitzer ist auch gut für Kleinanleger. Meist profitierten davon nur Großinvestoren mit enormen Geldvermögen. Hier habe sich die Mittelschicht zu lange von neoliberalen Parolen blenden lassen.
Mau verdeutlichte, dass es Mittelschichten nur in Europa gibt. In anderen Staaten strebe man dies an, sei jedoch noch weit davon entfernt. In den BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China, gehörten gerade einmal 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung der Mittelschicht an. Darum müsse dieses europäische Gesellschaftsmodell auch verteidigt werden.
(Ralph Schweinfurth)

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