Bauen

Das Arvo-Pärt-Zentrum in Laulasmaa mit dem 32,4 Meter hohen Aussichtsturm. (Foto: Ursula Wiegand)

02.09.2021

Pilgerort und Ikone der Moderne

Architekturspaziergang durch das estnische Pärnu und das Arvo-Pärt-Zentrum in Laulasmaa

Bei uns gehen die Uhren etwas langsamer als sonst in Europa, nur das Internet ist schnell“, sagen die Esten. Schnell wird dort aber auch restauriert und Neues gebaut. Beispiele bietet Pärnu, Estlands Sommerhauptstadt an der Südwestküste.

Gerne zeigt Stadtführerin Ann Eichhorst die Villa Ammende, ein Jugendstil-Juwel von 1905, entworfen vom St. Petersburger Architekturbüro Mieritz & Gerasimov. Die Villa steht unter Denkmalschutz und ist nun ein Boutique-Hotel. Für eine Kombination aus Jugendstil und Moderne entschied sich das Spa-Hotel Hedon am Meer. Der lang gestreckte Anbau von 2011 – geplant vom Architekten-Team Inge Raukas, Zarmo Teedumäe – zitiert mit seiner bewegten Fassade die Ostseewellen.

Pärnus helles Highlight mit den vielen Fenstern ist das Konzerthaus von 2002 am Pärnu-Fluss, konzipiert von K. Koov, K. Nõmm und H. Grossscmidth. Hier findet das „Pärnu Music Festival“ statt und stets stehen auch Werke von Arvo Pärt auf dem Programm.

Schlanke Säule
und ein Zinkdach

Der jetzt 85-Jährige wird aufgrund seiner besonderen Musik weltweit geliebt und hochgeschätzt. Während der Sowjetzeit musste er seine Heimat verlassen und lebte mit seiner Familie rund 30 Jahre als Stipendiat in West-Berlin. Ihm zu Ehren und zur Unterbringung seines Archivs wurde in Laulasmaa – 35 Kilometer westlich von Tallinn – das Arvo-Pärt-Zentrum errichtet. Mitten im Wald und mit Bezug auf Arvo Pärts Naturliebe und Bescheidenheit.

Genau so hatten es die Gewinner des internationalen Wettbewerbs – Nieto Sobejano Arquitectos, Madrid/Berlin – entworfen. Das weithin tätige Team – in München Planer der Bavaria Towers – hat sich mit dem Arvo-Pärt-Zentrum Estlands Natur angenähert, die Enrique Sobejano nach eigenen Worten sehr beeindruckt (siehe unten stehendes Interview).

Die schlanken Säulen, die das Zinkdach tragen, entsprechen sichtlich den ebenso schlanken Stämmen der Kiefern, die das Gebäude umschließen. Der einstöckige Bau – geprägt von runden Säulen vor Glasfensterfronten – bleibt unterhalb der Baumwipfel und wirkt seitlich betrachtet eher geschwungen als kantig.

Enrique Sobejano, Professor an der Universität der Künste in Berlin, hat diesen Bau als einen Versuch bezeichnet, einen Dialog zwischen Architektur, Musik und Natur herzustellen. Für Architektur- und Musikliebhaber ist das Arvo-Pärt-Zentrum bereits ein Pilgerort und eine Ikone der Moderne.

Am besten lässt sich der Bezug zur Umgebung beim Blick vom weißen, 32,4 Meter hohen, auf einen fünfeckigen Grundriss gestellten Aussichtsturm erkennen. Von dort oben geht der Blick über Baumwipfel bis zur Ostsee. Wer andererseits vom Turm auf das Flachdach mit seinen fünfeckigen, unregelmäßig angeordneten Fensteröffnungen schaut, fühlt sich an die Steine im Wasser der Bucht von Laulasmaa erinnert. Durch diese Fenster fällt tagsüber viel Licht ins Gebäude, das trotz der versteckten Lage ein offenes Haus ist. Es enthält eine für die Besucher nutzbare Bibliothek, ein Auditorium mit 140 Plätzen, Unterrichtsräume mit verschiebbaren Wänden, einen Konzertsaal mit fabelhafter Akustik, ein Café und eine zentimetergenau in einen Innenhof eingepasste orthodoxe Kapelle.

Nach nur 16-monatiger Bauzeit wurde das komplett fertiggestellte Arvo-Pärt-Zentrum am 13. Oktober 2018 eröffnet. (Ursula Wiegand)

 

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