Bauen

Kammerpräsidentin fordert unter dem Stichwort Einfachheit weniger Regeln und Verordnungen. (Foto: BYAK)

26.10.2021

"An Ideen mangelt es nicht"

Lydia Haack, die neue Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer über ihre Ziele und die Rolle der Kammer

Die XIII. Vertreterversammlung der Bayerischen Architek- tenkammer hat in ihrer konstituierenden Sitzung im Juni 2021 die Architektin und Stadtplanerin Lydia Haack zur neuen Kammerpräsidentin gewählt. Sie löst Christine Degenhart ab, die seit Juli 2016 an der Spitze der Kammer stand. Haack ist seit 2016 Vorstandsmitglied der Archi- tektenkammer und war von 2016 bis Mitte Juli 2021 Landesvorsitzende des BDA Bund Deutscher Architekten und Architektinnen in Bayern. Gemeinsam mit ihrem Partner John Höpfner führt sie das Architekturbüro Haack + Höpfner Architekten in München. Sie lehrt Baukonstruktion und Entwerfen an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz.

BSZ: Frau Haack, hatten Sie mit Ihrer Wahl zur neuen Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer gerechnet oder waren Sie doch eher überrascht?
Lydia Haack: Eigentlich war ich nicht überrascht, da ich ja bereits seit fünf Jahren im Vorstand der Kammer war und mich davor auch schon in unterschiedlichen Arbeitsgruppen der Kammer eingebracht habe. Ich bin bekannt für meine fachliche Meinung. Meine Wahl empfinde ich daher als Vertrauensbeweis, auch für meine Arbeit in den vergangenen Jahren.

BSZ: Worauf führen Sie Ihren Erfolg bei der Wahl zurück?
Haack: Das hat, nehme ich an, viel mit meiner Fachlichkeit zu tun. Ich bin Architektin sowie Stadtplanerin und dabei in unterschiedlichen Bereichen beim Planen und Bauen tätig, also quasi von der Pike auf. Darüber kennen mich die Kammermitglieder durch meine Gremienarbeit, unter anderem für die Nachwuchsförderung. Ferner bin ich als Professorin für Baukonstruktion und Entwerfen intensiv in Forschungsaspekte, wie man das Bauen zukunftsfest machen kann, eingebunden. Diese zwei Seiten, Praxis und Forschung, glaube ich, geben mir Glaubwürdigkeit und spiegeln meine Fachkompetenz wider.

BSZ: Wie haben Sie die Bayerische Architektenkammer vorgefunden?
Haack Aufgrund von Corona war und ist es immer noch eine spezielle Situation. Allerdings habe ich ein in jeder Hinsicht absolut eingespieltes Team vorgefunden.

BSZ: Wie wirkt sich Corona auf die Arbeit in der Kammer aus?
Haack: Man muss versuchen, die Schnittstellen digital zu klären. Der Vorteil von uns rund 25 000 Architekten und Architektinnen ist, dass wir überwiegend kleinteilig aufgestellt sind. Und so sind wir als Freiberufler ziemlich schlagkräftig durch diese Pandemie gekommen. Die Kolleginnen und Kollegen sind flexibel und das macht uns stark.

BSZ: Worin sehen Sie in Zukunft die Rolle beziehungsweise Aufgabe der Bayerischen Architektenkammer?
Haack: Wir haben ein ganz breites Spektrum an Aufgaben. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts geht es darum, die Rahmenbedingungen für den Berufsstand weiterzuentwickeln. Mit Blick auf die Herausforderungen des Klimawandels bedeutet das für unsere Arbeit, dass wir von einer Neubaukultur in Richtung Umbaukultur steuern müssen. Unsere Planungs- und Bauprozesse werden sich verändern. Bei den Baustoffen müssen wir dringend zu einem funktionierenden Recycling kommen.
Gleichzeitig sind Konstruktionen am Bau so auszurichten, dass sie später wieder weiterverwendbar sind. Insgesamt wird sich die gesamte Art des Bauens verändern. Das ist eine große Zukunftsaufgabe, die, und da bin ich ganz optimistisch, auch zu einer Verbesserung der Lebensqualität führen wird.

