Bauen

Die Akademie der Bildenden Künste in München von Gottfried von Neureuther. (Foto: Ulrike Myrzik)

12.10.2018

Prominente und weniger bekannte Bauten

Ausstellung im Münchner Architekturmuseum : „Königsschlösser und Fabriken – Ludwig II. und die Architektur“

Die Ausstellung „Königsschlösser und Fabriken – Ludwig II. und die Architektur“ ist der zentrale Beitrag des Architekturmuseums der TUM zum 150-jährigen Jubiläum der Technischen Universität München. Erstmals in einer Ausstellung wird die gesamte Spannweite der Architektur- und Bautätigkeit unter der Ägide des Hochschulgründers Ludwig II. von Bayern (1864 bis 1886) vorgestellt. Seine Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee sind das weltbekannte Symbol einer sehr persönlichen, visionären Architekturauffassung. Aber der einzigartige Erfolg der Königsschlösser hat die fundierte Betrachtung der anderen Bauaufgaben lange überstrahlt.

Die Ausstellung widmet sich nun ganz ausführlich der öffentlichen und privaten Bautätigkeit im Königreich Bayern in dieser Zeit, die von der Industrialisierung, zwei Kriegen und der Reichsgründung geprägt war. Dazu zählen so prominente Gebäude wie das Münchner Rathaus von Georg von Hauberrisser, die Münchner Akademie der Bildenden Künste von Gottfried Neureuther und das Bayreuther Festspielhaus von Otto Brückwald.

Aber auch weniger bekannte, zugleich architektur- und kulturgeschichtlich bedeutende Bauten wie die Fabriken des Augsburger Textilviertels, die Synagogen in München und Nürnberg oder die ephemeren Architekturen für die bayerischen Industrieausstellungen, die unter Ludwig II. eine erste Blüte erfuhren, werden in der Ausstellung gezeigt. Durch die Darstellung der gesamten Breite der Bauaufgaben seiner Epoche soll die klischeehafte Vorstellung, dass der als Märchenkönig verklärte Ludwig II. an den technischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit desinteressiert gewesen sei, kritisch hinterfragt und sein Einfluss darauf besser verstanden werden.

Die von Katrin Bäumler kuratierte Ausstellung präsentiert überwiegend originale Zeichnungen, Pläne, Fotografien und Modelle von über 25 nationalen und internationalen Leihgebern, darunter selten gezeigte Objekte, wie Entwürfe zu den Königsschlössern aus den Beständen der Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, des Wittelsbacher Ausgleichsfonds und des Geheimen Hausarchivs.
Vorgestellt wird zudem eine vielfältige Auswahl aus der Sammlung des Architekturmuseums der TUM, so etwa die Zeichnungen Gottfried Sempers für das von Ludwig II. für München projektierte Richard-Wagner-Festspielhaus. Diese vermachte der Monarch der Architekturfakultät zur Gründung der Polytechnischen Schule und legte damit den Grundstein des heutigen Architekturmuseums der TUM. Die gegenwärtige Präsenz der zahlreich erhaltenen Bauten aus dieser Zeit wird über eine eigens beauftragte Serie von Fotografien von Ulrike Myrzik anschaulich.

Die Ausstellungsarchitektur wurde vom Londoner Studio Weave entworfen und greift im Zusammenspiel mit der Ausstellungsgrafik von Hannes Aechter Elemente der von Ludwig II. begeistert rezipierten Weltausstellungen auf, die nach jüngsten Forschungen eine Schlüsselrolle für die Interpretation der Königsschlösser spielen.

Ein von Klara Bindl und Maike Backhaus konzipierter Kinderparcours soll die Ausstellungsinhalte spielerisch den jüngeren Besuchern vermitteln. In Kindern vorbehaltenen Stationen können Flyer entdeckt werden, die sich wahlweise zu einer Krone oder einem Booklet zusammenstellen lassen.

Die Spannweite der Architektur- und Bautätigkeit wird in der Ausstellung in einzelnen Kabinetten dargestellt und erläutert. Das sind unter anderem: Städtebau; Verkehr; Industrie, Handel und Gewerbe; Wohnbau; Militärbau; Gesundheit, Hygiene und Sozialfürsorge sowie Sakralbau.

