Bauen

Sierigs beruflicher Schwerpunkt liegt in der Prüfstatik und Bauüberwachung bei der Landesgewerbeanstalt Bayern (LGA). (Foto: BSZ)

23.10.2026

Die weibliche Stimme in einer Männerbranche

Stephanie Sierig engagiert sich für weibliche Netzwerke in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau

Stephanie Sierig, ihres Zeichens Bauingenieurin, ist eine Brückenbauerin mit Blick über den eigenen Tellerrand. Als Mitglied der Vertreterversammlung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau ist sie engagiert und ambitioniert. Als Vorsitzende des Ausschusses „Leben – Arbeit – Karriere“ war sie maßgeblich an dem im Februar dieses Jahres neu gegründeten Frauennetzwerk ingenieurinnen@bayika der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau beteiligt.

Da versteht es sich fast von selbst, dass Sierig selbst eine gute Networkerin ist. Allerdings musste sie das erst lernen, gesteht die Bauingenieurin. Mit zunehmender Berufserfahrung und durch ihr ehrenamtliches Engagement habe sie erkannt, dass Networking viel mehr ist, als Visitenkarten auszutauschen.

„Es geht darum, echte Verbindungen zu knüpfen, voneinander zu lernen und Menschen zusammenzubringen. Genau das macht mir heute großen Spaß“, sagt die Diplomingenieurin, die schon jetzt auf eine beachtliche berufliche Karriere zurückblicken kann.

Sierigs beruflicher Schwerpunkt liegt in der Prüfstatik und Bauüberwachung bei der Landesgewerbeanstalt Bayern, kurz LGA. Dort beschäftigt sie sich täglich mit der Frage, wie Bauwerke sicher und dauerhaft funktionieren können. Sie begleitet Bauprojekte und prüft, ob die Anforderungen an Standsicherheit und Qualität erfüllt werden. Besonders spannend findet sie die Verantwortung, die mit dieser Aufgabe verbunden ist.

Kein Projekt
gleicht dem anderen

„Die Entscheidungen, die wir treffen, haben unmittelbaren Einfluss auf die Sicherheit von Bauwerken. Gleichzeitig gefällt mir, dass kein Projekt dem anderen gleicht. Die Verbindung von technischem Verständnis, praktischen Anforderungen und der Zusammenarbeit mit vielen unterschiedlichen Beteiligten macht meinen Beruf für mich bis heute abwechslungsreich und interessant.“

Ihrer Meinung nach profitiert das Bauwesen von unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen, weshalb es wichtig sei, dass Frauen auch in Führungspositionen sichtbar sind. In einer Branche, in der Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind, kann das weibliche Geschlecht dazu beitragen, neue Blickwinkel einzubringen und traditionelle Rollenbilder aufzubrechen.

Ein wichtiges Thema bleibt für sie die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und persönlichen Lebenszielen. Dabei hält Sierig es für entscheidend, sich selbst treu zu bleiben und den eigenen Weg zu gehen, anstatt Erwartungen anderer erfüllen zu wollen. Bei ihr zu Hause war es selbstverständlich, dass Mädchen Interesse an Mathematik, Naturwissenschaften und Technik haben.

„Meine beiden Schwestern und ich wurden immer ermutigt, unseren Interessen zu folgen und uns etwas zuzutrauen. Diese Offenheit und Unterstützung haben mich sicherlich geprägt“, gibt die Tochter eines Bauingenieurs zu Protokoll. „Mein Vater hat mein Interesse für die Branche sicherlich mit beeinflusst“, sagt sie. „Noch wichtiger war jedoch die Erfahrung, dass meine Schwestern und ich unabhängig von klassischen Rollenbildern gefördert und bestärkt wurden. So konnten wir unseren eigenen Weg gehen und unsere Interessen frei entwickeln.“

Dennoch war es kein Kinderspiel, sondern eine Herausforderung für Sierig, Familie, Beruf und ehrenamtliches Engagement unter einen Hut zu bringen. Auch wenn es hier kein Patentrezept gibt: Entscheidend sei für sie vielmehr, immer wieder eine gute Balance zwischen den eigenen Ansprüchen, den Bedürfnissen der Familie und den Dingen zu finden, die einem persönlich wichtig sind und die Freude bereiten. Dabei konnte sich Sierig glücklicherweise immer auf die Unterstützung ihrer Familie verlassen. „Mein Mann trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, und als unsere Kinder noch kleiner waren, haben auch meine Eltern oft geholfen und kurzfristig Betreuung übernommen, wenn andere Lösungen nicht verfügbar waren“, so die Mutter zweier heute erwachsener Töchter.

