Bauen

Die Außenfassade von Alt- und Neubau des Wöhrl-Kaufhauses am Ludwigsplatz in Nürnberg. (Visualisierung: Hübsch & Harlé Architekten Stadtplaner)

13.01.2023

Erlebniswelt statt Kaufhaus

Das Stammhaus des Modehändlers Wöhrl am Nürnberger Ludwigsplatz wurde neugestaltet und erweitert

Mit dem Drücken des Startknopfs für die 27 Meter hohe LED-Wand direkt vor dem Aufzug öffnete am 21. September 2022 eine neue Erlebniswelt am Ludwigsplatz in Nürnberg ihre Türen, die weit über die Grenzen der Region hinaus Aufsehen erregt hat. Der neue Wöhrl, also das renovierte und neugestaltete Stammhaus und der direkt angrenzende Neubau, setzt über Nürnberg hinaus Zeichen – sowohl für den stationären Modefachhandel als auch für die durch immer mehr Leerstand gekennzeichneten Innenstädte.

Fast 40 Millionen Euro wurden in dieses Leuchtturmprojekt in Steine und Ladenkonzepte investiert, der größte Teil vom Bauherrn Tetris Grundbesitz AG mit Sitz in Reichenschwand. Damit handelt es sich um eines der größten Projekte im deutschen Einzelhandel der vergangenen Jahre. Für die Unternehmerfamilie Wöhrl als Gesellschafter der Tetris Grundbesitz war die Renovierung und Erweiterung des Modehauses jedoch mehr als eine Investition, sie war eine echte Herzensangelegenheit: Denn am „Weißen Turm“ in Nürnberg liegen die Wurzeln von Wöhrl. Hier übernahm Rudolf Wöhrl 1933 das „Kaufhaus zum Christkind“. Nachdem in den letzten Kriegstagen alles in Schutt und Asche versunken war, begann auf einer kleinen Teilfläche am heutigen Standort unter dem Namen ZETKA – dies stand für „Zuverlässige Kleidung“ – die bewegte Geschichte des Modehauses von Neuem.

Der Neubau entstand an der Stelle des aus den 1970er-Jahren stammenden Sportkaufhauses, das 2019 nach Jahren des Leerstands abgerissen worden war. Anfang 2020 folgte dann auf dem gut 1000 Quadratmeter großen Grundstück der Startschuss für das neue Gebäude. Zusammen mit dem in den Jahren 1911 bis 1913 im neobarocken Stil erbauten Stammhaus bietet Hauptmieter Wöhrl jetzt auf 20 000 Quadratmetern mehr als 400 Marken aus den Bereichen Mode, Beauty und Lifestyle. Zusammen mit namhaften Partnerunternehmen, etwa für die gastronomischen Angebote, ergibt sich sogar eine Gesamtfläche von rund 30 000 Quadratmetern.

Bei der Schließung der Baulücke, die durch den Abriss des Sporthauses entstanden war, bestand die Herausforderung darin, ein Konzept zu entwickeln, das sich harmonisch in das Ensemble an einem so prominenten Ort wie dem Ludwigsplatz einfügt, zugleich aber einen modernen Akzent setzt und überdies den heutigen Anforderungen des Einzelhandels gerecht wird.

Für die Planung und Errichtung des neuen Gebäudes zeichneten die Tetris Grundbesitz sowie die Nürnberger Goetz-Neun Ingenieure GmbH verantwortlich. Ziel war, alle Gebäudeteile barrierefrei miteinander zu verbinden. So ist das Haus sowohl von der U-Bahn als auch von der ebenfalls renovierten Tiefgarage mit 420 Stellplätzen direkt erreichbar. Dieser Aspekt ist nicht zu unterschätzen, denn Nürnberg und damit Wöhrl leben von der ganzen Metropolregion. Die Erreichbarkeit eines Kaufhauses mit dem Pkw neben dem ÖPNV bleibt auch in Zeiten, in denen sich das Mobilitätsverhalten der Menschen ändert, unverzichtbar.