Richtungsweisend für den Städtebau unter Ludwig II. war die Wende von der monarchisch geprägten zur kommunalen Planungshoheit. 1869 wurde sie vom König mit der Revision des Gemeindeedikts von 1818 anerkannt. Sie markiert eine wichtige Zäsur in der Münchner Stadtplanung: Hatte sich diese zuvor unter königlicher Leitung auf einzelne Straßenzüge beschränkt, begann nun die schrittweise Entwicklung eines gesamtstädtischen Generalplans. Dieser Prozess sollte jedoch erst Jahrzehnte später abgeschlossen sein.
Zugleich setzte in dieser Zeit auch der Wandel Münchens zur Metropole ein, der eine rasante Ausdehnung des Stadtgebiets zur Folge hatte. Der Großteil des Bauvolumens resultierte dabei aus der Entwicklung neuer Wohngebiete. Diese waren überwiegend in sogenannter geschlossener Bauweise über geometrischem Grundraster konzipiert – so auch bei dem ab 1870 in Zusammenhang mit dem Bahnhof Haidhausen errichteten Ostbahnhofviertel. Daneben kamen erste Wohnquartiere in offener Bauweise auf, darunter das ab 1883 bebaute Wiesenviertel.

Eine Besonderheit dieser Zeit sind die Ringstraßenprojekte in Augsburg, Nürnberg und Würzburg. Sie hängen mit der Entfestigung dieser Städte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zusammen und orientieren sich am Vorbild der 1865 eröffneten Wiener Ringstraße.

Eisenbahn stand im Mittelpunkt des Interesses

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand die Eisenbahn als schnellstes Verkehrsmittel der damaligen Zeit im Zentrum des Interesses. Abgesehen von der Personenbeförderung eröffnete sie neue Möglichkeiten für den Gütertransport und damit auch für die industrielle Entwicklung. Kennzeichnend für die Regierungszeit Ludwigs II. sind der bedeutende Ausbau der Streckendichte, die Entwicklung eines Gesamtnetzentwurfs und die Verstaatlichung zahlreicher Privatbahnen.

Besondere Aufmerksamkeit in der Planung galt den Bahnhofsbauten, die als neue Typologie starke Präsenz im Stadtbild erhielten. Den nach rationalen Gesichtspunkten und häufig anhand von Normplänen gestalteten Bahnhöfen in der Provinz stehen die großstädtischen Kathedralen des Verkehrs gegenüber, die einen hohen baukünstlerischen Anspruch erkennen lassen. In ihrer funktionalen Zweiteilung in Empfangsgebäude und Gleishalle – erstere in traditionellem Massivbau, letztere in Glas-Eisen-Konstruktion – kommt zugleich die Ausdifferenzierung der Disziplinen Architektur und Ingenieurbau zum Ausdruck.

Zu den herausragenden Ingenieurleistungen jener Zeit gehört auch die Konstruktion von Brückenbauten, die zum Großteil auf den Ingenieur Heinrich Gottfried Gerber zurückgehen. Sein 1866 patentierter Gerberträger, der sich bei Brücken mit großer Spannweite schnell durchsetzte, fand erstmals bei der Haßfurter Straßenbrücke Anwendung.

Zu den zentralen Problemen der Regierungszeit Ludwigs II. gehörte auch die soziale Frage. Das vermeintliche Desinteresse des Königs daran wurde durch jüngste Forschungen relativiert: So erließ Ludwig II. zum Beispiel bereits Ende der 1860er Jahre und damit lange vor Preußen die sogenannte Sozialgesetzgebung – ein Gesetzesbündel, das auch die öffentliche Armen- und Krankenpflege reformierte. Dies führte bayernweit zu einer Reihe von Krankenhausneubauten und -erweiterungen.

