Wirtschaft

Natascha Kohnen kämpft gegen die Mythen, die sich um die Windenergie ranken. (Foto: Wraneschitz)

27.07.2012

„Man muss nur wollen wollen“

SPD stellt Konzept zur Stromwende in Bayern vor

50 Prozent Ökostrom bis 2022 in Bayern sind machbar – man muss es nur wollen. Das steht in einer Studie, welche an der TU München im Auftrag der SPD-Landtagsfraktion erstellt wurde. Jetzt wurde die Untersuchung an der Hochschule Ansbach offiziell vorgestellt.

Dass sie oft unterschiedlicher Meinung sind, daraus machen Thomas Hamacher von der TU München und die Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Natascha Kohnen keinen Hehl. Doch bei „der Energiewende, dem anspruchsvollsten Projekt des Jahrzehnts“, wie die SPD-Landtagsabgeordnete Christa Naaß dazu sagt, sind sich der Hochschullehrer und die Politikerin einig. „50 Prozent Strom aus regenerativen Energien in Bayern sind möglich. Auch ohne Kernenergie. Man muss es nur wollen.“
In einer „Kurzstudie“ stellen die Münchner Energiewissenschaftler um Hamacher auf 35 Seiten dar, was dafür unabdingbar ist: „Man muss die Bürger vor Ort ernstnehmen. Bei der Bürgerbeteiligung darf es nicht so sein, dass nur belehrt wird. Klar, im Planungsrecht steht das heute schon drin, aber das greift nicht wirklich“, kritisieren der Wissenschaftler, die Landtagsabgeordneten, Bürgermeister und Regionalplaner.
Die Forscher fordern: „Aufhören, in kleinen Komponenten zu denken. Ein neues Förder- und Regelinstrumentarium schaffen, damit die einzelnen Komponenten sich harmonisch zueinander entwickeln. Weg mit interessengetriebener Einzelförderung, damit Energie in ein neues System zusammengebracht wird.“ Das „virtuelle Kraftwerk“, das Zusammenschalten vieler kleiner Anlagen mit Hilfe von Computern zu einem als Einheit wirkenden Erzeuger gilt als Königsweg.
Doch klar sei auch, so Hamacher: „Der Ausbau der Erzeugungskapazitäten bei Wind, Photovoltaik, Wasser und Biomasse ist dringend notwendig.“ 14 Prozent mehr Wasserkraft, vor allem durch bessere Technik. 33 Prozent mehr Biogas, ohne die Anbauflächen auszuweiten. 15 Quadratmeter Solarmodule pro Bürger, vor allem auf Dächern und an Fassaden: Alles kein Problem.
Anders bei den weithin sichtbaren Windkraftwerken. Die spielen für die Wissenschaftler eine ganz wichtige Rolle: „Damit in zehn Jahren 10 Prozent Windstrom fließt, brauchen wir 5 Gigawatt Kraftwerksleistung. Das heißt: 2000 mal 2,5 Megawatt. Da kommen schon überall ein paar hin.“ Natascha Kohnen will deshalb „die Mythen um Windenergie beheben. Die Bürger sind nicht mitgenommen worden“, gibt sie zu und fordert, „daran muss man zügig arbeiten. Wer einmal nachts vor dem Atomkraftwerk Gundremmingen aufschlägt, weiß worum es geht“, rät sie Bürgermeistern. Hier widerspricht Hamacher vehement, der auch schon vor dem Deutschen Atomforum aufgetreten ist.


Die Wärmewende wird im Heizungskeller entschieden

Dagegen stimmt er zu, wenn die Politikerin erklärt: „Viele Gemeinden neigen dazu, Windkraft wie Gewerbegebiete weit weg vom Ort zu platzieren. Und wir brauchen die Zusammenarbeit über Gemeinde- und Kreisgrenzen. Auch wenn die schwierig ist.“
Dass diese Studie nicht die ganze Energiewende im Blick hat, weiß Natascha Kohnen. Hier ist sie sich mit den Wissenschaftlern einig: Die Wärmewende werde im Heizungskeller entschieden. Doch der Auftrag an die TU erging schon im Herbst 2010 während der emotionalen Debatte um den Atomausstieg bis 2037. Der damalige Umweltminister Markus Söder (CSU) prophezeite: Er werde nicht klappen, wir würden im Dunkeln stehen. Und Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) wollte die AKWs so lange wie möglich laufen lassen. „Wir wollten einen Gegenentwurf dazu“, so Kohnen.
Nicht das progressive Öko-Institut, sondern die als konservativ bekannte TU München sei bewusst gewählt worden, um „das Argument ,die Ergebnisse waren sowieso klar’ der politischen Gegner zu entkräften“, erläutert sie. „Dann kam Fukushima, und alles hat sich schnell verändert. Doch das Ergebnis ist, wie ich glaube sehr aufschlussreich.“
Dass die Studie in Ansbach vorgestellt wurde, sollte laut SPD zeigen, dass besonders in Franken die praktische Umsetzung der Energiewende weit gediehen sei.
Für Hamacher ist die Studie ein wichtiger Schritt. Denn „ich wundere mich immer, in welcher Liga die Energieforschung spielt, wenn man schaut, was in Opernhäuser und so weiter an Fördermitteln fließt.“ Doch der Wissenschaftler übt auch Selbstkritik: „Die Politik muss lernen, mit uns zu reden, und wir müssen lernen, mit ihr zu reden.“ Das sei wichtig, denn von Forscherseite gebe es zur Energiewende „Ideen, wie man das machen kann. Das ist alles kein Hexenwerk.“ 
(Heinz Wraneschitz)

Die Studie im Wortlaut:
www.ludwig-woerner.de/studie_stromversorgung2022.htm

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