Bei der Fassadengestaltung setzte sich der Vorschlag von Hübsch + Harlé Architekten Stadtplaner aus Fürth durch. Entstanden ist ein im fränkischen Muschelkalk errichtetes Gebäude, das sich unmittelbar mit der Umgebung verknüpft, ohne sie zu dominieren. Großzügige, über zwei Geschosse verlaufende Portale verbinden das Haus mit der Fußgängerzone und bieten dem Handel die Chance für große, attraktive Präsentationsflächen. Darüber erheben sich zwei Etagen mit klar gegliederten, symmetrischen Öffnungen, die sich an die Fassade des Stammhauses anlehnen. Vertikal aufstrebende, tiefe Schattenfugen teilen den Bau in kleinformatige „Häuser“ auf, eine horizontale Schattenfuge stellt die Verbindung zum angrenzenden Wöhrl-Stammhaus her.

Für den Innenausbau im Alt- und Neubau zeichnete das Düsseldorfer Architekturbüro Schwitzke & Partner verantwortlich. Alle Flächen im Stammhaus wurden – bei laufendem Geschäftsbetrieb – komplett umstrukturiert, um Kund*innen eine klare Orientierung zu bieten und zugleich Raum für Pop-up-Flächen mit einem ständig wechselnden Sortiment zu schaffen. Hinzu kommen offen gestaltete Serviceflächen, etwa für Personal-Shopping-Angebote, die hauseigene Schneiderei „Nadel & Zwirn“ oder auch für eine Postfiliale. Auf allen Etagen finden sich großzügige Loungebereiche, die sich harmonisch in das Farbkonzept aus warmen, natürlichen Tönen einfügen und Ruhepausen vom Shopping ermöglichen sollen.

Bei den Materialien ließen sich die Innenarchitekten von der fränkischen Umgebung inspirieren. Sie reichen von Eiche, Terrakotta und Terrazzo über Messing und Gold bis hin zu geriffeltem Glas. Teppiche sowie elegante Tapeten und Vorhänge in den Highlight-Bereichen schaffen zusätzliche Akzente. Für die neue Beauty-Abteilung im Erdgeschoss wurde beispielsweise regionaler Sandstein mit gebürstetem Edelstahl kombiniert.

Moderner Modehandel, davon ist man bei Tetris und Wöhrl überzeugt, muss eine Erlebniswelt mit hoher Aufenthaltsqualität schaffen, in der sich Kund*innen wohlfühlen. Dazu gehört nicht nur, ihnen eine große Auswahl an Produkten und Services zu offerieren, sondern auch Möglichkeiten der Erholung und des kulinarischen Genusses. Ein attraktives und hochwertiges Innendesign spielt dabei eine wichtige Rolle.

Gegensätze und Brüche sind durchaus willkommen: So erstreckt sich das Young Fashion-Konzept „U-Eins“ von Wöhrl jetzt auf das gesamte Untergeschoss von Alt- und Neubau. Der von namhaften Künstlern gestaltete Ladenbau aus komplett recycelten Materialien und Gegenständen bildet einen klaren Kontrast zum gehobenen, edlen Ambiente im Erdgeschoss und in den oberen Verkaufsetagen.

Der neue Wöhrl ist eine Investition, die aus Überzeugung in die Zukunftsfähigkeit des stationären Einzelhandels erfolgt ist. Die Reaktionen von Kund*innen, Marktfachleuten und der lokalen Öffentlichkeit auf das Endergebnis dieses Projekts sind nahezu durchweg positiv. Das Schließen der Baulücke am Ludwigsplatz sowie die Neugestaltung und Erweiterung des Stammhauses einer der bekanntesten Unternehmen des deutschen Modehandels sind ein Beitrag, die Anziehungskraft der Metropolregion Nürnberg mit ihren rund 3,5 Millionen Einwohner*innen zu erhalten und zu stärken. (Michaela Neuner)

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