Bauen

Der Justizpalast in München. (Foto: Friedrich H. Hettler)

07.08.2015

Anleihen bei Baustilen vergangener Epochen

Bayerische Baustilkunde: der Historismus

Türmchen, Erker und Figuren schmücken das Bauwerk, sein Erdgeschoss besteht aus Quadern, zahlreiche Säulchen gliedern die Fassaden, reich ornamentierte Putzflächen stehen im Wettbewerb mit filigraner Fenstersprossung, die Öffnungen sind von Giebeln bekrönt, ein erhabener Bau steht vor unseren Augen – aber nein, wir sind nicht vor Schloss Neuschwanstein, sondern am Münchner Justizpalast. Er wurde 1890 bis 1897 nach Plänen des Münchner Architekten Friedrich von Thiersch erbaut und kann neben der üppig gestalteten Fassade auch noch mit einer modernen 66 Meter hohen Glaskuppel und seinem monumentalen Treppenhaus begeistern. Beiden Bauten, Schloss Neuschwanstein und dem Münchner Justizpalast ist gemeinsam, dass sie zur Architektur des Historismus gehören, einer Architektursprache der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der die Baustile längst vergangener Epochen zitiert werden.
Der edle, aber oft als „blutleer“ bezeichnete Klassizismus hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts überlebt. In der Gründerzeit wurden viele Bürger zusehends wohlhabender, damit einher ging das Verlangen nach bürgerlicher Repräsentationsarchitektur. Bauherren und Architekten bedienen sich nun nicht wie bisher allein aus der griechischen und römischen Antike, sondern auch aus Renaissance, Barock, Romanik, ja sogar (Backstein)Gotik. Die Renaissance wird zur Neo-Renaissance, der Barock zum Neo-Barock, die Romanik zum Rundbogenstil. Wurde zunächst nur ein Stil pro Bauwerk verwendet, kombiniert man bis zum Ende des Jahrhunderts immer wilder durcheinander, auch innerhalb eines Gebäudes und kommt damit zu einer besonderen Spielart des Historismus, dem Stilpluralismus oder auch Eklektizismus.
Oft verstecken sich aber im historischen Outfit für damalige Zeiten hochmoderne (Eisen-)Konstruktionen, von außen bleiben die Bauten monumental und sehr traditionell. Vor allem für repräsentative öffentliche Gebäude, aber auch für Wohnhäuser scheinen alle Verkleidungen passender zu sein, als die „nackte“ Eisenkonstruktion zu zeigen.
Anders sieht es bei technischen Bauten wie Bahnhöfen, Markthallen oder auch bei Ausstellungsbauten aus, hier darf man ruhig einmal die neuen Konstruktionen sehen. Beispiele wären die 1853 fertiggestellte Schrannenhalle in München, eine Getreidemarkthalle am Viktualienmarkt oder der 1854 durch August von Voit erbaute Münchner Glaspalast. Er befand sich im Alten Botanischen Garten direkt gegenüber dem Justizpalast: eine sachliche Glas-Gusseisen-Konstruktion, die in einem starken Kontrast zur detailverliebten Architektur des Justizpalastes gestanden haben muss.
Der Münchner Glaspalast brannte 1931 ab, sein Londoner Vorbild ereilte fünf Jahre später das gleiche Schicksal. Stahl und Glas brennen selbst zwar nicht, doch Stahl bricht bei hohen Temperaturen in sich zusammen, die Träger knicken ein, da reicht es, wenn die Innendekoration oder die Exponate selbst brennen. Die Brände von Glaspalästen scheinen den Traditionalisten Recht zu geben: Historistische Dekorationen vor Eisenträgern waren offenbar nicht nur optische Zutat, sondern konnten gleichzeitig den Brandschutz verbessern.
Feststeht, dass der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel, der sich intensiv mit den Eisenkonstruktionen in England beschäftigt hatte, dem Land, dem damals die Schlüsselposition in der Industrialisierung zukam, zu Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb: „Die Metall-Constructionen bei aller Festigkeit sind zu leicht…“ Der Architekturkritiker Julius Posener benannte dieses Phänomen als „Furcht vor dem Verlust der Masse“. Erst im 20. Jahrhundert wird man die Furcht überwinden und kühne Stahl-Glas-Konstruktionen – mit entsprechenden Brandschutzvorkehrungen – bauen.