BSZ: Muss in diesem Punkt der Staat beziehungsweise die Politik nicht noch wesentlich mehr tun?
Haack: Ja, es ist aber auch gleichzeitig immer eine Frage des Budgets und des gesellschaftlichen Handelns. Ich gehe davon aus, dass alle wissen, dass für ein klimagerechtes Bauen sehr viel mehr als bisher getan werden muss als bisher getan wurde. Vor allem auch in Richtung zielorientierter Umsetzung. Als Kammer sind wir in alle Richtungen gut vernetzt. Neben fachlichen Lösungen geht es jedoch auch darum, für Akzeptanz in der Bevölkerung zu sorgen. Es ist künftig extrem wichtig, dass alle an einem Strang ziehen, denn das, was wir beim Bauen bewegen wollen, ist eine hoch komplexe Angelegenheit mit vielen Schnittstellen.

BSZ: Sind die Finanzmittel für dieses Umsteuern Ihrer Meinung nach derzeit nicht zu gering?
Haack: Das sehe ich gar nicht so pessimistisch. Das Hightech-Haus von gestern mit seinen hohen Energieverbräuchen ist veraltet. Heute versuchen wir zu Lowtech zurückzukommen. Dabei sind nicht nur historische Vorbilder, beispielsweis aufgrund ihrer schieren Baumasse um Wärme zu speichern, sondern auch einfaches Bauen sehr wertvoll. Ich bin überzeugt, dass wir die aktuell gültigen Standards beim Bauen reduzieren können und auch müssen. Gleichzeitig geht es darum, die Schnittmenge aus dem Besten der letzten Jahre, zum Beispiel Schutzziele beim Bauen, die ja auch ein Stück Qualität bieten, beizubehalten. Wenn wir den Trend zu mehr Technisierung von Gebäuden umkehren, werden Finanzmittel für andere notwendige Dinge frei. Zusätzlich ist wichtig, Altbewährtes zeitgemäß einzusetzen. Bauen im Bestand, das heißt vorhandene Ressourcen wertzuschätzen, ist für mich eine absolut zeitgemäße und nachhaltige Methode. Im Ergebnis geht es doch darum, beim Bauen CO2 einzusparen und wo immer es möglich ist, in eine Kreislaufwirtschaft zu kommen. Dafür fehlt jedoch noch an vielen Stellen die Infrastruktur. Dort muss investiert werden.

BSZ: Wie muss sich Ihrer Ansicht nach die Bayerische Architektenkammer künftig positionieren?
Haack: Wir sollten mit der Expertise unseres Berufsstands genau an den Stellen einhaken, an denen unser Wissen auch gefordert ist. Das heißt, auch dafür einzutreten, welche Stellschrauben im Detail bei Regularien oder der Bautechnik verändert werden müssen. Zudem haben wir innerhalb der Gesellschaft auch einen Vermittlungsauftrag gegenüber der Bevölkerung zu erklären, warum was wichtig ist. Denn nur gemeinsam können wir notwendige Veränderungen anstoßen und umsetzen. Die Stärke von Architektinnen und Architekten besteht darin, dass wir durch unsere Tätigkeit gewohnt sind, zwischen verschiedenen Polen zu vermitteln.

BSZ: Frau Haack wie sehen Sie beziehungsweise was bedeutet für Sie Baukultur?
Haack: Baukultur ist ja nicht nur eine Begriff. Ich würde ihn zunächst nicht wertend verstehen. Für mich ist Baukultur zunächst alles, was von Menschen baulich geschaffen wurde. Mit Blick auf die gesetzlichen Aufgaben der Kammer und auch weil Architektur dem Menschen dient und keinen Selbstzweck verfolgt, geht es bei Baukultur um den Mehrwert durch Qualität. Vor dem Hintergrund des Klimawandels wird sich das Bauen an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen und sich damit auch der Begriff der Baukultur verändern.

BSZ: Frau Haack, was sind Ihre vorrangigen Ziele als neue Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer?
Haack: Besonders am Herzen liegt mir die Transformation weg vom Neubau hin zu einer Umbaukultur. Bauen muss auch in Zukunft leistbar und bezahlbar sein. Und auch für drängende ökologische sowie auch soziale Aspekte wie die Wohnraumfrage müssen wir Antworten entwickeln und gezielt unseren Nachwuchs fördern.

