Bauen

Mehrere umlaufende Rotunden heben geschickt den als Oval angelegten Gnadenaltar im Zentrum des eigentlichen Längshauses hervor. (Foto: Ulrich Traub)

08.09.2022

Ein barockes Wunderwerk

Vor 250 Jahren wurde die oberfränkische Basilika Vierzehnheiligen eingeweiht

Rund eine halbe Million Besucherinnen und Besucherkommen Jahr für Jahr nach Oberfranken, um dieser besonderen Kirche einen Besuch abzustatten. Nicht alle sind Pilger*innen und Wallfahrer*innen. Auch die Schar der Kunstinteressierten ist beträchtlich. Nun feiert das Gotteshaus ein Doppeljubiläum. Die Rede ist von der Basilika Vierzehnheiligen.

Vor 250 Jahren, am 16. September 1772, wurde hoch über dem Kurort Bad Staffelstein ein barockes Wunderwerk eröffnet, die Kirche Vierzehnheiligen, die vor 125 Jahren in den Rang einer Basilika erhoben wurde. Ihr Schöpfer war kein Geringerer als der Baumeister Balthasar Neumann, der auch für die Würzburger Residenz verantwortlich zeichnete, die seit 1981 zum Weltkulturerbe zählt. Dem Bau gingen nicht nur kleinere Vorgängerkirchen voraus, sondern auch viele Auseinandersetzungen und Streitereien.

Es hat sich gelohnt, muss man heute feststellen, wenn man vor der mit zwei Türmen ausgestatteten Fassade steht, mit denen die Kirche weithin sichtbar Position bezieht. Wie groß ist aber das Erstaunen, wenn man das Innere betritt. Es spricht eine gänzlich andere Raumsprache, als es der herkömmliche, kreuzförmige und aus Sandsteinquadern errichtete Außenbau erwarten lässt. Es gibt in dem lichten, üppig ausgestatteten Rokoko-Raum kein einziges gerades Wandstück.

Dies lag vorrangig daran, dass die Stätte, die den Ursprung Vierzehnheiligens markiert, dominant in Szene gesetzt werden sollte. Was aber durch die Tatsache, dass die Außenmauern bereits standen, als Balthasar Neumann die Bauausführung übertragen wurde, erschwert wurde. Die geniale Lösung des Baumeisters bestand in mehreren umlaufenden Rotunden, die den als Oval angelegten Gnadenaltar im Zentrum des eigentlichen Längshauses geschickt hervorheben.

Errichtet wurde der Altar über dem Ort, an dem 1445 dem Schäfer des damaligen Klosters Langheim ein weinendes Kind erschienen war. Das Kind erschien ihm kurz darauf wieder, dieses Mal mit zwei brennenden Kerzen. Beim dritten Erscheinen trug es ein rotes Kreuz und war umgeben von 14 Gleichaltrigen, die sich als Nothelfer zu erkennen gaben und an dieser Stelle eine Kirche forderten. Nach einer weiteren Erscheinung sowie einer Wunderheilung 1446 war die zunächst skeptische Klosterleitung überzeugt und ließ eine Kapelle für die bereits einsetzende Wallfahrt bauen.

Das kleine Gotteshaus wurde im Bauernkrieg 1525 niedergebrannt. Ihm folgte 1543 ein größerer und wehrhafter Neubau. Schon in den Anfängen gab es Streit zwischen dem Kloster und der zuständigen Pfarrei in Staffelstein. Es ging um die Rechte an der Wallfahrt und natürlich um die Opfergaben. Die Einigung sah letztlich vor, dass ein Drittel der Einnahmen auch an den Bamberger Fürstbischof abgeführt werden musste, der sich dadurch ein Mitspracherecht bei allen Fragen rund um den Kirchenbau sicherte.

Im 18. Jahrhundert war die Kirche erneut zu klein, die Wallfahrt boomte. Um den nötigen Neubau entspann sich jedoch ein jahrelanges Gerangel zwischen Klosterabt und Bischof, aus dem Letzterer als Sieger hervorging. Es ging um Kosten, Größe und Gestaltung des Baues sowie die Platzierung des geplanten Gnadenaltars innerhalb des Kirchenraums. Als Balthasar Neumann die Bauleitung übertragen bekam, galt es für ihn, erst einmal die Mängel, die der bereits zum Teil errichtete Bau aufwies, zu korrigieren. So kam er auf den Kunstgriff mit den Rotunden, die das Kircheninnere auf ungewohnte Weise charakterisieren. Sein Vorgänger als Architekt wurde dagegen vom Fürstbischof als „Kleinigkeiten-Ingegneur“ gescholten, der „so große Sachen nicht zu verstehen scheinet“.