Prominente Beispiele in München sind die Erweiterung des Krankenhauses rechts der Isar 1868 bis 1870 und der Neubau des Hauner’schen Kinderspitals 1875 bis 1879, den der König auch finanziell förderte. Unter Ludwig II. wurden zudem die hygienischen Verhältnisse in der Residenzstadt und anderen bayerischen Städten grundlegend verbessert. Nach dem Ausbruch der dritten Choleraepidemie 1873 in München veranlasste er die Anlage eines fortschrittlichen Kanalisationssystems nach englischem Vorbild sowie eine zentrale Versorgung der Residenzstadt mit Frischwasser aus dem Mangfalltal.

Das Bürgertum
strebte nach oben

Der Wohnbau unter Ludwig II. tritt in sehr unterschiedlichen Typologien auf und lässt sich in Palais, Villen und Wohnhäuser, Mietshäuser und Arbeitersiedlungen untergliedern. Zwei wichtige Entwicklungen der damaligen Zeit werden darin sichtbar: Zum einen schlug sich das Emporstreben des Bürgertums in repräsentativen Bauten nieder, deren reiche Ausstattung mit der Wohnkultur des Adels konkurrierte. Zum anderen hatten die mit der Industrialisierung verbundene Landflucht und die daraus resultierende Wohnungsnot zur Folge, dass erheblich mehr Mietshäuser in den Stadterweiterungsgebieten gebaut wurden.

Auswirkungen auf die Architektur des Wohnbaus hatte zudem die 1879 von Ludwig II. erlassene Münchner Bauordnung. Sie führte – auch aus hygienischen Gründen – die offene Bauweise ein, bei der die Wohn- und Mietshäuser durch Gärten voneinander abgesetzt werden. Darüber hinaus hob sie die bis dahin gültige Vorschrift der symmetrischen Fassadengestaltung auf. Dies begünstigte die in den 1870er Jahren aufgekommene Orientierung am Stil der Deutschen Renaissance. Frühe Münchner Beispiele hierfür sind das Palais des Grafen Schack, die Villa des Fabrikanten Franz Xaver Schwarzmann oder das heute noch erhaltene Wohnhaus des Künstlers Eduard von Grützner.

Bereits 1864, im ersten Jahr seiner Regentschaft, erließ Ludwig II. eine königliche Verordnung zur Reform des Schulwesens. Sie zielte insbesondere auf eine Verbesserung der Ausbildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und auf die Förderung moderner Wissenschaftszweige ab. Als zeitgemäße Ergänzung zu den traditionellen humanistischen Gymnasien und Universitäten wurden bayernweit Realgymnasien eingerichtet. Für die kulturelle, technische und wirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung war zudem 1868 die Gründung der Neuen Polytechnischen Schule in München.

Mit dem Neubau für die Akademie der Bildenden Künste ließ Ludwig von 1874 bis 1886 noch einen weiteren erstrangigen Hochschulbau mit überregionaler Strahlkraft in der Residenzstadt errichten. Beide Bauten wurden von dem Architekten Gottfried von Neureuther geplant, einem Vertreter der Neorenaissance. Er war unter Maximilian II. vorwiegend im Eisenbahnhochbau tätig gewesen und wurde erst mit der Thronbesteigung Ludwigs II. mit bedeutenden Bauprojekten betraut.

Ludwig II. förderte zugleich aber auch traditionelle humanistische Bildungseinrichtungen. Exemplarisch ist der 1876/1877 realisierte Neubau des 1559 gegründeten Wilhelmsgymnasiums in München, für den der König einen Bauplatz in prominenter Lage an der Maximilianstraße stiftete. (Friedrich H. Hettler)

Die Ausstellung des Architekturmuseums der TUM in der Pinakothek der Moderne in München, Barer Straße 40, ist noch bis 13. Januar 2019 zu sehen.

(Die Eisenbahnbrücke über die Ohe und die Meußdoerffer'sche Malzfabrik in Kulmbach. Schloss Linderhof und das Königshaus auf dem Schachten. Der Thronsaal in Schloss Neuschwanstein sowie Mietshäuser in der Augsburger Volkhartstraße - Fotos: Ulrike Myrzik)

 

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