BSZ: Welchen Stellenwert hat die Kammer aus Ihrer Sicht für die Architekten und die Gesellschaft?
Haack: Die Kammer und ihre Mitglieder verstehe ich als Ideengeber und Motor für ein Bauen unter veränderten Rahmenbedingungen. Als Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen sind wir in der Lage, im Klimawandel eine ganzheitliche Perspektive für das Bauen zu entwickeln und auch an deren Umsetzung und Akzeptanz aktiv mitzuwirken. Dabei müssen wir auch die Auswirkungen auf unsere beruflichen Rahmenbedingungen wie eine verbindliche, angemessene Honorierung unserer Leistungen und eine bestmögliche Qualität bei Vergaben genau beobachten. Nicht nur für den Berufsstand, sondern auch in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive. Wenn Bauaufträge an Generalübernehmer vergeben werden, wirkt sich dies nicht nur negativ auf die kleinteilige Struktur der Architekten aus, sondern trifft auch das lokale Handwerk.

BSZ: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit dem Bauministerium und der Ingenieurekammer-Bau?
Haack: Mit beiden haben wir sehr viele Schnittstellen. Mit dem Bauministerium natürlich zusätzlich als Aufsichtsbehörde. Sowohl wir als auch die Kollegen der Ingenieurekammer-Bau versuchen stets eine fachliche Expertise beim Ministerium einzubringen.

BSZ: Wird diese Expertise vom Ministerium eingefordert oder müssen die Kammern da zuerst aktiv werden?
Haack: Architekten haben immer sehr viele Ideen und bringen diese ein. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass das von uns gefordert und erwartet wird.

BSZ: War es aus Ihrer Sicht sinnvoll und vernünftig, statt der OBB ein eigenes bayerisches Bauministerium zu schaffen?
Haack: Ich glaube, das ist immer eine Frage, wie man zusammenarbeitet. Ich bin keine Schwarz-Weiß-Malerin. Für mich liegt die Wahrheit immer in der Mitte. Wenn jeder seinen Part leistet, den er leisten muss, und den anderen nicht ausbremst, dann ist das ein gutes Miteinander. Wir müssen zusammenarbeiten und umsetzungsstark werden.

BSZ: Welches Projekt beziehungsweise welche Initiative der Staatsbauverwaltung hat die Architektin Lydia Haack besonders überzeugt?
Haack: Besonders überzeugt hat mich der experimentelle Wohnungsbau, bei dem Ideen und Projekte wie beispielsweise solche für Kleinstwohnraum direkt gefördert werden. Ein anderer Aspekt ist die gute Städtebauförderung durch den Freistaat. Davon haben die Regionen sehr profitiert und vor allem hilft sie kleinen Gemeinden.

BSZ: Frau Haack, wie sehen Sie heute die Rolle der Architektinnen/Architekten als Motor von baulichen Entwicklungen und woran machen Sie diese fest?
Haack: Motor baulicher Entwicklungen ist man immer, wenn man Innovationen anstößt. Das glaube ich tut unser Berufsstand in hohem Maß. An Ideen mangelt es uns nicht. Und auch nicht an der Kompetenz, das technische Know-how umzusetzen. Oft erscheint es mir jedoch so, dass wir bei diesen Entwicklungsprozessen fast unterschätzt werden.

BSZ: Unterschätzt von wem?
Haack: Gesamtgesellschaftlich. Ich glaube, dass zu wenig bekannt ist, wie komplex unser Beruf ist und wie viele Schnittstellen zu einer Vielzahl von anderen Berufen bestehen. Als Treuhänder unserer Bauherren beraten wir fachlich unabhängig und sind mit einer kleinteiligen Struktur sehr schnell unterwegs.
Auf der anderen Seite gibt es einen Speckmantel an Gesetzen und Verordnungen, der das Bauen kompliziert macht. Diesen müssen wir stückchenweise abstreifen. Gesprächsbereitschaft dazu besteht. Wir werden in den nächsten Monaten sehen, wo es dabei hingehen kann.

BSZ: Hat Ihnen Ihre Vorgängerin Christine Degenhart einen Rat mit auf den Weg ins Amt gegeben, wenn ja, welchen?
Haack: Nein. Ich glaube es ist bekannt gewesen, dass ich eine klare Vision für die Zukunft habe.
(Interview: Friedrich H. Hettler)

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