Bauen

Das Günzburger Schloss von Südwesten her gesehen. (Foto: Fotostudio Sienz, Kempten)

03.03.2023

Arbeiten in historischem Ambiente

Das Günzburger Schloss sowie das hier untergebrachte Finanzamt wurden in zwei Bauabschnitten generalsaniert

Das Günzburger Schloss blickt als städtebaulich dominantes Baudenkmal auf historisch glanzvolle Zeiten zurück – zunächst als prunkvolle Renaissance-Residenz, später als repräsentativer Behördensitz mit imposanten spätbarocken Fassadenmalereien. Nach purifizierenden Maßnahmen der Nachkriegsjahrzehnte war davon nicht mehr viel geblieben. Stattdessen kamen zu den ästhetischen Einbußen auch die Spuren der Zeit. Eine Generalsanierung war dringend erforderlich.

Das Staatliche Bauamt Krumbach, das für die Planung, die Bauleitung und das Projektmanagement der Maßnahme verantwortlich ist, nutzte die Chance, vor dem Hintergrund eines umfangreichen Gesamtkonzepts Funktion, Konstruktion und Gestaltung in denkmalgerechter sowie neuer, zeitgemäßer Weise zusammenzuführen.

Die ehemalige markgräfliche Residenz ist in Deutschland das Einzige von den Habsburgern erbaute Schloss. Dazu wurde das an dieser Stelle bereits 1452 errichtete Burgschloss 1580 im Stile der italienischen Renaissance erweitert und sämtliche Außenfassaden, auch die des Burgschlosses, einheitlich mit einer Sgraffito-Putzdekoration gestaltet.

Im Inneren dominierten damals hölzerne Vertäfelungen und Kassettendecken sowie in jeder Hinsicht hoher Komfort auf der Höhe der Zeit. Im Zuge der Verwaltungsreformen 1752 wurde Günzburgs Schloss Behördensitz des vorderösterreichischen Oberamts. Der Wettenhauser Stiftsbaumeister Joseph Dossenberger gestaltete dafür das Gesamtensemble im barocken Zeitgeist neu: mit hohem, dominantem Mansardwalmdach, aufwendiger spätbarocker Fassadenmalerei sowie im Inneren des Hauptgebäudes mit mehreren Repräsentationsräumen. Spätere Maßnahmen am Stadtturm beeinträchtigten jedoch maßgeblich den Gesamteindruck und die einst klare Symmetrie der westlichen Günzburger Stadtansicht. Der purifizierende Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum ignorierte dann letzte Spuren älterer Ausstattungsphasen.

Seit Mitte 2017 wurde die repräsentative Anlage für das Finanzamt mit attraktiven Arbeitsplätzen und modernem Servicezentrum umgebaut und generalsaniert. Im Rahmen der Umbau- und Sanierungsarbeiten ist es gelungen, die ursprüngliche architektonische Qualität des Gebäudes gezielt herauszuarbeiten und im harmonischen Dialog mit zeitgemäßen Materialien respektvoll neu zu akzentuieren. 

Neue Fenster in Holzoptik

Eine besondere Herausforderung stellten dabei die Fassaden dar. Die einst vorhandene aufwendige barocke Fassadenmalerei wurde in vereinfachter Form wieder aufgenommen. Anstatt wie zur Zeit des Barock mit Farbe zu arbeiten, erhielten die Putzoberflächen unterschiedliche Oberflächenstrukturen, Linien und Putzstärken, die das Gebäude nun wieder horizontal und vertikal gliedern und die zusammen ein subtiles Spiel von Licht und Schatten bewirken.

Durch den Einsatz eines hoch wärmedämmenden Leichtputzes erreicht das Gebäude obendrein eine effiziente Dämmung. Neu sind auch die Fenster, die vor dem Hintergrund historischer Originale entworfen wurden und heute in markanter Holzoptik ebenfalls bewusst prägnante Akzente im Fassadenbild setzen. 