Bewohnbare Theaterkulisse


Doch ein gewisses Bauvolumen, eine „Baumasse“ stand schließlich auch für Solidität, Sicherheit und Ewigkeit. Gerade staatstragende Bauten wie das 1874 unter König Max II. entstandene Maximilianeum in München sollten diese Botschaft ausstrahlen. Friedrich August Bürklein hat, offensichtlich unter dem Einfluss von Sempers Entwürfen für ein Festspielhaus an der Isar, den Bau im Stil der Neorenaissance entworfen. Wieder finden wir Rundbögen, diesmal werden sie zu beiden Seiten flankiert von Säulen, ein Motiv, das dem Colosseum in Rom abgeschaut ist und sich seit der Renaissance immer wieder in der Architektur behauptet hat.
Zur selben Zeit, als das Maximilianeum in München entstand, war man in Wien mit dem Bau der Ringstraße beschäftigt. Die Wiener spotteten über die Erbauer der Ringstraße und deren Historismus folgendermaßen: „Gotisch, Griechisch, Renaissance, ist ihnen alles aans.“ Einen Spottvers, den man sicher auf weitere Bauten des Historismus anwenden könnte. Zum Beispiel auf das nur wenige Jahre vorher, 1869 erbaute Schloss Neuschwanstein bei Füssen. Als „Märchenschloss“ des „Märchenkönigs“ ist es in aller Welt bekannt, geprägt wurde es von den Phantasien Ludwigs II., entworfen vom Bühnenmaler Christian Jank, erbaut von seinen Architekten Eduard Riedel und Georg Dollmann. In der „bewohnbaren Theaterkulisse“ findet man maurische Elemente, byzantinische Mosaiken, mittelalterliche Würfelkapitelle und gotische Bögen.
Neuschwanstein hat aber auch innovative Momente, denkt man nur einmal an die moderne Schlossküche, mit dem „Rumfordherd“ – einem energieeffizienten Küchenherd – oder an die schloss-eigene Warmwasseraufbereitung. Doch verborgen bleibt die Technik hinter historischen oder besser historistischen Mauern.

Einsatz als Stilmittel


Die Gründe für so viel entfesselte Baugeschichte sind vielschichtig, sowohl in politischer Hinsicht als auch in künstlerischer. Politisch wurden die Stilmittel zunächst dafür eingesetzt, um die Repräsentationsbedürfnisse des Bürgertums zu befriedigen. Eine „historische Atmosphäre“ sollte all die bürgerlichen Bauten wie Opernhäuser oder Justizpaläste umwehen und an Zeiten bürgerlicher Hochkultur zum Beispiel im Italien der Renaissance erinnern. Doch auch Herrscherhäuser wie die Wittelsbacher lassen ihre Architekten Stilmittel des Historismus einsetzen, um Kontinuität und Folgerichtigkeit politischer Prozesse zu suggerieren.
Kulturellen oder politischen Orientierungsschwächen begegnet man mit bereits „bewährten“ historischen Formen. Von künstlerischer Seite aus misstraute man den neuen Materialien und Konstruktionsmöglichkeiten und war auf dessen optische Wirkungen nicht vorbereitet. Die Frage, die der Architekt Heinrich Hübsch bereits 1828 stellte, nämlich „In welchem Style sollen wir bauen?“, zieht sich durch das ganze 19. Jahrhundert und ist letztlich bis heute relevant.

Einzelne Gebäudetrakte


Zur Jahrhundertwende hin diente der Historismus auch patriotischen Zwecken, zum Beispiel beim Architekten Gabriel von Seidl, mit dem von 1894 bis 1900 erbauten Bayerischen Nationalmuseum in München. Bei dem Museum – auch einer typisch bürgerlichen Bauaufgabe – sollte sich das Äußere an den Exponaten orientieren. Die kunst- und kulturhistorischen Ausstellungsstücke waren Repräsentanten unterschiedlicher Stile von internationalem Rang und standen im Bildungsauftrag Bayerns an seine Bewohner und als Vorbild für die Handwerkerschaft, sie sollte über das Studium der Werke zu eigener Kunstfertigkeit angespornt werden.
Seidl vermeidet durch eine geschickte Anordnung der einzelnen Gebäudetrakte eine übermäßige Monumentalität und ermöglicht die individuelle Gestaltung von Fassadenabschnitten. Unterschiedliche Baustile werden zu einer genialen Gesamtansicht komponiert, deutsche Renaissance, Barock und Rokoko stehen gleichwertig nebeneinander. Doch Gabriel von Seidls Bau steht am Beginn des 20. Jahrhunderts und es stellte sich bei zahlreichen Künstlern und Architekten die Frage, ob es in Zukunft so weitergehen kann und soll, mit der hohen Kunst des Zitierens vergangener Baustile und der ewigen Wiederholung und Zusammensetzung traditioneller architektonischer Formen.
Ein Ausweg aus dem Stilpluralismus konnte das Gesamtkunstwerk sein, der Ruf nach einer Erneuerung in der Kunst wird hörbar. Viele Künstler kehrten dem traditionellen und staatlich bevormundeten Kunstbetrieb mit seinen konservativen Idealen den Rücken, fanden sich zusammen in der „Münchner Secession“, einer Vereinigung bildender Künstler. Auch Architekten ließen sich von ihren Ideen inspirieren oder waren selbst Teil der Secession wie zum Beispiel der Maler und Architekt Peter Behrens. Ab 1896 erscheint die Jugend, eine Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. Die Jugend wird Namensgeber für den „Jugendstil“, der als Symbol für den Aufbruch ins 20. Jahrhundert steht. (Kaija Voss)

(Das Maximilianeum und das Bayerische Nationalmuseum - Fotos: Friedrich H. Hettler)

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