Politik

Im Tiny House Village in Mehlmeisel im Fichtelgebirge wohnen derzeit 31 Menschen, sieben Hunde und neun Katzen. (Foto: dpa/Nicolas Armer)

30.04.2021

Die neue Landlust

Dank Homeoffice und Digitalisierung erwachen immer mehr Dörfer zu neuem Leben

Städte platzen aus allen Nähten, Dörfer und Kleinstädte veröden: So hört man das seit vielen Jahren. Vor allem junge Menschen, sogenannte Bildungswanderer, strömen für Ausbildung und Berufsstart in die Städte. In der Familiengründungsphase ziehen zwar auch manche zurück aufs Land. Bislang ist „Land“ allerdings eher die Doppelhaushälfte im Speckgürtel der Städte. Dann wird gependelt, und das oft über eine Stunde täglich.

Man meinte schon, man müsste sich mit dem Stadt-Land-Gefälle abfinden. Schließlich leeren sich entlegene Regionen überall auf der Welt, die Großstädte erzielen den „Wanderungsgewinn“ – und erleiden so einen teils kaum erträglichen Wachstumsdruck.

In Deutschland ist Landflucht zwar zuallererst ein gravierendes ostdeutsches Problem, aber bekanntlich sind auch strukturschwächere Regionen in Bayern davon betroffen. Unter den rund 60 Prozent der Kreise und kreisfreien Städte, die laut Prognose des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung bis 2035 Bevölkerung verlieren werden, sind auch einige bayerische: an der Grenze zu Tschechien.

Inzwischen mehren sich allerdings die Zeichen dafür, dass es bei der Landflucht nicht bleiben muss. Das ortsunabhängige Arbeiten, das die Digitalisierung vielen Arbeitnehmer*innen und Freiberufler*innen ermöglicht, könnte eine Kehrtwende einläuten, wie eine aktuelle Studie nahelegt, die das Berlin-Institut zusammen mit der Wüstenrot Stiftung durchgeführt hat. Ihr Titel: Digital aufs Land. Die Wissenschaftler*innen fragen danach, wie kreative Menschen das Leben in Dörfern und Klein-städten neu gestalten. Und stoßen auf ganz unterschiedliche Beispiele neuen ländlichen Lebens. In Bayern etwa auf die Künstlerkolonie Fichtelgebirge, das Coworking Einstein1 in Hof oder die Tiny-House-Siedlung in Mehlmeisel, wo sich in 23 Häuschen Menschen auf dem Gelände eines früheren Campingplatzes dauerhaft niedergelassen haben.

Die Dörfer können einiges für ihre Attraktivität tun

Es gibt auch die Agentur Pixeltypen in Viechtach, den Verein CoworkationALPS, der „das Potenzial neuer Arbeitswelten mit dem Freizeitwert und dem Flair der Alpen“ verbinden will, und die gemeinnützige Initiative Silicon Vilstal. 24 Arbeitsplätze bietet ein Coworking Space in Gmund – und will bis zu zehn weitere Standorte erschließen. Im ehemaligen Kloster Schlehdorf wiederum plant eine Münchner Baugenossenschaft Wohnungen, aber auch Ateliers, offene Räume, Coworkings Spaces und Gästezimmer – und arbeitet dabei intensiv mit der Kommune zusammen, um im Austausch mit den Bewohner*innen des Dorfes zu sein. Und der Bürgermeister von Neuschönau im Bayerischen Wald will in mehreren leer stehenden Häusern Wohngruppen und Coworkin Spaces einrichten, eine Begegnungsstätte für Alt und Jung.

Start-ups, Gründungen, Kreativ-orte: Was die Studie einsammelt, klingt nach typischen Großstadtphänomenen, treibt aber bereits seine ersten Blüten dort, wo früher der sprichwörtliche Hund begraben lag. Noch sind viele der Initiator*innen keine Städter, die mit neuen Ideen aufschlagen, sondern Einheimische, die ihren Geburtsort nicht verlassen wollen.

Ohnehin sind Stadt und Land längst keine krassen Gegensätze mehr. Internetzugang, Mobilität und zuletzt die Blüte des Homeoffice verwischen Grenzen. Die Corona-Pandemie hat einer allgemeinen Landlust einen zusätzlichen Schub versetzt. Noch handelt es sich dabei zwar mehr um eine Tendenz als einen echten Trend.

Aber das könnte sich bald ändern. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Bill Gates, Microsoft-Gründer und Vorsitzender der gleichnamigen Stiftung, hat kürzlich für die USA ein ganz ähnliches Zukunftsbild gezeichnet: Nicht mehr das Berufs-, sondern das Wohnumfeld stellt das Lebenszentrum da. Vorbei die ewige Pendelei. Vorbei das schnelle Mittagessen mit Kollegen in der Betriebskantine. Stattdessen: Arbeiten in schönster Häuslichkeit, belebte Dörfer und Kleinstädte voller Läden, Cafés, Restaurants, Kinderbetreuungs- und Begegnungsmöglichkeiten.

Die Grundvoraussetzung dafür ist allerdings so bekannt wie profan: Man braucht ein schnelles, funktionierendes Internet. „Die digitale Anbindung bestimmt maßgeblich, wie gut es einem Dorf oder einer ländlichen Region gelingen kann, weiter attraktiv zu sein und den Bewohnern gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten“, so das Berlin-Institut.

Der Wandel aber ist eine große Chance – und das auch für eher abgelegene Dörfer und Kleinstädte. Coliving- und Covacation-Angebote auf Zeit helfen hier, Möglichkeiten auszutesten, ohne sich gleich auf einen Umzug festlegen zu müssen. Im Idealfall wandeln sich die Gemeinden von Schlafdörfern zu Tagdörfern.

Betont wird in der Studie auch, was die Kommunen tun können, um Projekte anzuschieben. Das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Akteuren und den Behörden entscheide mit darüber, ob „nur“ ein neuer Coworking Space entsteht oder eine ganz neue Dynamik. Im besten Fall helfen die Kommunen nicht nur bei der Bewältigung bürokratischer Hürden, unterstützen in Rechtsfragen und treiben die Vernetzung der Erneuerer mit den Alteingesessenen mit voran. Auf der Suche nach einem echten Mehrwert für alle sind sie offen für neue Impulse und ziehen mit den Gründern und Gründerinnen an einem Strang. Fazit der Studie: „Je besser der Kontakt zur Kommune, desto eher haben Projekte Erfolg.“
(Monika Goetsch)

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