Bauen

Die Funktion einer Schwammstadt. (Grafik: DWA-Landesverband Bayern)

29.04.2024

Grün-blaue Infrastruktur statt grauer Betonwüsten

Städte wie Schwämme – über wassersensible Siedlungsentwicklung

Lederhülsenbaum, Purpur-Erle und Japanischer Schnurbaum – das sind nicht nur bildhafte Namen, sie stehen auch für Pflanzen mit besonders robusten Eigenschaften: Diese Bäume eignen sich laut einem Bericht des Forschungsprojekts „Stadtgrün 21+“ der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau als Stadtbäume der Zukunft, denn sie kommen gut mit Hitze und Trockenheit zurecht. 20 verschiedene Baumarten werden seit 2010 und neun weitere seit 2015 auf ihre Eignung als klimaresiliente Stadtbäume getestet, daraus abgeleitet werden Empfehlungen für den Einsatz in verschiedenen Regionen. Denn: Unsere derzeitigen Stadtbäume, Ulme, Linde, Esche, Eiche oder Platane kommen mit den klimatischen Bedingungen nicht mehr so gut zurecht wie bisher.

„Unsere heimischen Baumarten kommen aus dem Wald. In der Stadt ist es immer deutlich wärmer als im Wald, vor allen Dingen die Rückstrahlung von den versiegelten Flächen nachts, macht den Bäumen sehr zu schaffen“, so die projektverantwortliche Biologin Susanne Böll im Beitrag „Klimawandel erzeugt Stress“ des Bayerischen Rundfunks.

Seit 21. März wächst auch in München ein neuer Japanischer Schnurbaum: Er ersetzt einen alten Baumstumpf an der U-Bahnstation Oberwiesenfeld. Wer es (als Baum) hier schafft, schafft es überall: Der Platz vor einem Hochhausensemble ist versiegelt, das Straßenverkehrsaufkommen ist tags wie nachts hoch. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass die Fläche sich bei sommerlichen 33 Grad stark aufheizt. So bescheiden die kühlende Wirkung des noch zierlichen Schnurbaums ist, seine symbolische Wirkung ist kraftvoller: Er steht für das Prinzip der klimaresilienten Stadt.

Folgerichtig übernahmen die Schirmherrschaft dieser Klimabaumaktion Bayerns Bauminister Christian Bernreiter (CSU) sowie Umwelt und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber (FW). Initiiert wurde die Pflanzung von der Verbändekooperation „Wassersensibles Planen und Bauen“. Sie setzt sich seit 2019 dafür ein, Wasser vielmehr als bisher einerseits als dringend benötigte, kostbare Ressource für ein angenehmes Stadtklima bei Hitze wertzuschätzen. Und es andererseits als potenzielle Gefahr bei Starkregen und drohender Überflutung ernst zu nehmen.

Mitglieder der Verbändekooperation sind vier große Akteure aus der Bau- und Wasserwirtschaft: die Bayerische Architektenkammer, die Bayerische Ingenieurekammer-Bau, der Bayerische Handwerkstag sowie die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall DWA-Landesverband Bayern, hinzukommen weitere Partner.

Anlässlich des Weltwassertags am 22. März forderte das Bündnis auch die Umsetzung eines Konzepts, das für die klimaangepasste Zukunft unserer Lebensräume elementar ist: die Schwammstadt. Diese Bezeichnung steht für Siedlungen und Städte, die so geplant sind, dass sie Wasser wie Schwämme aufnehmen, wenn es reichlich vorhanden ist, etwa bei Starkregenereignissen, und es langsam wieder abgeben, wenn Hitzeperioden herrschen. Dafür braucht es in Städten und Gemeinden eine sogenannte grün-blaue Infrastruktur statt grauer Betonwüsten.

Mehr Vegetation in Innenstädten, auf Hausdächern, an Fassaden und mehr versickerungsfähige statt versiegelter Flächen. Vorteile wie Verschattung, Kühlung durch Verdunstung, mehr Biodiversität und weniger Überflutungen liegen auf der Hand. Rückhalteflächen, Zisternen, Sickermulden und Rigolen sind weitere Maßnahmen, die das Regenwasser für Trockenzeiten speichern und es davon abzuhalten, ungenutzt in die Kanalisation abzufließen beziehungsweise sie zu fluten. Gerade Starkregenereignisse der jüngeren Vergangenheit zeigten immer wieder, dass die technischen Systeme wie Abwasserrohre oder Kläranlagen vielfach nicht auf so große Wassermassen ausgelegt wurden. Und je versiegelter eine Innenstadt ist, desto schneller sind die Systeme überlastet. Laut Statistikportal von Bund und Ländern waren im Jahr 2022 ganze 46 Prozent der Siedlungs- sowie Verkehrsflächen versiegelt und damit ist fast jeder zweite Regentropfen, der fiel, ungenutzt geblieben, bei wiederkehrenden Hitze- und Trockenperioden. Es gibt also dringenden Handlungsbedarf.

Ein Vorreiter,
Pfaffenhofen an der Ilm

Pfaffenhofen an der Ilm hat das erkannt und einen ganzen Stadtteil nach dem Schwammstadtprinzip neu errichtet. Im EcoQuartier wird Regenwasser über gepflasterte Rinnen auf versickerungsfähige Flächen abgeleitet, ein Teil versickert, der Rest fließt in den Bach. Innenhöfe sind unversiegelt, Dächer bepflanzt, es gibt überflutbare Grünflächen.

Dass das EcoQuartier „auf der grünen Wiese“ entstand, machte die Planung und Umsetzung verhältnismäßig einfach. Ein Umbau im Bestand und in einem bereits versiegelten öffentlichen Raum gestaltet sich da schon schwieriger. Aber auch in bestehenden Stadtbezirken ist ein sensibler Umgang mit Wasser möglich. Berlin und Hamburg haben bereits einige Maßnahmen umgesetzt. Auch München plant in Richtung Schwammstadt. So heißt es in der Strategie der Bayerischen Wasserwirtschaftsverwaltung, nachzulesen auf den Seiten des bayerischen Umweltministeriums, dass „die Entwicklung urbaner Räume nach dem Schwammstadtprinzip voranzubringen“ sei.
Den Worten müssen Taten folgen, lieber heute als morgen. Franz Damm, Landschaftsarchitekt und Vizepräsident der Bayerischen Architektenkammer betonte daher bei der Baumpflanzaktion, „dass man früh mit der Vorsorge beginnen muss, denn Bäume als Baustein der Klimaanpassung brauchen Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten“. Und klar ist: „Klimaanpassung geht nur gemeinsam“, wie es Andreas Rimböck, stellvertretender Vorsitzender des DWA-Landesverbandes Bayern ergänzt.

Ja, der Weg zur Schwammstadt dauert, ist umfassend, erfordert unterschiedliche Expertisen und betrifft alle. Aber die Aussicht weckt Optimismus: Grün-blaue Städte machen nicht nur für das Klima einen Unterschied, sie steigern zugleich die Aufenthaltsqualität aller Menschen. (Hanna Altermann)
 

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