Wirtschaft

Mit derartigen Probebohrungen gewinnt man Erkenntnisse darüber, ob der Boden für Nutzung von oberflächennaher Geothermie geeignet ist. (Foto: dapd)

23.11.2012

"Energiekosten können nachhaltig reduziert werden“

Chef eines Nürnberger Ingenieurbüros über die Vorteile oberflächennaher Geothermie

Man muss nicht tief bohren, um Erdwärme zur Gebäudeklimatisierung nutzen zu können. So genannte oberflächennahe Geothermie kann ein wichtige Rolle bei der Energiewende spielen. Wir sprachen mit Wolfgang Deß, dem Geschäftsführer des Nürnberger Ingenieurbüros dess+falk, das unter anderem auch das Terminal 2 des Münchner Flughafens plante.
BSZ: Herr Deß, was bringt der Einsatz von oberflächennaher Geothermie?
Deß: Bei richtiger Planung einer Geothermie-Anlage können die Energiekosten nachhaltig reduziert werden und gleichzeitig wird der Energieverbrauch drastisch gesenkt. Dazu gibt es zwei Ansätze. Im ersten Ansatz wird der Erde im Winter die Energie entzogen, die über das restliche Jahr im wesentlichen durch Sonneneinstrahlung wieder zugeführt wird. Über eine Wärmepumpe wird das vorhandene Temperaturniveau, das in unseren Breitengraden bei zirka 10 Grad Celsius liegt, angehoben und kann so zu Heizzwecken eingesetzt werden. Im zweiten Ansatz wird das Geothermiefeld als ein riesiger Speicher angesehen, dem zum einen Wärme für Heizzwecke entzogen wird, und dem zum anderen Wärme aus Kühlprozessen wieder zugeführt wird. Die Herausforderung besteht darin, eine über die Jahre hinweg ausgeglichene Energiebilanz zu erreichen. BSZ: Was kostet so eine Anlage?
Deß: Das hängt ganz entscheidend vom Einsatzzweck ab. Das teuerste sind die Bohrungen. Hier gibt es einen groben Anhaltspunkt von etwa 10.000 Euro für zirka 5 Kilowatt Leistung. Und dann kommen noch die Anlagenteile wie Wärmepumpe, Verrohrung und Regelungstechnik hinzu. BSZ: Wie viel an Heiz- und Kühlkosten kann man damit einsparen?
Deß: Bei den Heizkosten können rund 50 Prozent eingespart werden. Bei den Kühlkosten deutlich mehr, bis hin zu 90 Prozent. Das liegt daran, dass für die Kühlung keine Wärmepumpe benötigt wird, sondern dass das Kühlwasser bereits mit der richtigen Temperatur – etwa 12 Grad Celsius – aus dem Erdreich zur Verfügung steht. BSZ: Nach wie viel Jahren amortisiert sich so eine Anlage?
Deß: In der Praxis amortisieren sich richtig dimensionierte Geothermie-Anlage nach drei bis fünf Jahren.
Dabei wird die Geothermie-Anlage in der Regel für den Grundlastbetrieb ausgelegt, was zu hohen Laufzeiten führt. BSZ: Welche gesetzlichen Auflagen sind zu beachten, wenn man so eine Anlage in sein Gebäude einbauen möchte?
Deß: Es ist ein wasserrechtliches Genehmigungsverfahren durchzuführen, das in der Regel dann erfolgreich abgeschlossen werden kann, wenn sichergestellt wird, dass keine schädlichen Eingriffe in den Grundwasserhaushalt vorgenommen werden und auch sonst keine negativen Wirkungen auf die Umwelt zu erwarten sind. Grundsätzlich gilt, dass ein nachträglicher Einbau in ein Gebäude in der Regel nicht sinnvoll ist. Geothermie-Anlagen machen nur dann Sinn, wenn das gesamte Gebäude mit der installierten Technik auf einen Betrieb mit niedrigen Vorlauftemperaturen ausgelegt ist, zum Beispiel mit Betonkernaktivierung. BSZ: Sollte die öffentliche Hand, sprich Freistaat Bayern und Kommunen, bei derartigen Wärmekonzepten mehr in die Vorreiterrolle springen?
Deß: Aus technischer, ökologischer und wirtschaftlicher Sicht macht die Nutzung von Erdwärme bei bestimmten Gebäuden und bei geeignetem Untergrund durchaus Sinn! Und dort, wo es Sinn macht, braucht man keine weiteren finanziellen Anreize oder Vorreiter. Und wenn es keinen Sinn macht, dann nützen auch andere Anreize nichts. Der Freistaat und die Kommunen können gerne informieren, zum Beispiel aktiv die Gebiete ausweisen, in denen Geothermie-Anlagen aufgrund der Bodensituation möglich sind.
Weitere Anreize oder Förderungen halte ich für nicht zielführend. BSZ: Kann so eine Anlage auch die Kühllast von Rechner-Räumen stemmen?
Deß: Ja klar – und das sogar sehr gut! Für die Kühlung von Rechner-Räumen wird ganzjährig kaltes Wasser benötigt, das über eine Geothermie-Anlage sehr kostengünstig bereitgestellt werden kann. Zudem entfallen teuere Kältemaschinen mit entsprechenden Rückkühlern und hohen Energiekosten. Allerdings ist sicherzustellen, dass der Boden nicht zu sehr erwärmt wird, dass also nicht immer nur warmes Kühlwasser eingebracht wird, sondern dass diese Wärme auch im Winter dann zur Beheizung herangezogen wird, und somit eine ausgeglichene Energiebilanz erreicht wird. Das A und O dabei ist eine vorausschauende Planung und eine technisch saubere Umsetzung.
(Interview: Ralph Schweinfurth)

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