„Ohne dieses Netzwerk wäre vieles deutlich schwieriger gewesen. Auch wenn die Betreuungsangebote heute vielerorts besser sind als noch vor einigen Jahren, halte ich ein verlässliches persönliches Umfeld nach wie vor für enorm wichtig.“

Da Erfolg selten eine Einzelleistung sei, sollte man ihrer Meinung nach ein gutes Netzwerk aufbauen und Unterstützung annehmen, wenn sie angeboten wird. Oft seien es die Menschen im privaten und beruflichen Umfeld, die dabei helfen, Herausforderungen zu meistern und neue Möglichkeiten zu eröffnen. Und vielleicht ihr wichtigster Rat: „Karriere bedeutet nicht für jeden dasselbe. Entscheidend ist, den eigenen Interessen und Werten treu zu bleiben und den Weg zu finden, der zu den eigenen Lebenszielen passt.“

Selbstständigkeit
war lehrreiche Zeit

Gerade für junge Menschen sind Vorbilder von großer Bedeutung. Sierig ist die weibliche Stimme in einer von Männern dominierten Branche und sie hat Vorbildfunktion für junge Frauen. „Wer sieht, dass Führungsverantwortung unabhängig vom Geschlecht übernommen werden kann, traut sich oft eher zu, selbst diesen Weg einzuschlagen. Deshalb sind Frauen in Führungspositionen nicht nur für die Unternehmen selbst, sondern auch für die Zukunft unserer Branche wichtig“, so Sierig.

Ihr Wunsch, Bauingenieurwesen zu studieren, hat sich gegen Ende ihrer Schulzeit entwickelt. Die Verbindung aus Technik, Kreativität und Verantwortung hat sie begeistert und begeistert sie bis heute. Nach ihrem Studium war sie zunächst im Bereich Statik eines Unternehmens tätig, das auf Innenausbau und Metallleichtbau spezialisiert war. Mit der Geburt ihrer ersten Tochter machte sie sich selbstständig. Erst als ihre jüngere Tochter das Gymnasium besuchte, kehrte sie wieder zurück in ein Angestelltenverhältnis.

Die Selbstständigkeit war für sie eine wertvolle und lehrreiche Zeit, aber auf Dauer habe sie jedoch die Arbeit im Team, den fachlichen Austausch und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen vermisst.

Rückblickend war es für sie immer normal, sich in einem größtenteils männlich geprägten Umfeld zu bewegen. Ihre Erfahrungen waren dabei überwiegend positiv. Den Umgang mit den Kommilitonen und später mit den Kollegen erlebte sie meist als unkompliziert, direkt und sachorientiert. Eigenschaften, die sie bis heute sehr schätze. Gleichzeitig räumt sie ein: „Natürlich gab und gibt es vereinzelt Situationen, in denen man mit Vorurteilen oder unangemessenem Verhalten konfrontiert wird. Solche Personen findet man aber vermutlich in nahezu jedem Berufsfeld.“

Mit Mut und Zuversicht blickt Sierig in die Zukunft: „Sowohl künstliche Intelligenz als auch der Klimawandel werden die Baubranche in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. KI wird viele Prozesse effizienter machen, beispielsweise bei der Auswertung von Daten, in Planungsprozessen oder bei der Dokumentation. Der Klimawandel ist für die Baubranche eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Als Bauingenieurinnen und Bauingenieure gestalten wir die bebaute Umwelt und tragen damit eine besondere Verantwortung.“

Darüber hinaus ist ihr wichtig, dass „wir diese Verantwortung ernst nehmen. Der Klimawandel ist keine abstrakte Zukunftsfrage mehr, sondern eine Realität, die wir bereits heute bei der Planung und Gestaltung unserer gebauten Umwelt berücksichtigen müssen. Die Physik lässt sich schließlich nicht wegdiskutieren. Gerade deshalb sind wir als Ingenieurinnen und Ingenieure gefordert, unser Fachwissen einzubringen und nachhaltige sowie klimaresiliente Lösungen zu entwickeln, für uns und für die Generationen, die nach uns kommen.“ (Angelika Irgens-Defregger)
 

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