Neumanns Erfolg zeigt sich bis heute. Vierzehnheiligen ist Frankens meistbesuchte Wallfahrtsstätte. Wer das Innere bestaunt, könnte auf die Idee kommen, dass es Frankens Rokokoantwort auf die oberbayerische Wieskirche ist, die knapp 20 Jahre zuvor eingeweiht worden war. Nicht der Hochaltar im Chor, sondern der Gnaden- oder Nothelferaltar zieht die Gäste an. Die 14 namensgebenden Heiligen sind als weiß marmorierte Stuckfiguren dargestellt. In relativ lässiger Haltung stehen und sitzen die Nothelferinnen und -helfer rund um das Oval, verteilt auf mehrere Etagen. Zu erkennen sind sie an ihren jeweiligen Symbolen, so etwa Blasius mit gekreuzten Kerzen, Eustachius mit Bogen und Hirsch, Vitus mit einem Hahn und Barbara mit Kelch und Turm. Achatius, Aegidius, Christophorus, Cyriacus, Dionysius, Erasmus, Georg und Pantaleon sowie Katharina und Margarete vervollständigen die Runde. Gekrönt wird der Altar, der in der Architekturliteratur als durchbrochener Baldachin bezeichnet wird, von einer Weltkugel, auf der das nackte Kind gleich viermal gezeigt wird, umgeben von einem Strahlenkranz. Unter der beeindruckend raumgreifenden Anlage befindet sich die Stätte der Erscheinungen, die sich hinter einem Schmuckgitter verbirgt.

Der Blick auf die Ausstattung des Gotteshauses gleicht einem Fest fürs Auge. Deckenfresken setzen die Dreifaltigkeit ins Bild, zeigen die 14 Heiligen und die Visionen des Klosterschäfers ebenso wie Szenen, in deren Mittelpunkt das Christuskind steht, etwa die Ankündigung der Geburt oder die Anbetung. Nicht alle Fresken stammen aber aus dem 18. Jahrhundert. Und an den Wänden Stuck, wohin man schaut – als Dekoration wie auch als figürliches Element. So findet man stuckierte Figuren etwa am Hochaltar, wo sie das Gemälde, das Marias Aufnahme in den Himmel darstellt, flankieren. Oder an der prachtvollen Kanzel mit den vier Evangelisten-Büsten.
Strahlendes Weiß als Grundfarbe des Raumes

Dass das Gotteshaus trotz des üppigen Zierrats keineswegs überladen wirkt, verdankt es zum einen dem strahlenden Weiß, der Grundfarbe des Raumes, und zum anderen dem Tageslichteinfall. Wer aufmerksam hinschaut, wird bemerken, dass 14 Pfeiler dem Inneren eine zusätzliche Struktur geben. Als tragende Säulen symbolisieren sie die Aufgabe der Nothelfer. Auch dies ein besonderer Einfall Balthasar Neumanns, der die Einweihung nicht mehr erlebt hat. Er starb bereits 1753, doch seine Pläne wurden konsequent zu Ende gebaut. 

Heutige Pilger und Wallfahrer erwartet nicht nur die Basilika. Auch jede Menge Devotionalienstände bieten ihre Waren wie auf einer Kirmes feil. Vor dem Gotteshaus sorgen Gasthäuser und dahinter eine Brauerei mit Ausschank fürs leibliche Wohl. Es geht eben auch ums Geschäft, wie schon in den Anfängen, als man die Attraktivität der Wallfahrt mit einigen Ablässen zu steigern wusste. Betreut wird man seit 1839 von den Franziskanern, die im Klostergebäude neben dem Gotteshaus leben.

Wer sich von der Basilika wegdreht und den Blick über die Landschaft schweifen lässt, kann auf der anderen Seite des oberen Maintals das ehemalige Benediktinerkloster Banz entdecken. Wie Vierzehnheiligen ist es Teil des sogenannten Gottesgartens. Dieser Titel geht auf ein Gedicht von Josef Victor Scheffel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. (Ulrich Traub)
 

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