Im Rahmen des 1. Bauabschnitts wurden außerdem die Hofarkaden im Westflügel geöffnet und hinter einer geschossübergreifenden Glasfassade als repräsentative, transparente Eingangssituation ästhetisch wirkungsvoll neu inszeniert. Hier befindet sich der Haupteingang, übersichtlich und barrierefrei. Durch die Öffnung der Arkadenbögen der Barockzeit bestand die Möglichkeit, die Sgraffito-Dekoration sichtbar zu machen. Sie entfaltet durch die Glasfassade hindurch und als Spiegelung der Hofkirche ihre noch immer vorhandene gestalterische Qualität und stellt ein originales Zeugnis aus der Geschichte des Schlosses dar. Im Erdgeschoss des Westflügels ist außerdem die aus dem 14. Jahrhundert stammende Stadtmauer integriert. Sie bildet das ästhetisch prägnante Rückgrat des neuen Servicezentrums. 

Mit der Wiedereröffnung des Westflügels wurde 2019 der 1. Bauabschnitt abgeschlossen. Darauf folgte die Sanierung des Hauptgebäudes mit dem Südflügel. Wie schon beim Westflügel waren auch hier massive statische Reparaturen notwendig. Neben vielen anderen Maßnahmen mussten alle Gebäudeflügel mittels Spannankern im Deckenbereich stabilisiert werden. Alle Deckenbalken erhielten zur Schwingungsreduzierung Beilaschungen. Dabei durften die historischen Putzdecken, sogenannte Bockshäute, nicht beschädigt werden.

Um die Anlage barrierefrei zu machen, integrierte man in den Westflügel einen Aufzug, die Erdgeschosse erhielten neue Bodenplatten, die Gesimse wurden rückverankert und die Dachstühle mussten repariert werden. Am Westflügel waren Unterfangungsarbeiten an der ehemaligen Stadtmauer und den Arkaden notwendig. Um der westlichen Stadtansicht ihre barocke Symmetrie zu verleihen, wurde das Unterteil des historischen Turmdachstuhls zu einem Mansarddach ergänzt und mit Biberschwanzziegeln eingedeckt. Die erhaltene barocke Goldkugel ziert wieder die Turmspitze. 

Bislang endete die barrierefrei gestaltete Treppenanlage zur Anbindung der westlichen Stadtbereiche in einem aus den 1960er-Jahren stammenden, engen Durchgang im Südfügel. Um diesen Bereich aufzuwerten, öffnet sich heute wieder der historische Durchgang durch das Hauptgebäude. Im Zusammenspiel mit dem neu gestalteten Turniergarten bildet der Schlossdurchgang nun einen sehr einladenden westlichen Stadtzugang. Dabei ist nicht nur ein öffentlicher Durchgang entstanden, sondern gleichzeitig wird der Bereich auch genutzt, um die hoch spannenden Ergebnisse aus der Bauforschung allen Interessierten zugänglich zu machen

Die goldene Lamellenverkleidung des neuen öffentlichen Durchgangs wird an der Nordseite des Südflügels weitergeführt. Neben der Integration eines Garagentors für die Dienstfahrzeuge war es dadurch möglich, die Veränderungen der Jahrhunderte durch die Lamellenverkleidung hindurch ablesbar zu machen.

Zu den gebäudetechnischen Neuerungen gehört unter anderem eine Wärmepumpe, die in Spitzenzeiten von einer Gas-Brennwerttherme unterstützt wird. Das Schloss erreicht in Sachen Energieeffizienz heute nahezu Neubaustandard. Die Sanierung des Nordflügels, des angrenzenden „Minholzhauses“ und des Schlosshofs sollen später in einer letzten Etappe folgen.

Nach der Fertigstellung des 2. Bauabschnitts der Baumaßnahme können die Mitarbeiter*innen des Finanzamts die entstandenen modernen Arbeitsplätze nutzen. Die gravierenden statischen Mängel des Gebäudes wurden behoben. Zudem erhielt die Stadt Günzburg neben seiner historischen, symmetrischen Stadtansicht auch einen angemessenen Westzugang.

Zum ersten Mal seit der Erbauung des Schlosses wurden denkmalpflegerische, funktionale, energetische und gestalterische Aspekte in einem Gesamtkonzept in Einklang gebracht. So hat sich das vormals banale Günzburger Finanzamtsgebäude zu einem wertigen Baudenkmal gewandelt, dessen jahrhundertelange Geschichte wieder spürbar und nachvollziehbar ist. (BSZ)
 

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